Folgen der Pandemie
Wenn die freie Zeit krank macht: Eine junge Patientin der Psychiatrie Liestal erzählt

In vielen psychiatrischen Kliniken in der Schweiz steigt derzeit die Zahl der Anmeldungen, so auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Liestal. Eine Gymnasiastin erzählt, wie der Lockdown und die Schulschliessung bei ihr zu einer akuten psychischen Krise führten.

Zara Zatti
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Das Leben mit der Pandemie bedeutet für viele Jugendliche Stress. (Symbolbild)

Das Leben mit der Pandemie bedeutet für viele Jugendliche Stress. (Symbolbild)

Getty Images

Ein Teenager steht in dicker Winterjacke vor dem Schalter der Psychiatrie in Liestal. «Mir geht es nicht gut», sagt er. Die Frau hinter der Glasscheibe schickt ihn weiter in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die reale Szene steht symbolisch für die aktuell belastende Situation für junge Menschen.

Die Monate vor Jahresende seien immer schwierig, sagt Catherine d’Aujourd’hui, Leiterin der Psychotherapiestation für Essstörungen und Krisen in Liestal. Das fehlende Sonnenlicht, der hohe Leistungsdruck in der Schule Ende Jahr und die Weihnachtszeit in schwierigen Familienverhältnissen belasten in jedem Jahr. Jetzt komme auch noch die Pandemie hinzu: «Diese bringt Ängste und Verunsicherung mit sich.»

Der Lockdown kann als Auslöser einer Krise wirken

Im November ist die Zahl der Anmeldungen von Jugendlichen in der Psychiatrie im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Der Einfluss der Pandemie auf die Psyche hat auch das BAG erkannt. Aus diesem Grund findet heute der nationale Aktionstag zur psychischen Gesundheit in Zeiten von Corona statt. Der Lockdown wurde für einige zum Auslöser einer Krise. So war es auch bei Chiara (Name geändert).

Chiara ist 18 Jahre alt und besucht das Gymnasium. Sie ist eine gute Schülerin und hat einen Hang zum Perfektionismus. Der eigene Körper spielt für sie schon länger eine wichtige Rolle, sie achtet darauf, was sie isst. Dann wird Mitte März der Lockdown verhängt, ihre Schule macht zu. Die Freundinnen trifft sie weiterhin, zusammen gehen sie joggen oder Rollschuh fahren.

Was ihr zum Verhängnis wird, ist die Zeit. Vor ihr liegen diese langen Tage, plötzlich hat sie sehr viel Freiraum. Sie beginnt die Stunden mit Sport zu füllen. «Ich drückte immer mehr rein, es war wie ein Zwang.» Manchmal absolviert sie noch um Mitternacht einen Work-out in ihrem Zimmer. Immer mehr verbietet sie sich nun auch zu essen. Nach einem Joghurt mit Zucker hat sie ein schlechtes Gewissen. «Irgendwann war es völlig ausser Kontrolle. Ich geriet in Panik, wenn ich mich nicht an meine eigenen Vorschriften hielt.»

Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf

Am Geburtstag ihrer Schwester trifft sie eine neue Abmachung mit sich selbst: «Heute darf ich essen, was ich will. Dafür esse ich morgen gar nichts.» Doch sie fühlt sich schlecht, hat den Drang, die Kalorien loszuwerden. An diesem Tag erbricht sie zum ersten Mal. Danach beginnt die Abwärtsspirale. Sie macht weiter Sport, verbietet sich gewisse Lebensmittel und erbricht nun regelmässig.

Irgendwann war ich mit den Nerven völlig am Ende.

(Quelle: Chiara, Patientin Psychiatrie Liestal)

Nach jedem Mal fühlt sie sich schlecht. Chiara verliert stark an Gewicht. Nach Monaten dieser strikten Diät, dem harten Sportplan und dem enormen inneren Druck geht die Schule wieder los. Chiara ist erschöpft, doch sie hat hohe Ansprüche an sich selbst. Die erste Prüfung will sie unbedingt gut ablegen. Sie lernt viel und isst wenig. Vor der Schule steht sie früh auf, macht Sport. «Irgendwann war ich mit den Nerven völlig am Ende.»

Es kommt zum Zusammenbruch

Beim Essen mit der Familie sagt die Mutter etwas zu ihr: «Ich weiss nicht mehr, was es war, aber ich bin explodiert.» Sie geht in ihr Zimmer und fängt an zu weinen. Die ganze Nacht kann sie nicht aufhören. Zwei Wochen geht sie nicht mehr in die Schule, liegt nur auf dem Sofa. Isst nicht und spricht nicht. «Es hat mich einfach alle Kraft verlassen.» Es ist der Moment, in dem sie merkt, dass sie Hilfe braucht. Ende August kommt sie auf eine stationäre Abteilung in der Jugendpsychiatrie in Liestal. Dort lebt sie jetzt zusammen mit sieben anderen jungen Frauen.

Für die Psychologin Lisa Höft, die Chiara betreut, ist ihr Fall ein typisches Beispiel. «Durch die zusätzliche Zeit im Lockdown hatten die Jugendlichen mehr Freiraum. Es kam zu einer Lücke, die gefüllt werden musste. So konnte es passieren, dass Jugendliche mit einer gewissen Prädisposition diese Lücke mit einem ungesunden Verhalten füllten.»

Durch die zusätzliche Zeit im Lockdown hatten die Jugendlichen mehr Freiraum. Es kam zu einer Lücke, die gefüllt werden musste. 

(Quelle: Lisa Höft, Psychologin )

Auch in der Therapie beschäftigt Corona. So darf Chiara nur immer die vier gleichen Besucher empfangen. Ihre Geschwister hat sie fünf Wochen lang nicht gesehen. «Ich lebe in einer Blase.» Allein Corona will sie nicht die Schuld geben, dass sie jetzt hier ist. «Ich glaube, es wäre sowieso irgendwann passiert. Durch Corona kam es wahrscheinlich einfach schneller.» Der Aufenthalt in der Klinik habe ihr geholfen, mit Angst und Anspannung umzugehen und zu einem geregelten Essverhalten zurückzukehren. Für Chiara war es ein Aufatmen nach langer Zeit unter Wasser.