Schweizerhalle
Warum die Chemie-Industrie aus Schweizerhalle nicht gelernt hat

Nach dem verheerenden Brand in Schweizerhalle vor einem Vierteljahrhundert ist zwar der Umweltschutz massiv verbessert worden, hält der Basler Geograf und Umweltexperte Martin Forter fest.

Birgit Günter
Merken
Drucken
Teilen
25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle
16 Bilder
 Zeitungsverkauf in Basel nach der Brandkatastrophe im Sandoz-Werk in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel. Ueber 8'000 Fässer enthalten den ganzen giftigen Abfall der Sandoz-Katastrophe.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Das Ortsschild von Schweizerhalle, Produktionsstandort zahlreicher Chemie- und Pharmakonzerne wie Novartis oder Ciba SC.
 Der Präsident des Basler Chemie - und Pharmakonzerns Sandoz, Marc Moret, spricht am 21. November 1986 zum ersten Mal nach der Katastrophe von Schweizerhalle zu den Medien in Basel. Moret ist zehn Jahre nach der Fusion von Sandoz und Ciba im 83. Altersjahr gestorben. Der Novartis-Ehrenpräsident starb am Freitag, 17. März 2006 nach längerer Krankheit. Moret gilt als Architekt der am 7. Maerz 1996 besiegelten Fusion von Sandoz und Ciba zur Novartis. Er hatte mit Ciba-Ehrenpräsident Louis von Planta die Fusion eingeleitet. Mit der Fusion trat Moret aus dem aktiven Berufsleben zurück. In seine Amtszeit fiel auch die dramatische Brandkatastrophe im Sandoz-Pestizidlager in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich ueber 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Löschwasser, das in den Rhein gelangt, werden über 150 000 Aale getötet. Dieses Bild zeigt das Einsammeln der toten Aale am Rheinufer bei Iffezheim in Baden-Baden / BRD.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Unser Bild zeigt die Löscharbeiten durch die Feuerwehr einen Tag nach dem Brand, mit der Detailansicht eines Wasserwerfers in Aktion.
 In Schutzanzuegen und mit Schutzmaske werden am 10. November 1986 bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel ausgebrannte Fässer untersucht.
 Eine Menschenkette im Rahmen eines "Internationalen Rheinalarms" am 14. Dezember 1986 reicht von Basel bis in das deutsche Freiburg im Breisgau. Für eine lückenlose Kette werden über 60 000 Menschen benötigt. Am 1. November 1986 kam es in Schweizerhalle nahe Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer, dem über 1'000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel zum Opfer fielen.
 Sicherheitskräfte der Sandoz befoerdern nach dem Chemieunglueck im November 1986 unsanft einen Fotografen vom Firmengelände in Basel, Schweizerhalle.
 Ein weiterer Chemieunfall im Sandoz-Werk in Schweizerhalle nahe Basel am 9. Dezember 1987. Nach einer Explosion in der Freiluftanlage des Baus 924 geriet die Anlage in Brand.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der juengeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete fuer die Bevoelkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Eine Grosskundgebung, bei der Demonstranten mit einem Transparent mit der Aufschrift "bla bla bla...blabla...bla!" aufmarschieren, anlässlich des Chemieunfalls nach dem Brand vom 1. November 1986. Hierbei kam es in Schweizerhalle bei Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer. Der Oberlauf des Rheins war nach den Löscharbeiten biologisch nahezu tot.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Studenten des Konservatoriums Basel veranstalten in Basel einen Trauermarsch für den Rhein. Auf klassischen und modernen Instrumenten spielen sie Trauermusik und drüüen so ihre Gefühle über die Ereignisse um die Brandkatastrophe in Schweizerhalle aus, aufgenommen im November 1986.

25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle

Silvio Mettler/Keystone

Die Firmen umgingen dies aber mit der Auslagerung der Produktion nach Asien.

Vor 25 Jahren herrschte beim Schweizerhalle-Brand Weltuntergangs-Stimmung, der Rhein galt als tot – und heute ist er ein bei Jung und Alt beliebter, als sauber geltender Bade-Fluss. Hat man damals einfach schwarzgemalt?

Martin Forter: Nein. Das war keine Schwarzmalerei, sondern ein böses Erwachen. Schweizerhalle war eine Zäsur: Der Unfall hat gezeigt, dass es so nicht weitergehen kann – und dass vieles hätte verhindert werden können. Die Verantwortlichen haben um das Risiko gewusst. Die Zürich-Versicherung wollte die Halle wegen des zu hohen Risikos nicht versichern. Darum ist die Sandoz zu einer weniger kritischen Versicherung gewechselt. Die Katastrophe wurde so natürlich nicht verhindert.

Trotzdem: Der für tot erklärte Rhein hat sich rasch erholt.

Das ist eine relative Frage. Damals war der Rhein grundsätzlich in einem schlechten Zustand. Erst vier Jahre vor dem Brand waren in Basel-Stadt überhaupt Kläranlagen in Betrieb gegangen. Diesbezüglich sieht es heute natürlich besser aus. Doch eine Kläranlage klärt zwar, aber sie macht nicht sauber. Heute haben wir darum einfach andere Probleme.

Nämlich?

Heute haben wir zwar Stoffe in viel kleinerer Konzentration im Wasser, doch es sind dafür sehr viele Substanzen. Dazu gehören Hormone wie die Antibaby-Pille, aber auch zahlreiche andere chemische Substanzen in grossen Mengen wie etwa Plastikweichmacher. Das sind zwar keine Hormone, aber sie können auf die Lebewesen so wirken. Die Folgen davon können die Verweiblichung der Fische und Unfruchtbarkeit von Lebewesen sein.

Welche Folgen der Sandoz-Katastrophe stellt man heute noch fest?

Erstens: die Fremdpopulationen im Rhein. Denn nachdem das Gift im Rhein die meisten einheimischen Lebewesen getötet hat, haben zum Teil Exoten die fast leere Nische besetzt – und den einheimischen Arten die Rückkehr erschwert oder verunmöglicht. Zweitens laufen immer noch Schadstoffe aus dem damaligen Sandoz-Gelände ins Grundwasser.

Jährlich bis zu 3,5 Kilo, wie lokale Politiker kürzlich in einem Brief an Novartis-Chef Daniel Vasella schrieben – und darum die Sanierung des Geländes forderten.

Genau. Abgemacht war ursprünglich, dass nicht mehr als ein halbes Kilo ins Grundwasser fliessen darf. Die Sandoz hat damals nicht alles ausgehoben, sondern den Boden gewaschen, wieder in die entstandene Grube eingefüllt und mit einer Betonplatte verschlossen. Eigentlich hätte eine Auffangwanne gebaut werden müssen; in Absprache mit dem Kanton hat man dies aber fallen lassen. Die Behörden haben das Gelände kürzlich als «nur überwachungsbedürftig» eingestuft. Damit haben sie diesen Zustand sogar noch legalisiert.

Naiv gefragt: Warum tun die Behörden so etwas? Warum sollten sie das Ganze beschönigen wollen?

Warum haben sie 17 Jahre lang nichts gemacht und nicht auf der abgemachten Sanierung bestanden? In einem Vierteljahrhundert geht eben viel vergessen.

Dem Sandoz-Unfall verdanken wir aber auch ein paar positive Errungenschaften wie etwa die Rückhaltebecken.

«Schweizerhalle» verdanken wir sogar ganz viele Errungenschaften. Die Gesetzregelung wurde verschärft; wie etwa die Störfallverordnung oder das Rheinabkommen. Auch die Rückhaltebecken sind eine nützliche Errungenschaft. Nur – und damit kommen wir zur Kehrseite dieser «Schweizerhalle-Medaille» – diese verschärften Bedingungen hatten gleichzeitig zur Folge, dass die Branche ihre Produktion zu einem grossen Teil nach Asien ausgelagert hat. Damit werden gemäss Peter Donath, ehemaliger Umwelt-Chef von Ciba, pro Kilo eines Produktes 10 bis 15 Prozent Kosten gespart. Heute findet «Schweizerhalle» jährlich mehrmals irgendwo in China oder Indien statt – halt einfach mit weniger Aufmerksamkeit. Das zeigt, dass die Branche ohne Rücksicht auf Folgen dort produziert, wo es am einfachsten ist für sie. Nachhaltig hat die Industrie aus dem Unfall gar nichts gelernt.

Könnte eine solche Katastrophe auch bei uns heute noch passieren?

Grundsätzlich ja. Die Wahrscheinlichkeit ist hauptsächlich darum gesunken, weil die Produktion ausgelagert worden ist. Doch in der Region wird immer noch mit Gefahrengut hantiert.

Das heisst, Sie bezweifeln die vorherrschende Meinung, dass Schweizerhalle ein Wendepunkt in Sachen Umweltbewusstsein war?

Ja. Es war eine Zäsur im Gesetzgebungsprozess. Auf Gesetzesebene ist viel Positives passiert. Doch heute wird in Asien nicht umweltbewusster, sondern oft sogar noch dreckiger produziert. Aber halt einfach nicht mehr bei uns.

Was kann die Gesellschaft und jeder Einzelne denn für Lehren ziehen aus der Katastrophe?

Wir müssen der Pharma- und Chemiebranche mehr auf die Finger schauen, mehr Kontrollen fordern und die Verantwortlichen nicht blind machen lassen. Schon fünf Jahre nach Schweizerhalle ist das Interesse an mehr Umweltschutz leider abgeflaut. Auf den Verwaltungen werden die Umweltbehörden heutzutage eher wieder geschwächt. Dabei wäre das «Hinschauen» der beste Weg, um eine weitere Katastrophe zu verhindern – ob hier oder in Asien.