Spital
Vorzeigeobjekt, Zankapfel, Trutzburg: Ein Blick in die Geschichte des Bruderholzspitals

Seit 1973 steht das Bruderholzspital auf dem Hügel vor den Toren der Stadt Basel. Seitdem ist es ein weithin sichtbares Zeichen für die Entwicklung des Baselbieter Selbstverständnisses als souveräner Kanton – am Anfang stand jedoch eine Forderung von Basel-Stadt.

Philipp Felber
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Das Bruderholzspital in seinen Anfängen
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Lukas Engelberger kontert Kritik am Bruderholzspital: Der Standort sei etabliert. Doppelinterview mit Lukas Engelberger und Thomas Weber Foto: Lukas Engelberger
Die Regierungsräte Lukas Engelberger (links, Basel-Stadt, CVP) und Thomas Weber (Baselland, SVP) vertreten die Spitalgruppe. Im Herbst soll die Vorlage dazu die Parlamente erreichen. Podiumsdiskussion zur Spitalgruppe mit Engelberger und Weber, organisiert von den Grauen Panthern NWCH. RR Lukas Engelberger (l) und RR THomas Weber
Das Spital auf dem Bruderholz war von Beginn an als stationäres Zentrum ausgelegt.
In Zukunft aber soll vor allem die ambulante Versorgung dort stattfinden können.
Ein Rückblick: Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Die Küche im Bruderholz.
In der Küche des Bruderholz.
Essen in der Kantine.
Zur Orientierung wurden farbige Bänder installiert.
In der Radiologie.
Der Helikopterlandeplatz des Bruderholzspitals.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.
Der Bruderholzalltag in den 1970er-Jahren.

Das Bruderholzspital in seinen Anfängen

zvg

Die Geschichte des Bruderholzspitals fängt nicht erst mit dem Bau im Jahr 1969 an. Viel früher, namentlich 1894, prüfte der Kanton Basel-Stadt, ob auf dem Bruderholz eine Tuberkuloseheilstätte gebaut werden soll. Doch dafür war es den Planern zu windig.

Anders sah dies der Kanton Baselland ein halbes Jahrhundert später. Er kaufte 1951 auf dem Bruderholz 2,95 Hektaren Land. Dies nachdem mit einer Motion im Landrat bereits 1946 ein Bezirks- oder ein Kreisspital im Unteren Baselbiet gefordert worden war: «Die Raumverhältnisse in der Krankenanstalt können den Ansprüchen des Kantons nicht mehr genügen. Erweiterungsbauten werden in nächster Zeit dringend notwendig. Daher wird der hohe Regierungsrat eingeladen zu prüfen und zu berichten, ob es nicht zweckmässiger wäre, auf einen zentralen Erweiterungsbau zu verzichten, dafür aber im untern Kantonsteil ein Bezirks- oder Kreisspital zu errichten.»

Serie: Bruderholz-Spital Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenende» eine Woche lang täglich aus dem und über das Bruderholzspital.

Serie: Bruderholz-Spital Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenende» eine Woche lang täglich aus dem und über das Bruderholzspital.

Mit einer Verschärfung der Taxen-Praxis von Basel-Stadt verdichtete sich der Ruf nach einem Spital im Bezirk Arlesheim nach und nach.

Der 15. Oktober 1973: Im hellen Mantel betritt Lina Schürch den rot gefliesten Empfangsbereich. Nervös zupft sie an ihrem Haar, stellt ihre Tasche auf den Boden und legt den Regenschirm obendrauf. Sie ist die erste Patientin des eben eröffneten Bruderholzspitals und eine Stunde zu früh. Um halb neun hätte sie ihren Termin, nun muss sie warten. Denn die Verbindung zum Computer-Zentrum der Sandoz AG wurde erst für 8 Uhr bestellt.

Und die Verbindung ist wichtig: Denn alle Daten der Patienten werden in eine Datenverarbeitungsanlage zusammengetragen. Die Tücken der Technik. Um halb neun ist es dann soweit, der Computer läuft und Regierungsrat Ernst Löliger überreicht Schürch einen Begrüssungsblumenstrauss. Plus 150 Franken auf einem Sparbüchlein. Die erste Patientin ist etwas Besonderes. Den Tag hindurch werden weitere fünf Patienten im Spital aufgenommen: ohne Blumenstrauss und Zuschuss. Der Betrieb läuft langsam an.*

Doch eine andere Lösung favorisierte der Landrat: ein Spitalabkommen mit Basel-Stadt. Mit dem Ziel, die Versorgung im Bezirk Arlesheim zu gewährleisten. Dieses kam aber nicht zustande, und so ging es in den 1960er-Jahren wieder los mit der Bruderholz-Planung. Einer der Gründe: Von 1960 bis 1970 stieg die Bevölkerung im Kanton Baselland von 148'000 auf 205'000 Personen an. Ein grosser Teil der Baselbieter musste dadurch in der Stadt Basel hospitalisiert werden.

Das Wachstum schwächte sich jedoch in der Folge deutlich ab. Und schon zur Eröffnung war das Thema des Überangebots von Interesse, wie ein Zeitungsartikel in der «National-Zeitung» vom Oktober 1973 zeigt. Ob in Basel und Umgebung ein Überangebot an Spitalbetten hersche, wollte die Zeitung wissen. Worauf Regierungsrat Löliger entgegnete: «Das kann man heute noch nicht sagen.» So ganz sicher war man sich also bereits zu dieser Zeit nicht, wie sich die Spitalsituation entwickeln würde.

«Schicke doch mal den Kartoffelsalat in den dritten Stock», ruft Anton Balsiger durch den Raum. Er ist Koch in der Küche des Bruderholzspitals im zweiten Untergeschoss. An den lindenblauen Wänden spiegelt sich die Sonne an diesem Novembertag 1973. Es ist 12 Uhr, Vollbetrieb in der Küche. Praktisch, dass für die Verteilung des Essens eine Transportanlage installiert wurde. Zudem eine zweite, welche für Spezialtransporte genutzt werden kann. Ein Novum sei dies schweizweit, hat Fräulein Meister einmal gesagt. Sie steht neben dem hornbebrillten Balsiger und ist gerade daran, die Behälter mit Essen zu beladen.

In 45 Minuten ist die Verteilung auf die Pflegestationen und ins Personalrestaurant bereits wieder vorbei. Moderne Zeiten, denkt sich der 32-jährige Balsiger. Und rührt im grossen Chromstahlbehälter die Tomatensuppe um. «Da fehlt noch ein wenig Würze», schreit sein Chef durch die Küche. Anton Balsiger nimmt gedankenverloren die Aromatbüchse zur Hand und würzt drauflos.*

1963 wurde eine Kommission mit den Vorarbeiten für den Bau des Bruderholz’ betraut. Der Spatenstich erfolgte im Jahre 1969, vier Jahre später war das Bruderholzspital fertig. Die Kosten lagen bei 164 Millionen Franken. Das verantwortliche Architekturbüro Suter + Suter hat es im Gegensatz zum Bruderholz nicht ins 21. Jahrhundert geschafft. Es ging in den 1990er-Jahren in Liquidation.

Das Bruderholzspital wurde als Allgemeinspital ohne Spezialabteilungen geplant. Es umfasste am Anfang eine Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Medizin, Geriatrie und eine Kinderabteilung. Die Spezialfächer Augen, Hals-Nasen-Ohren sowie spezielle Bereiche der Chirurgie und Medizin hatten keine feste Bettenzuteilung.

Insgesamt standen rund 460 Betten für Erwachsenen und rund 100 für Kinder zur Verfügung. Jedenfalls zu Beginn. Doch dies sollte sich schnell ändern: Der Plan war ein Komplettausbau auf 1000 Betten. Dazu kam es aber nie. Heute hat das Bruderholzspital 300 Betten. Und diese sind längst nicht immer ausgelastet. Die Wohnsiedlung für das Personal umfasste zu Beginn 266 Einzelzimmer und 21 Zweizimmerwohnungen in drei Hochhäusern. Dazu gabs ein Hallenschwimmbad, eine Gymnastikhalle sowie Aufenthaltsräume, Läden und Musikzimmer. Heute dienen diese Räume allesamt anderen Zwecken.

Ein Schrei. Gerade mal einen Tag alt, öffnet Reto die Augen. Gestern am 17. Oktober 1973 ist er um zwanzig nach 11 abends geboren worden. 52 cm gross und 3880 Gramm schwer. Nun sieht er vor sich verschwommen eine gelbliche Decke. Seine Mutter schläft noch. Er weiss noch nicht, dass er etwas Besonderes ist: das erste im Bruderholz geborene Baby.*

Zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Kantonen kam es wegen der Spitalpolitik immer wieder. Bedeutungsvoll für den Bau des Bruderholzspitals war das Spitalgesetz beider Basel von 1965. Dort stand klar drin, dass der Kanton Baselland selber für seine Spitalbetten besorgt sein soll: «Der Kanton Basel-Landschaft muss gegenüber den heutigen Verhältnissen in stark vermehrtem Masse für die Beschaffung eigener Spitalbetten sorgen.»

Basel-Stadt hatte also durchaus ein Interesse daran, dass das Bruderholz gebaut wird. Doch dieses Interesse sank immer mehr. So wurde etwa das Kinderspital auf dem Bruderholz zum Zankapfel. Als der Neubau des Universitäts-Kinderspitals beider Basel 2011 eingeweiht wurde, schloss die Kinderabteilung auf dem Bruderholz ihre Tore. Immer wieder forderten baselstädtischen Politiker, dass das Bruderholzspital geschlossen oder einer anderen Nutzung zugeführt wird. 2003 waren die beiden Kantone fast so weit, dass eine gemeinsame Spitalplanung aufgenommen werden konnte. Doch der Landkanton wollte an seinen Spitälern festhalten und zog die Handbremse. Der letzte Abbau auf dem Bruderholz wurde im Februar des letzten Jahres vollzogen. Die Frauenklinik zügelte ins Bethesda-Spital.

Diese Beispiele und auch die neuste Abstimmung vom 21. Mai zeigen eines klar: Das Bruderholzspital war und ist im Zentrum der wechselhaften Vorstellungen und Voraussetzungen der Spitalplanung beider Basel.

* Die kursiv gesetzten Szenen basieren auf historischem Material, wurden aber teils fiktional abgeändert.

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