Musik
Was die Orgel alles hergibt

Ein Festival der besonderen Art: in Liestal steht für drei Tage die revidierte Orgel der Stadtkirche im Fokus. Nicht nur Kirchenmusiker kommen da auf ihre Kosten.

Nik Broda
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Die Orgel der Stadtkirche Liestal wurde revidiert. Nun steht sie in einem besonderen Festival im Fokus.

Die Orgel der Stadtkirche Liestal wurde revidiert. Nun steht sie in einem besonderen Festival im Fokus.

Roland Schmid

Die Orgel. Dieses sperrige Instrument. Es steht da, unverrückbar, meist stumm. Einfach zu gross. Ausserdem ein frommes Ding, das da weit oben, hinten von der Empore irgendwie herabdroht. Und die armen Spielerinnen und Spieler dieses Geräts: stets allein auf ihrer Orgelbank. Im Winter mit höchster Schnupfenlizenz.

Diese Klischees, diese abgegriffenen Bilder über die Orgel, widerlegt aufs Neue das kleine Fest, das der Organist der Liestaler Stadtkirche und künstlerische Leiter des Orgelfestival Liestal, Ilja Völlmy Kudrjavtsev, mit ins Leben gerufen hat, gründlich. Es startet heute und dauert bis kommenden Sonntag.

Orgelspezialisten weltweit

Viele Kolleginnen und Kollegen hat er bis Sonntag, 7. Mai, eingeladen, aus nah und fern, erfahrene und erprobte Musiker auf der Orgel, aber auch auf anderen Instrumenten. Da wird Bekanntes aus der Feder von Hochmeistern wie Bach, Liszt oder Reger gebracht; die französische Orgelwelt in Ehren gehalten mit Stücken von Guilmant oder Duruflé, was exakt zu der romantischen Orgel von 1863 passt – sie ist nämlich eine feine Pariserin. Da hören wir aber auch Kompositionen der Spieler selber, wie zum Beispiel im Abschlusskonzert am Sonntag, vom Westschweizer Organisten Lionel Rogg aus Genf. Der zählt in Kennerkreisen zu den Grandseigneurs.

Und mittlerweile selbstverständlich: Improvisationen. Ein Must für jede Organistin, jeden Organisten. Die sitzen beileibe nicht allein auf ihrer so gefährlichen Bank. Die Sopranistin Claudia Schmidlin-Stalder hören wir in der Orgelnacht. Oder im gleichen Konzert ein apartes Trio aus Orgel, Schlagzeug und Saxofon, bzw. Flöte mit dem künstlerischen Leiter Ilja Völlmy Kudrjavtsev, Luzian Graber und Ben Zahler. Im Eröffnungskonzert gibt es einen Musik-Mix aus Orgel mit Andreas Liebig und Brass-Band mit dem Blechbläserquintett Amos-Brass unter dem Leiter Eberhard Rex.

Harmonium, selber mitgebracht

Also: Allein vom reinen Konzertangebot her ist das alles andere als fromm und fad. Doch auch die einzelnen Konzertangebote sind so verschieden wie reichhaltig. Neben dem Eröffnungskonzert heute um 18.30 Uhr mit viel goldenem Blech, haben wir die Chance in der morgigen Orgelnacht von 19 bis
23 Uhr in halbstündigem Wechsel immerhin zwölf verschiedene Interpreten zu hören, mal allein, mal zu zweien. Einer bringt sogar sein eigenes Instrument mit: Marc Fitze aus Bern spielt nämlich auf seinem Harmonium. Von wegen, eine Orgel sei unverrückbar ...

Und Orgelimpro zum Stummfilm

Selbstverständlich ist auch an die Kinder gedacht. Am Samstag um 15 Uhr erklären Susanne Doll an der Orgel und Roswitha Schilling als Erzählerin spielerisch dem Nachwuchs, wie toll so eine schillernde Orgel sein kann. Selbst der Gottesdienst am Sonntag um 9.30 Uhr: mit Orgel, Violine und Cello.

Im Abschlusskonzert am Sonntag um 16 Uhr spielt der bereits erwähnte Lionel Rogg. Kammermusik mit dem Ensemble Tsura ist auch dabei. Ein heimliches Highlight dürfte aber mindestens genauso fürs Auge sein und dem Ohr Konkurrent werden. The Phantom of the Opera. Nicht das Musical ist gemeint, sondern der Stummfilm. Da improvisiert der weltweit bekannte Komponist und Fachmann für Improvisation Thierry Escaich aus Paris zu diesem Streifen von 1925. Heute Nacht um 20.30 Uhr.

Und weshalb das ganze Festival? Die Orgel wurde letztes Jahr revidiert, überholt und neu geweiht – sie steht ja bei aller Weltlichkeit in einer Kirche. Und da sie eine der wenigen romantischen Orgeln aus Frankreich in der Schweiz ist, nämlich aus der Werkstatt der Firma Merklin-Schütze, Paris/Brüssel (das für Insider und Interessierte ...) hat dieses kleine Festival den Touch des Besonderen.

Orgelfestival 5. bis 7. Mai in der Stadtkirche Liestal. Programm im Netz unter:
liestaler-orgelmusik.ch