Insel der Glückseligen oder Insel der Toten - Basel und die Zeit nach «Corona»
Was übrig bleiben wird

Patrick Marcolli
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Stärke aus dem kulturellen Fundament: Arnold Böcklins «Die Toteninsel» von 1880.
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Stärke aus dem kulturellen Fundament: Arnold Böcklins «Die Toteninsel» von 1880.

Stärke aus dem kulturellen Fundament: Arnold Böcklins «Die Toteninsel» von 1880.

Bild:Kunstmuseum Basel/Martin Bühler

Früher war nicht alles besser. Die letzte grosse Krise ist noch gar nicht lange her. Erinnern wir uns durch den Schleier der Pandemie noch an die Finanzkrise, die ab 2008 die Welt in Atem hielt? Um ein Haar hätten die nimmersatten Banker alle mit in den Abgrund gerissen. Der an der Columbia University lehrende Wirtschaftshistoriker Adam Tooze beschreibt in seinem aufschlussreichen und auch beängstigenden Buch «Crashed» die Mechanismen, die damals zu dieser «Kernschmelze» des globalen Wirtschaftssystems führten.

Er legt schlüssig dar, wie die kurz darauf folgende Eurokrise eine direkte Folge der Finanzkrise war und korrigiert das Bild, das unseren Kontinent seither prägt: Die verschwenderischen Staaten im Süden Europas hätten mit ihrer Verschuldungspolitik beinahe den Crash der Einheitswährung herbeigeführt. Nein, argumentiert Tooze: Die Rettung des Euros, vereinfacht gesagt, war wiederum eine Rettung des Bankensystems und die Tilgung von Schulden der Geldinstitute. Die Leidtragenden waren die Menschen in den Staaten, die zu einer strengen Sparpolitik verknurrt wurden.

In jenen Tagen lief die Politik in vielen Ländern und supranationalen Organisationen zu Hochform auf, entriss den in den Jahrzehnten davor entfesselten Finanzmärkten das Ruder. Eine Zeitlang zumindest. Denn allzu viel ist von der Re-Regulierung nicht übrig geblieben.

Was das mit der heutigen Situation zu tun hat? Auf den ersten Blick lässt sich die Corona-Pandemie nicht mit einer globalen Finanzkrise vergleichen, sie ist nicht menschengemacht - auch wenn einiges darauf hindeutet, dass unser Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Welt zur Entstehung des Virus und dessen Verbreitung etwas beigetragen haben mag. Es gibt dennoch einige Parallelen. Zum Beispiel das Wiedererstarken der Politik und des politischen Krisenmanagements, welches die üblichen demokratischen Prozesse teilweise aushebelt. Regiert wird nun oft per Verordnung.

Obwohl ein Virus, wie auch damals der Fluss der globalen Geldströme keine Grenzen kennt, erhalten Nationalstaaten mehr Gewicht, sie verfolgen eine eigene Agenda. Bei «Corona», das ist der Unterschied zur Finanzkrise, geht das deutlich tiefer. In Deutschland und der Schweiz werden gar Bundesländer und Kantone zu eigenständigen und eigenmächtigen Akteuren in der Pandemiebekämpfung. Ministerpräsidenten und Regierungsräte können einschneidende Massnahmen verfügen, können Finanzhilfen sprechen und verschiedene Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens auf (global gesehen) kleinstem Raum herunter- oder wieder hochfahren.

Die Region Basel ist, wiederum global gesehen, eine Insel der Glückseligen. Natürlich sterben auch hier viele Menschen an Corona, auch hier sind die Spitäler am Limit. Aber wir haben eine starke Infrastruktur, wir haben eine funktionierende Wirtschaft und wir haben oder hätten Geld im Überfluss, um viele ökonomische Härtefälle abzufedern.

Die entscheidende Frage ist jedoch, wie wir in vielleicht zehn Jahren die Ereignisse von heute aus (demokratie-)politischer und gesellschaftlicher Sicht bewerten werden. Anders als in der Finanzkrise gibt es keine klare Trennlinie, kein moralisches Gut und Böse, kein Täter- oder Opferschema, das wir zu Hilfe nehmen könnten. Die Politik kämpft nicht gegen Machenschaften von raffgierigen Bankern, sondern gegen die Ausbreitung einer Krankheit. Wir werden aber rückblickend beurteilen können, welchen Flurschaden die getroffenen Massnahmen längerfristig hinterlassen haben. Wie wird sich beispielsweise eine Stadt wie Basel verändert haben? Bietet ihre grosse kulturelle Tradition ein Fundament, das die Krisenzeit überdauert? Wird die in den vergangenen Jahren gewonnene Internationalität bleiben? Werden die grossen Chancen zur Transformation der Industrieareale wahrgenommen werden können - und wenn ja, in welcher Form? Hat sich die Trennung zwischen Stadt und Land in der Krise bewährt? Können wir das, was als urbanes Leben bezeichnet wird, über diese Zeit retten, beziehungsweise ist die Politik überhaupt dazu gewillt? Oder werden wir künftig in einem recht freudlosen, von Vorschriften jeglicher Art dominierten (öffentlichen) Raum leben müssen, einer Art luxuriösen Toteninsel? Es steht enorm viel auf dem Spiel.

Und wie wird in zehn Jahren die Arbeit der Medien zu «Corona» beurteilt werden? Folgt man Adam Tooze, so hat sich bei der Eurokrise das irreführende Bild der Staatsschuldenkrise festgesetzt. Daran tragen die Medien, von denen viele das nicht durchschaut haben, eine Mitschuld. Es ist wahrscheinlich, dass wir Journalisten uns auch heute hie und da irren, politische Handlungen falsch einschätzen oder auf argumentative Abwege geraten. Zumindest aber soll man dereinst von uns sagen können, dass wir einige richtige Fragen gestellt haben.