Wochenkommentar
Was Louis XVI. zu den beiden Basel zu sagen hat: «Nichts»

Für Baselland war 2012 ein Jahr des Aufbruchs, für Basel-Stadt ein Jahr, in dem vieles beim Alten blieb. Vielleicht aber ist es gar nicht so schlecht, wenn Historiker dereinst zum Schluss kommen, dass 2012 in der Region nichts passiert sei.

Matthias Zehnder
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2012 hätte für die beiden Basel nicht viel unterschiedlicher laufen können

2012 hätte für die beiden Basel nicht viel unterschiedlicher laufen können

bz

Über die eigene Zeit zu urteilen, das kann ins Auge gehen. Eines der bekannteren Beispiele für eine Fehleinschätzung ist der Tagebucheintrag von Louis XVI. am Tag des Sturms auf die Bastille: «Nichts» schrieb Louis in sein Tagebuch. So gesehen, sollte man tunlichst die Finger von Einschätzungen der eigenen Zeit lassen und darauf warten, dass das Historiker mit der nötigen Distanz vornehmen werden.

Wenn Historiker irgendwann in der Zukunft auf das Jahr 2012 zurückblicken, werden sie kaum «nichts» notieren. Sie werden sich die damals, im Jahr 2012, noch geteilten Kantone Basel-Stadt und Baselland anschauen und erstaunt feststellen, wie gegensätzlich sich die Kantone entwickelt haben.

Im Kanton Baselland war das Jahr 2012 das Jahr des Aufbrechens: Alte, fest gefügte Strukturen brachen langsam auf. Äusseres Zeichen des Aufbrechens waren gewichtige Rücktritte. Der Rücktritt von Hans Rudolf Gysin als Direktor der Wirtschaftskammer Baselland zum Beispiel. In Würdigungen wurde er als König von Baselland und als sechster Regierungsrat bezeichnet. Der Rücktritt des begnadeten Netzwerkers hinterliess eine Lücke – und damit eine Chance, dass Neues entstand.

Ähnliches liesse sich über Adrian Ballmer sagen, der 2012 seinen Rücktritt ankündigte. Der Freisinnige, der seit dem Jahr 2000 als Finanzdirektor amtete, galt für viele Jahre als starker Mann in der Regierung. Bereits am 3. März 2013 wählen die Baselbieter eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger von Ballmer. Die ersten Kandidaten brachten sich Ende Jahr in Stellung. Die Baselbieter Regierung wird schon bald ihr Gesicht und vermutlich auch das politische Kräfteverhältnis ändern – was ebenfalls dazu beiträgt, dass alte Strukturen aufbrechen und Neues möglich wird.

Gerade umgekehrt präsentiert sich die Situation in Basel-Stadt: 2012 wurde die Regierung neu gewählt, im Wesentlichen blieb aber alles beim Alten. Zwar erfuhr die Regierung mit dem Einzug von Baschi Dürr (FDP) eine deutliche Verjüngung, inhaltlich veränderte sich das Gremium aber kaum. Dies umso mehr, als der Grüne Regierungspräsident Guy Morin (jetzt auch explizit) vom Volk als Regierungspräsident gewählt wurde.

Überhaupt sieht es danach aus, als hätten die Personen im Kanton Basel-Stadt im Jahr 2012 eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Wichtiger als einzelne Gesichter waren Sachfragen. Abstrakte wie die Frage nach dem Steuerstreit mit der EU, der Basel bis zu 400 Millionen Franken kosten könnte, und konkrete wie die Frage nach der Entwicklung des Hafenareals.

Vielleicht bleibt es aber auch dabei, dass wir Zeitgenossen unsere eigene Zeit nicht beurteilen können. Vielleicht kommen diesmal die Historiker zum Befund von Louis XVI. und schreiben über das Jahr 2012 in unserer Region: «nichts». Und vielleicht ist das gar kein so schlechtes Zeichen.