Swisscoy
Von der Landeskanzlei nach Kosovo: Ein Liestaler mitten im Konfliktgebiet

Eigentlich arbeitet der Liestaler Michael Engesser bei der friedlichen Baselbieter Landeskanzlei. Nun hat er seinen Job für aufregenden Einsatz auf dem Balkan auf Eis gelegt: Ein halbes Jahr wirkt er als Verbindungsoffizier bei der Swisscoy im konfliktgeladenen Kosovo.

Andreas Hirsbrunner
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Michael Engesser ist für ein halbes Jahr Verbindungsoffizier bei der Swisscoy im Kosovo.

Michael Engesser ist für ein halbes Jahr Verbindungsoffizier bei der Swisscoy im Kosovo.

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Michael Engesser (41) aus Liestal hat seinen Job bei der Baselbieter Landeskanzlei für ein halbes Jahr, zugunsten eines alles andere als alltäglichen Einsatzes, aufs Eis gelegt: Der Historiker, der in der Schweizer Armee den Rang eines Majors bekleidet, ist noch bis im April als Verbindungsoffizier im Team der Swisscoy im Kosovo tätig. Dies ist bereits sein zweites Engagement in einem Konfliktgebiet: Vor sechs Jahren war Engesser als Militärbeobachter im Südlibanon und auf den Golanhöhen tätig.

Herr Engesser, was hat Sie gereizt, die sichere Schweiz mit dem unsichereren Kosovo zu tauschen?

Da waren zum einen die positiven Erfahrungen, die ich während meiner ersten Mission gemacht habe und zum andern wollte ich den Friedensbeitrag, den die Schweiz im Kosovo leistet, mit meinem Einsatz unterstützen. Ich bin der Meinung, die Schweiz kann nicht nur in der Friedensforschung aktiv sein, sondern muss auch Personal zur Friedenssicherung stellen, wie sie es im Kosovo schon seit längerem macht.

Was ist Ihre Aufgabe im Kosovo?

Ich bin Verbindungsoffizier zwischen einer Untereinheit der Kfor im Norden und den internationalen Organisationen wie OSZE und Unmik sowie den Nichtregierungsorganisationen im gleichen Raum.

Und was machen Sie dabei?

Ich tausche mich mit den Vertretern über die Sicherheitslage aus und versuche dabei herauszufinden, was jede Seite darüber weiss. Ich gebe meine Informationen weiter zuhanden der Kfor, wo dann ein gesamtheitliches Bild entsteht, wie es um die Sicherheit im Land bestellt ist. Dazu gehört auch die Beobachtung der Medien, um zu sehen, was sich politisch und wirtschaftlich im Kosovo und speziell im Norden abspielt.

Wie sieht die Sicherheitslage im Moment aus?

Derzeit sind ja Gespräche am Laufen zwischen der serbischen und der kosovarischen Regierung und es sind alle Seiten auf die Resultate gespannt, insbesondere die serbische Bevölkerung hier im Norden. Entsprechend ist auch die Situation zwar ruhig, aber angespannt. Ich konkret bin aber bis jetzt in keine Situation gekommen, bei der ich hätte sagen müssen: Achtung, Vorsicht. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass wir dank unseren guten Informationen nie unvorbereitet irgendwo hin gehen. Aber man kann nie ausschliessen, dass etwas passiert.

Sind Sie im gepanzerten Fahrzeug und bewaffnet unterwegs?

Wir von der Kfor sind nach der kosovarischen Polizei und der Eulex die dritte Kraft, die für die Sicherheit im Land zuständig ist. Obwohl wir Schweizer keine Polizeifunktion einnehmen, sind wir zum Selbstschutz bewaffnet. Wir bewegen uns aber in ungepanzerten, mit Kfor gekennzeichneten Fahrzeugen.

Wie reagieren die Leute im Kosovo auf die Präsenz des Schweizer Militärs? Ist man da willkommen?

Einerseits sind die Leute froh um die Kfor, weil sie ein relevanter Faktor für die Sicherheit ist. Andererseits haben wir die Kosovoserben, die nicht ganz glücklich sind über die Entwicklung der politischen Situation. Die sich daraus ergebenden Spannungen spielen sich aber zwischen ihnen und den Kosovo-Albanern ab. Aufgrund unserer Rolle, die Bewegungsfreiheit aller Bewohner sicherzustellen, akzeptieren uns grundsätzlich alle.

Wie weit sehen Sie in den Alltag der Leute und inwiefern unterscheidet sich dieser von jenem in der Schweiz?

Ich in meiner Funktion habe nicht so direkten Kontakt zur Bevölkerung wie Einsatzteams vor Ort. Aber ich sehe und lese, wie sich das Alltagsleben abspielt. Und da dreht sich wesentlich mehr um die Abdeckung der Grundbedürfnisse als in der Schweiz.

Gibt es Dinge, die Sie heute anders sehen als vor Ihrem Einsatz?

Ich habe den Kosovo vorher überhaupt nicht gekannt und konnte unter anderem feststellen, dass die Kosovaren extrem fleissig sind. Ich sehe auch, wie der Staat im Aufbau ist. Das zeigt sich etwa an den vielen Zäunen, die belegen, dass Eigentumsverhältnisse geregelt werden wollen. Als Historiker sehe ich, dass unser föderalistisches System in der Schweiz mit den drei Ebenen Gemeinden, Kanton und Bund gar nicht das schlechteste Vorbild wäre und die Schweiz noch mehr für die Friedensförderung machen könnte, indem sie dieses Modell exportieren würde.

Freuen Sie sich auf Ihre Rückkehr?

Ja. Einerseits ist es schön, dank dem Entgegenkommen des Arbeitgebers so eine Erfahrung machen zu können. Andererseits tut es gut, ins gewohnte Umfeld zurückzukehren. Denn zwischendurch macht es mir zu schaffen, so lange von Freunden und Bekannten weg zu sein.

Swisscoy, Kfor, Eulex: Was ist was?

Die Schweizer Armee beteiligt sich seit 1999 an der friedensfördernden Mission Kosovo Force (Kfor). Das aktuelle Kontingent 27 der Swisscoy (Swiss Contingent) umfasst 217 Personen. Der grössere Teil der Swisscoy erbringt Leistungen im multinationalen Rahmen und ist zur operationellen Zusammenarbeit anderen Kfor-Organisationseinheiten zugewiesen. Der andere Teil ist dem Schweizer nationalen Befehlshaber direkt unterstellt und erfüllt sowohl rein nationale wie auch binationale Aufträge aufgrund einer Vereinbarung mit Partnern. Das Parlament hat im Frühling 2011 den Einsatz der Swisscoy bis Ende 2014 verlängert. Die Kfor ist seit dem Ende des Kosovokrieges 1999 im Land. Zu Beginn zählte die Kfor mehr als 50 000 Personen, mittlerweile stehen noch rund 5600 Personen aus rund 30 Ländern im Einsatz. Die Übergangsverwaltung Unmik (United Nations Interim Administration Mission in Kosovo) ist seit 1999 im Kosovo tätig. Die Eulex Kosovo (Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo) unterstützt das Land seit 2008 beim Aufbau rechtsstaatlicher Verfassungs- und Verwaltungsstrukturen. (bz)