Bruderholzspital
Während die Patienten schlafen... Was im Operationssaal wirklich passiert

Summende Bohrer, kreischende Sägen,klimpernde Instrumente – die bz war bei einer Fuss-Operation dabei und hat auch den neuen Vorraum für OP-Patienten unter die Lupe genommen. Zwei gegensätzliche Welten,die räumlich nur wenige Meter trennen.

Yannette Meshesha
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Aus dem Operationssaal
17 Bilder
Bruderholzspital Fotoreportage aus dem Bruderholzspital: live aus dem OPS.
Vom leitenden Arzt Joe Wagener wird während der Operation höchste Konzentration gefordert. Jeder Handgriff muss sitzen – und das tun sie an diesem Morgen auch. Fotoreportage aus dem Bruderholzspital: live aus dem OPS.
Leere Gänge vor dem Operationssaal
Ohne Mundschutz und Haarhaube darf niemand den Operationssaal betreteten.
Nur die zu operierende Stelle ist frei gelegt.
Das optimale Operations-Licht
Irgendwie faszinieren und irgendwie auch gruselig
Kurze Entspannung bei Kaffee und Lesestoff.

Aus dem Operationssaal

Juri Junkov

Grelles, kaltes Licht, ein steriler Geruch und das leise Piepsen des EKG-Monitors erfüllen den Raum. Auf dem Operationstisch ist ein vom Desinfektionsmittel gelblich-orange gefärbtes rechtes Bein zu sehen, das seltsam leblos wirkt. Der Rest des Patienten liegt hinter einem blauen Vorhang verborgen.

Die Zehen sind mit weissem Verbandsmaterial verbunden und auf der Fuss-Innenseite klafft ein langer Schnitt, aus dem etwas metallisch glänzt. Gestalten in blauer Kleidung, mit Mundschutz und Kopfhaube beugen sich ruhig und konzentriert über den Schnitt. Es ist ein gewöhnlicher Dienstagmorgen in einem Operationssaal des Bruderholzspitals.

Niemand soll lange warten

Patienten, denen eine Operation bevorsteht, werden in der Perioperativen Anästhesie-Holding-Area (Pahoa) in Empfang genommen. «Die meisten Patienten schlafen vor einer Operation lieber in ihrem eigenen Bett, wo sie sich wohlfühlen. Daher kommen sie erst am Morgen vor der OP von zu Hause hierher», erklärt Milena Schönfeld, Interims-Leiterin des OP-Managements.

In der Pahoa, die seit Februar in Betrieb ist, stehen 15 Betten in zwei gegenüberliegenden Reihen, trennbar durch helle Vorhänge. «Die Patienten werden hier auf die OP vorbereitet», sagt Schönfeld. Pflegepersonal, Anästhesisten, Ärzte und Assistenten gehen ein und aus, betreuen und beruhigen Patienten und verbreiten eine freundliche Atmosphäre.

Die Co-Chefärztin der Anästhesie, Patricia Stählin sagt: «Mit der Pahoa möchten wir Abläufe optimieren und die Wartezeiten für Patienten verkürzen. Das ist eine gute Vorbereitung auf die mögliche Zukunft des Standorts Bruderholz.» Nach zwei Monaten sei man gut eingespielt und habe erste Kinderkrankheiten des Systems beheben können.

Von der Pahoa kommen die Patienten über die Operationsschleuse in einen von fünf Operationssälen (OPS). Dort wird noch eine Vollnarkose oder rückenmarksnahe Anästhesie durchgeführt. «Das Hauptgeschäft sind orthopädische Eingriffe an Knie, Hüfte, Fuss und Hand», erklärt Brigitte Emmenegger, Sprecherin des Kantonsspitals Baselland (KSBL), die den Rundgang begleitet. Die Säle würden täglich fachspezifisch zugeteilt, ergänzt Patricia Stählin.

«In diesem OPS finden heute zum Beispiel ausschliesslich Fussoperationen statt», erläutert sie. Das OP-Management sei bemüht, die Säle in der Planung optimal auszulasten und auch die Personalressourcen entsprechend einzusetzen. Auch die Notfall-Kapazitäten würden dabei ermittelt. «Die Tendenz geht aber weg von den Notfalleingriffen mitten in der Nacht, hin zu semi-elektiven, das bedeutet geplanten Notfalloperationen am Tag.» Um den Überblick zu behalten, hängt im Schleusenbereich der Pahoa eine Planungstafel.

In Anlehnung an die taktischen Besprechungen beim American Football wird das Zusammentreffen vor der Tafel «Huddle» genannt. Stählin räumt ein: «Es gibt noch Entwicklungspotenzial, aber es funktioniert schon ziemlich gut und wir arbeiten laufend daran.» Im Allgemeinen seien die Reaktionen der Patienten auf die Pahoa positiv. «Sie schätzen es, dass sie hier schon das Personal kennenlernen, das nach der Operation wieder für sie zuständig ist», erklärt Stählin.

Bohren, Knirschen, Sägen

«Achtung, wir röntgen», ertönt die vom Mundschutz gedämpfte Stimme des leitenden Arztes Joe Wagener durch den Operationssaal. Wer keinen Röntgenschutz trägt, eilt aus dem Saal und linst durch das Fenster in der Tür auf den Röntgenbildschirm. Dort wird das geisterhafte Skelett des seitlich von Schrauben und Spickdrähten durchbohrten Fusses sichtbar, der auf dem Operationstisch liegt. Wagener gibt leise Anweisungen an die OP-Schwester, die ihm die benötigten Instrumente reicht, und setzt eine neue Schraube an.

Eine weitere OP-Schwester notiert den Materialverbrauch im Computer und reicht steriles Material an. Am Kopfende des Operationstisches überwacht das Team der Anästhesie die Narkose des Patienten. Zwei orthopädische Assistenzärztinnen beobachten und unterstützen Wageners Arbeit, die vorbildlich unblutig verläuft.

Dieser dreht mit einer Art Schraubenzieher die Schraube in den Fuss, mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er ein Möbel zusammenschrauben. «Eine Umdrehung braucht es noch», sagt er und zieht die Schraube mit vollem Körpereinsatz fest.

Er hebt mit einem behandschuhten Finger die aufgeschnittene Haut am Fuss und spült den Schnitt aus. Gemeinsam mit den Assistentinnen näht er diesen sorgfältig zu. Wagener umfasst den Fuss mit der Hand, winkelt ihn an und streckt das Bein des Patienten nach oben. «So kann er die Spannung der Sehnen und die Achse kontrollieren», erklärt eine OP-Schwester. «Wie es aussieht, müssen wir aufgrund der Fehlstellung noch die Ferse korrigieren.»

Also berät man sich kurz über das richtige Instrument. «Gib mir mal den Kolibri», fordert eine OP-Schwester die andere auf und der kuriose Name lässt vage die Geschwindigkeit erahnen, mit der dieses schmale Sägeblatt den Knochen durchtrennen wird. Das durchdringende Geräusch der Säge geht buchstäblich durch Mark und Bein, als Wagener die Aussenseite des Fersenknochens durchsägt. Der positive Effekt: Das hohle Knirschen und Knacken des Knochens wird etwas übertönt.

Mit einem schlanken Metallhebel richtet Wagener den Knochen korrekt aus, was erneut ein schauerliches Knirschen verursacht. Nach einigen gekonnten Handgriffen wird auch von hinten ein Loch in die Ferse gebohrt, durch das eine weitere Schraube kommt. Dann wird wieder gespült und genäht. Die Operation ist gelungen.

Bruderholz Spital Woche Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenene» eine Woche lang täglich aus und über das Bruderholzspital. Bisher erschienen: Interview mit KSBL-Präsident Werner Widmer Die Geschichte des Bruderholzspitals Was Patienten niemals zu sehen kriegen Was Patienten zur Abstimmung sagen

Bruderholz Spital Woche Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenene» eine Woche lang täglich aus und über das Bruderholzspital. Bisher erschienen: Interview mit KSBL-Präsident Werner Widmer Die Geschichte des Bruderholzspitals Was Patienten niemals zu sehen kriegen Was Patienten zur Abstimmung sagen

«Wiege der Orthopädie»

Joe Wagener erklärt: «Der Patient litt an einem starken Senkfuss und wurde schon als Kind operiert.» Das Fussgewölbe habe sich in den letzten Jahren aber abgesenkt. «Wir haben es nun wieder aufgerichtet und mussten zum Schluss noch die Ferse versetzen.» Wagener ist seit 2013 Facharzt der Orthopädie und hat vor sechs Monaten die Funktion als leitender Arzt des Teams Fuss und Sprunggelenk übernommen.

«Der chirurgische Teil der Orthopädie ist ein richtiges Handwerk, das nicht nur Feinmotorik, sondern ab und zu auch Kraft erfordert.» Er sei sehr froh, im KSBL unter erstklassigen Orthopäden arbeiten zu können. «Von ihnen kann ich viel lernen», sagt er. Basel habe vor 60 Jahren als «Wiege der Orthopädie» Weltniveau gehabt. «Es ist unsere Vision, dieses Niveau wieder zu erreichen und das Potenzial ist mit Koryphäen wie Professor Beat Hintermann und Professor Karl Stoffel gegeben.»

Wagener begrüsst, dass man sich auf dem komplexen Feld der Orthopädie immer weiter nach Extremitäten und Gelenken spezialisieren könne. «Ich persönlich mache nur Fussorthopädie und Traumatologie. Das ermöglicht mir, mich differenzierter mit den jeweiligen Erkrankungen zu befassen.» Die Abläufe in der gesamten Behandlungskette würden so vereinfacht.

Nach der OP nach Hause

In der Pahoa wird inzwischen eine weitere Patientin zur OP gefahren. Der Raum hat sich gefüllt und in den zuvor leeren Betten liegen Patienten in der Aufwachphase, während andere auf die OP vorbereitet werden. Ambulante Patienten ziehen sich nach dem Aufwachen um und gehen nach Hause.

Die Stationären werden auf ihr Zimmer gebracht. Patricia Stählin: «In der täglichen Betreuung der Patienten gibt es immer wieder Situationen, die man nicht vorhersehen kann. Daher ist es wichtig, die Inputs der Mitarbeitenden zu berücksichtigen.» Das Spital orientiere sich an den Prinzipien des Lean Managements.

Mitarbeitende können Verbesserungsvorschläge als sogenannte Kaizen-Vorschläge aufschreiben, die dann besprochen und wenn möglich umgesetzt werden. Schon jetzt funktioniere die Pahoa sehr gut, obwohl man mit der gleichen Personalmenge wie zuvor auskommen muss. Milena Schönfeld ruft lachend: «Wir sind super schnell, super gut und immer freundlich.»

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