Tierschutz
Wenn die Liebe zu den einstigen Lieblingen verflogen ist

Pro Jahr werden in der Region Basel rund 500 Tiere ausgesetzt - darunter sind auch immer mehr Exoten. Dabei ist das Aussetzen von Tieren verboten und wird strafrechtlich verfolgt.

Birgit Günter
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Bei eisigen Temperaturen musste diese Katze in einer Kartonschachtel vor einem Tierheim übernachten. Ihr früherer Besitzer wollte sie nicht mehr. Archiv Nicole Nars-Zimmer

Bei eisigen Temperaturen musste diese Katze in einer Kartonschachtel vor einem Tierheim übernachten. Ihr früherer Besitzer wollte sie nicht mehr. Archiv Nicole Nars-Zimmer

In Gempen irren fünf herrenlose Kaninchen durch die Gegend. Eine Polizeipatrouille sieht die Tiere zufällig, nimmt sie mit und rettet sie somit wohl vor dem Fuchs oder einem anderen Raubtier. Weil niemand in der Nähe die Tiere vermisst, geht die Solothurner Polizei laut einer Sprecherin derzeit davon aus, dass die «Chüngeli» ausgesetzt worden sind.

Ein Fall mehr. Denn dass Tiere ausgesetzt werden, ist auch in der tierliebenden Schweiz Alltag. Ist die Liebe zum Tier verschwunden, reagieren viele Halter gefühllos. Hunde zum Beispiel werden irgendwo angebunden und ihrem Schicksal überlassen. Kaninchen landen abends im Basler Tramdepot, nachdem sie im Tram in einer Kartonschachtel «vergessen» wurden. Ein Meerschweinchen wurde Anfang Jahr in einer Handtasche im WC des Basler Bahnhofs abgestellt. Und ein Chamäleon bei Minustemperaturen beim Basler Gellert-Schulhaus deponiert.

«Tiere werden wie Sachen behandelt», kommentiert dies Béatrice Kirn, die Geschäftsführerin des Tierschutzes beider Basel, «Gefällt einem etwas nicht mehr, wirft man es heute einfach weg.» Werden die Tiere gefunden, landen sie meist im Basler Tierfundbüro. Pro Tag gehen hier im Schnitt drei Anrufe wegen verlassenen und gefundenen Tieren ein. Darunter sind immer mehr Exoten wie das Chamäleon; auch exotische Wasserschildkröten werden oft in Teichen «entsorgt».

Ein paar hundert Katzen, die niemand vermisst

Am häufigsten herren- und heimatlos unterwegs sind die Katzen: Im vergangenen Jahr wurden 709 als zugelaufen gemeldet. Ein grosser Teil von ihnen ist zwar tatsächlich «verloren» gegangen und kann jeweils dem Besitzer zurückgebracht werden. Und doch bleiben jedes Jahr ein paar hundert zurück, die offenbar niemand vermisst. Ohne Tierschutz, der die Tiere einfängt, pflegt und kastriert, hätte man auch in der Schweiz Zustände wie in vielen Ländern im Süden und Osten Europas, ist Kirn überzeugt: «Überall streunende Katzen und Hunde.»

Dabei ist das Aussetzen von Tieren verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Manche Tierbesitzer wählen darum die legale Variante des «Loswerdens», indem sie ihren früheren Liebling dem Tierheim übergeben. Dies ist allerdings nicht gratis (je nach Tier verlangt das Heim unterschiedliche Preise). «Wenn manche Leute hören, dass es etwas kostet, drohen sie damit, das Tier stattdessen halt auszusetzen», erzählt Kirn. Einige würden diese Drohung vermutlich auch umsetzen.

Leute, die ihre Tiere ohne grosse Hemmungen loswerden wollen, findet man laut Kirn quer durch alle Gesellschafts- und Altersschichten. «Sogar Jugendliche setzen ihre Tiere aus», sagt sie.