Bruderholzspital
Was Patienten nicht zu sehen kriegen

Ein Spital ist eine eigene kleine Stadt. Der grösste Teil jedoch bleibt dem Publikum verborgen. Die bz hat einen Blick hinter die Kulissen des Bruderholz gewagt – und stiess auf einen Windkanal, abzuknabbernde Wände und durchgerostete Rohre.

Benjamin Wieland
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Oliver Faschian zeigt ein durchgerostetes Wasserrohr.
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Technik und Unterhalt des Bruderholzspitals
Ein Blick in die Frischluftzentrale
So sieht die neu gestaltete Eingangshalle aus.
Oliver Faschian, Leiter Betrieb, Bau und Infrastruktur zeigt Pläne des Spitals.
Eine der im Bettenhaus überlichen Etagenduschen/WC.
Eine der wenigen Patientenzimmer mit nachträglich eingebauten Nasszellen im Bettenhaus.
Frau Ch. Tantillo am Empfang in der neu gestalteten Eingangshalle.

Oliver Faschian zeigt ein durchgerostetes Wasserrohr.

Kenneth Nars

Oliver Faschian mag Sprachbilder. Die Frischluft-Zentrale ist für ihn die Lunge. Die Heizzentrale nennt der Technik-Verantwortliche des Bruderholzspitals das Herz, den Eingangsbereich das Gesicht. Nur für das Bettenhaus will ihm einfach keine passende Bezeichnung einfallen. Dabei wäre es doch so einfach: Der Bettenturm ist der entzündete Blinddarm. Er sollte bald weg. Bevor er den übrigen Organismus befällt.

Die Lunge des Bruderholzspitals scheint aber ganz gesund zu sein. Sie ist ein Monstrum, die Frischluft-Zentrale: ein Schacht im 3. Untergeschoss, so gross wie eine Garageneinfahrt, mehrere Turbinen, mannshohe Propeller. Die Luft, angesaugt im nahen Wäldchen, ist kühl und frisch an diesem Tag. Trotzdem muss sie zuerst drei riesige Filterwände passieren, bevor sie ins Gebäudeinnere gepresst wird.

Faschian steht im Schacht, den man auch als Windkanal nutzen könnte. Sein Hemdkragen flattert, er muss schreien im Getöse, bleibt aber standhaft. Auch dieses Bild passt. Egal, wie stark der (politische) Gegenwind ist: Der Betrieb geht weiter, das Bruderholzspital muss in erster Linie funktionieren. Das gilt auch, oder besonders, für die Haustechnik – Ausfälle könnten Menschenleben kosten.

Dafür zu sorgen, dass immer alles funktioniert, das ist Faschians Job. Der Badisch-Rheinfelder ist studierter Hochbautechniker und Master of Facility Management. Seine Funktion heisst offiziell Leiter Betrieb, Bau und Infrastruktur. Man könnte aber auch sagen: Der 48-Jährige ist Chefabwart der Spitäler des Kantonsspitals Baselland (KSBL). Und als solcher kennt er in den Gebäuden jede Schraube, jede Tür und jeden Lichtschalter. Von all dem gibts nicht wenige. Denn jedes Spital ist eine eigene kleine Stadt.

Serie: Bruderholz-Spital-Woche Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenende» eine Woche lang täglich aus dem und über das Bruderholzspital.

Serie: Bruderholz-Spital-Woche Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenende» eine Woche lang täglich aus dem und über das Bruderholzspital.

Gegen die Wand

Und die kleine Stadt zwischen Binningen, Bottmingen und Basel, oben auf dem Hügel, wird stehen bleiben. Ganz egal, wie die Bruderholz-Abstimmung am 21. Mai ausgeht und ob die geplante Spitalgruppe beider Basel auch tatsächlich kommt. Nur welche Eingriffe und wie viele Betten es anbietet, das wird sich ändern. Je nach dem, was die Stimmbürger entscheiden. Und was die Politik aushandelt.

Was aber ganz sicher wegkommt, das ist der Bettenturm – eben: der Blinddarm des 1973 eingeweihten Spital-Komplexes. Der 70-Meter-Koloss ist am Ende seiner Lebensdauer angelangt mit seinen mittlerweile gegen 45 Jahren. Seine Raumaufteilung ist zu unflexibel für die Ansprüche eines modernen Spitals.

Eine Sanierung lohnt sich nicht – in diesem Punkt herrscht im Landkanton selten zu beobachtende Einigkeit. «Zum Beispiel haben die meisten Patientenzimmer keine eigene Nasszelle», sagt Faschian in seinem alemannisch gefärbten Hochdeutsch. «Wir können sie aber nicht einfach einbauen, denn die Wände der Zimmer sind tragende Elemente, die kann man nicht verschieben.»

Faschian steht jetzt in einem dieser Patientenzimmer. Und kommt in Fahrt: «Die Fenster sind trüb. Die kriegt man nicht mehr sauber, das Gas ist längst aus dem Zwischenraum entwichen.» Kaum besser sieht es mit den Wasserrohren aus. Sie sind, nach über vier Jahrzehnten Dienst, langsam durchgerostet. Seit Jahren würden am Bettenhaus nur noch die allernotwendigsten Arbeiten erledigt, sagt Faschian. Weil man damit rechne, dass es sowieso bald wegkomme.

«Von oben herab anknabbern»

In der Tat: Mehrmals wurde entschieden, das Bettenhaus zu schleifen. Und noch jedes Mal wurde der Entscheid wieder vertagt. Dem Personal bröselt mittlerweile sprichwörtlich der Boden unter den Füssen weg. An einigen Stellen ist die Schicht zwischen Bodenplatte und Linoleum spröde geworden, das Material fällt in sich zusammen. «Es gibt schon richtige Löcher», sagt Faschian.

Der neue Plan: Bis in zehn Jahren soll das Gebäude rückgebaut sein, wie Planer und Architekten einen Abriss heutzutage nennen. «Wir wollen den Turm von oben herab abknabbern», sagt Faschian. «Und parallel dazu Neubauten erstellen, gleich vor dem Bettenhaus. Dann kann alles vom Turm gleich in die neuen Gebäude wandern, Schritt für Schritt.»

So prekär die Lage im Bettenhaus, so strahlend neu präsentiert sich das Entrée. Gerade kontrollieren zwei Elektriker die Erdung der frisch eingebauten modernen Deckenlampen. Der Eingangsbereich wurde umgestaltet, mit viel Holz und Glas. Statt einer riesigen Kioskauslage wie früher treffen die Besucher nun als erstes auf das Empfangspersonal.

Zum Beispiel auf Christine Tantillo. Die gebürtige Baslerin, die heute in Biel-Benken wohnt, beantwortet praktisch im Minutentakt Fragen: Wo ist Doktor X? Auf welchem Zimmer liegt Patient Y? Wo geht’s zur Orthopädie?

Gott auf Kanal 50

Fragen beantworten ist sich Tantillo gewohnt. Sie arbeitete lange als Telefonistin bei der PTT, dann in einem Callcenter. «Zu einer Zeit», sagt sie, «als noch kaum jemand wusste, was das überhaupt ist.» 1998 bewarb sie sich beim Bruderholzspital für einen Job in der Telefonzentrale.

Als die Zimmer Direktnummern erhielten, wurde die Zentrale obsolet. Tantillo wechselte zum Empfang. «Mir gefällt es, wenn ich den Leuten eine Freude machen kann, wenn sie zufrieden sind», sagt sie. Jetzt sei sie vor allem froh, dass die monatelange Bauerei zu Ende sei.

Manchmal will jemand auch nur wissen, wie man noch rasch zu einem Blumenstrauss kommt. Die gibts im Kiosk gegenüber des Empfangs. Dieser verkauft, wie es zu diesem Ort gehört, auch Arztromane. Hat jemand etwas zu beichten, kann man die Kapelle im 1. Stock aufsuchen. Sonntags um 10 ist ökumenische Messe (live über die Zimmertelefone mitzuverfolgen, Kanal 50 einstellen).

Eine eigene kleine Post

Doch das ist nicht alles: Das Spital kann mit einem Andachtsraum aufwarten, mit einem Restaurant, einem Coiffeur und mit einer kleinen Postfiliale. Spätestens mit dieser stehts um den Service public im Bruderholzspital besser als in so mancher Gemeinde unten im Tal. Der Eingangsbereich ist für Faschian die Zukunftswerkstatt des Bruderholz. Hier wird das neue Spital erprobt.

Das Entrée zum Beispiel ist nicht an die alte Frischluft-Zufuhr angeschlossen. «In den 70er-Jahren wurde die Infrastruktur zentral eingerichtet. Doch das würde man heute nicht mehr so machen. Bei einem Ausfall ist das ganze Gebäude betroffen – heute setzt man auf Redundanz, also auf mehrere kleine, voneinander unabhängigere Systeme.»

Zumindest bei einem System wäre das kaum praktikabel: Bei der Heizung. Die Heizzentrale wurde erst gerade erneuert. Per Ende 2016 erhielt das Spital einen Anschluss an die Fernwärme der Industriellen Werke Basel (IWB). Dafür buddelten die IWB extra eine neue Leitung aufs Bruderholz hinauf. Es ist eine ziemlich grosse Leitung: Die Energie, die das Spital in einem Jahr bezieht, würde ausreichen, während eines Jahres gegen zweitausend Einfamilienhäuser zu heizen.

Ölkrise lässt grüssen

«Wir brauchen aber auch Gas», sagt Faschian. «Etwa, um Dampf zu produzieren.» Und auch hier gilt: Redundanz ist Trumpf. Wenn ein System ausfällt, muss ein anderes einspringen. Und so gibt es, als möglichen Ersatz für Erdwärme und Gas, auch noch Heizöl. Der Tank steht, schön versteckt, in einem Wäldchen gleich neben dem Spital.

Früher hatte er noch einen Zwilling, beide fassten je 1,2 Millionen Liter. «Man erwartete Knappheit beim Öl und wollte vorbeugen», sagt Faschian. «Das waren halt die 1970er-Jahre, es herrschte Ölkrise.»

Das zeigt: Das Bruderholzspital hat schon so manchen Ernstfall erlebt. Bei weitem nicht nur medizinische.

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