Baselbieter Talent
Von der Krise zur Berufung: Mike Low singt von Liebe, Verlust und Freiheit

Als Kind tanzte er zu Michael Jackson und Bon Jovi. Als Erwachsener musiziert er mit seiner Verlobten. Der im Oberbaselbiet aufgewachsene Mike Low erzählt in der bz seine nicht ganz alltägliche Lebensgeschichte.

Georgina Rotter
Merken
Drucken
Teilen
Hat seine Heimat wiederentdeckt: Mike Low mit seiner Verlobten und Mitmusikerin Eleanor Low im Kleinhüninger Hafenareal.

Hat seine Heimat wiederentdeckt: Mike Low mit seiner Verlobten und Mitmusikerin Eleanor Low im Kleinhüninger Hafenareal.

Georgina Rotter

«Meine Heimat ist hier», versichert der hochgewachsene Mike Low. Er blickt versonnen auf das Wasser in Kleinhüningens Hafenareal. Zwar ist der blonde Künstler sowohl Schweizer wie auch Amerikaner, aber mit Heimat meint er die Schweiz. Oder die Region Basel. Das ist erstaunlich, war er doch als Kind ein Einzelgänger und fühlte sich oft einsam, wegen seiner für das Oberbaselbieter Dorf Tecknau zu exotischen Charakterzüge. «Als Kind war es schwierig.»

Es klingt bedrückend, wie er das sagt. Er passte nicht in die Fussballclubs. Zu Hause trommelte er auf Kochtöpfen herum und seiner amerikanischen Mutter antwortete er am liebsten singend. Um ihn zum Schlafen zu bewegen, stellten seine Eltern einen Fön an. «Ich brauchte diese Vibrationen, um mich wohlzufühlen», erklärt Low, der zwischendurch gerne seinen Trilby-Hut lüftet, als müsste er einige seiner kreativen Gedanken in die Freiheit entlassen. Er war eben nicht das typische Bauernkind.

Hollywood und die heiligen Berge

Schon als Kind scharfer Beobachter und Umsetzer von Michael Jackson-Tanzsequenzen und Bon-Jovi-Performances, habe er den Unterschied zwischen schwarzen und weissen Tasten erst gelernt, als er schon seine erste Teenager-Band im Baselbiet gegründet hatte. Mit 20 nahm er eine längere Auszeit. Und studierte als Keyboarder am Musician Institute in Hollywood. Er war ein Autodidakt, doch Amerika gab ihm nun ein technisches Fundament, das er unter seine Kreativität legen konnte. Dort gründete er zwei Bands und drückte leidenschaftlich in die Tasten. Prompt wurde er auch noch mit dem «Outstanding Student Award 2005» gekürt. «Ich bin dort als Musiker unglaublich gewachsen», erklärt er mit einer Stimme, die lebhaftes Selbstbewusstsein verströmt.

Doch statt seiner Begabung zu folgen, stieg er ein in die aufreibende Wirtschaftswelt und arbeitete am Schluss bis zu 14 Stunden täglich als Junior Brand Manager. Die Musik aber blieb sein ständiger Begleiter. Sogar auf den zahlreichen Geschäftsreisen griff er immer wieder zur Gitarre, um mit den Menschen in Berührung zu kommen. «Als ich in Schanghai den Coiffeur-Salon verliess, bin ich mit meiner Gitarre auf die Strasse, und fing an zu spielen. Die Leute aus dem Salon folgten mir nach. Bald standen 40 Leute vor mir, die mich fotografierten», erinnert er sich. Er spiele gerne mit Leuten und für Leute. In seiner Freizeit sei er damals in die heiligen Berge Chinas gereist. «Dort spielte ich auf dem Grandpiano in Hotel-Lobbys und verband mich auch dort mit den Menschen immer über die Musik.» Vor vier Jahren gründete er seine Band, The Mike Story, und war auch vorher immer musikalisch tätig gewesen. Doch Lows Musik wäre ein Leben lang Hobby geblieben. Wäre da nicht die grosse Krise gekommen.

Das Beste, was ihm je passiert ist

«Ich bin relativ jung ausgebrannt», tönt unerwartet das schockierende Statement des umgänglichen, höflichen Künstlers, der kürzlich seinen 30. Geburtstag feierte. «Ich war ein Overachiever – ein Perfektionist», erklärt er seine Verirrung in ein viel zu intensives Arbeitsleben und beschreibt einige Symptome: «Es hat mich geschüttelt und ich hatte Hitzewallungen». Doch es sei auch eine emotionale Krise gewesen. «Dass ich krank wurde, war das Beste, das mir passiert ist. Es war für mich sogar ein Schlüsselpunkt», fügt er an. Damals beschwor er seine Vision aus der Kindheit. Seine Vorbilder waren schon immer Bon Jovi, Bryan Adams, Billy Joel und Elton John. Und Sting. Und dann habe er sich einfach gesagt: «So, und jetzt mache ich das selber.» Kurzum, er hängte seinen Job an den Nagel. «Es war, als würde ich in den luftleeren Raum springen.» Neben einer Teilzeitanstellung begann er sich vor allem der Musik zu widmen, und damit auch seiner ersten EP, einem Mini-Album.

High Energy Piano Rock

Lows kehlig und sehnsuchtsvoll rufende Stimme erinnert an Peter Frampton und in seine Musik stürzt er sich inbrünstig. Seine Lieder handeln von Liebe, Verlust und Freiheit. Low beschreibt die eigene Musik gerne als «High Energy Piano Rock». Trotz seiner virilen Spielkraft hört man im soliden, aufrüttelnden Rock von The Mike Story immer auch ein reiches und bewegliches Arsenal an Einfallsreichtum, aber auch eine aufbauende Sanftmut. «Meine Musik fusst in den 1980er-Jahren», erklärt der Doppelbürger. Doch man hört immer wieder heraus, dass Low einfach Menschen auf liebevolle Weise berühren möchte. «Ich glaube daran, dass Schwingungen und Frequenzen den Menschen stark beeinflussen. Das, was man rausschickt, kommt meistens zurück.»

Schwingungen erlebt der vielseitige Musiker auch in seinem Kontakt mit der Basler Kunstszene, mit anderen Musikern und mit Theaterleuten. «Es ist wie eine Parallelwelt, von der ich früher nichts wusste», meint er nachdenklich. «Ich habe meine Heimat wiederentdeckt.» Oder vielleicht einfach sich selber.