Sucht
Wenn die Quarantäne zur Versuchung wird: Für Menschen mit Verhaltenssüchten kann die Isolation gefährlich werden

In Zeiten von Corona ist das Internet für die meisten von uns eine Erleichterung. Unsere Freizeit hat sich, so gut es geht, ins Netz verlagert. Für Menschen, die an einer Verhaltenssucht leiden, kann die soziale Isolation, gepaart mit dem Internetkonsum, jedoch zu einer Gefahr werden.

Samanta Siegfried
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Wissen um die Gunst der Stunde: Online-Casinos.

Wissen um die Gunst der Stunde: Online-Casinos.

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«Die Coronakrise könnte für Verhaltenssüchtige kritisch werden», sagt Renanto Poespodihardjo, Leitender Psychologe der Abteilung für Verhaltenssüchte an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Die Abteilung bietet rund 80 Betroffenen im Jahr eine ambulante Therapie. Seit zwei Jahren führt sie ausserdem ein stationäres Angebot für Verhaltenssüchte, das schweizweit in dieser Form einmalig ist. Dort behandelt sie Menschen, die ein spezifisches Verhalten nicht mehr kontrollieren können und daher entweder als kauf-, internet-, sex- oder geldspielsüchtig bezeichnet werden.

Besonders kritisch schätzt Poespodihardjo die aktuelle Situation für Kaufsüchtige ein. So sei shoppen im Internet verhältnismässig einfach und die Versuchung gross, auch für jene, die vor dem Coronavirus vor allem Läden aufsuchten. Für Personen mit einem problematischen Internetkonsum könnte sich die Lage ebenfalls verschärfen. «Online-Gaming erfährt jetzt einen richtigen Boom», sagt der Psychologe.

Die Nachfrage nach Onlinepoker etwa habe sich in den vergangenen Tagen verdoppelt. Eine Sexsucht, oft ausgelebt durch den Konsum von Pornografie, kann sich laut Renanto Poespodihardjo in beide Richtungen entwickeln. «Wer alleine lebt, ist sicher mehr gefährdet. Wer jetzt aber seine Familie rund um die Uhr zu Hause hat, wird vermutlich weniger konsumieren.»

Bei seinen ambulanten Patientinnen und Patienten habe er glücklicherweise noch keine Rückfälle festgestellt. Seit Beginn des Lockdowns haben er und sein Team alle angerufen, die im vergangenen Jahr in Behandlung waren und proaktiv nach ihrem Befinden gefragt. Wegen der aktuellen Massnahmen führt die Abteilung für Verhaltenssüchte die ambulanten Therapien nur noch online durch, also via Chat und App, oder telefonisch.

Online-Casinos buhlen um neue Kunden

Derzeit sorgt sich der Psychologe aber vor allem um jene, die nicht in Therapie sind. «Was die Internetsucht betrifft, rechne ich mit einem Schub an Problemen.» Jetzt, da die Schulen geschlossen sind und Jugendliche zu Hause sitzen, würden viele noch mehr Zeit im Internet und beim Gamen verbringen. «Das könnte zur Folge haben, dass der Wunsch nach echter Bewegung und Kommunikation abnimmt.»

Das heisse nicht, dass man ganz auf das Surfen verzichten müsse. «Wenn das Internet für neue Dinge genutzt wird, etwa um ein Kochrezept auszuprobieren oder mit Freunden zu telefonieren, dann ist das in Ordnung.»

Erschwerend zur sozialen Isolation kommt hinzu, dass viele Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen, um für Kunden zu werben. So stellt der erfolgreiche Pornografie-Anbieter Pornhub seinen Nutzern gratis den Premium-Zugang zur Verfügung. Auch Online-Casinos buhlen um Aufmerksamkeit. Das Anfang 2019 in Kraft getretene Geldspielgesetz erlaubt konzessionierten Schweizer Casinos, Online-Geldspiele anzubieten.

Mittlerweile bewerben fünf Casinos in der Schweiz ihre digitalen Geldspiele an Bahnhöfen, im Internet, im Fernsehen und sogar in personalisierten Newslettern, wie die Stiftung Sucht Schweiz in ihrer jüngsten Medienmitteilung kritisierte. Nach aktuellsten Erhebungen haben drei Prozent der Schweizer Bevölkerung einen problematischen oder exzessiven Geldspielkonsum

Ein Betroffener erzählt: «Ich habe mein Umfeld angelogen»


Einer der Betroffenen ist Jan Stalder (Name geändert). Angetrieben vom Kick, Geld zu gewinnen, hat er Roulette, Blackjack oder Sportwetten bis zum Exzess gespielt. Manchmal ging er in Casinos vor Ort, oft aber nutzte er die Online-Angebote bequem von zu Hause aus. «Ich habe die letzten zwei Jahre ein Doppelleben geführt und mein Umfeld angelogen und betrogen», beschreibt er seine Sucht bei einem Telefongespräch. Nicht einmal seine Freundin, mit der er seit acht Jahren eine Beziehung führt, habe etwas gemerkt. Bis vor wenigen Wochen.

«Ich war psychisch am Boden und wollte nicht mehr leben», sagt Stalder, der erst 22 Jahre alt ist. So habe er sich auf Rat der Dargebotenen Hand selber in die Psychiatrie eingewiesen. Seit zwei Wochen befindet er sich auf der stationären Abteilung für Verhaltenssüchte der UPK in Therapie. Genau seit dem Tag des schweizweiten Lockdowns. Entzugserscheinungen habe er bisher keine. «Mir wurde in den letzten Tagen klar, was die Sucht alles zerstört hat», so Stalder. Neben vernachlässigten sozialen Kontakten habe er sich um rund 70 000 Franken verschuldet. «In der Therapie habe ich realisiert, dass ich erst gewinnen kann, sobald ich definitiv mit Spielen aufhöre.»

Zusammen mit elf anderen Patienten der Abteilung lebt er aktuell in Quarantäne. Um eine Ansteckung zu vermeiden, sind Ausflüge oder Besuche verboten, ebenso die Möglichkeit, am Wochenende nach Hause zu gehen. «Das ist für viele von uns hart, einige haben eine Familie», sagt Stalder. Auch er vermisse seine Angehörigen, trotzdem sei die Quarantäne ein Glücksfall für ihn: «Zu Hause wäre die Rückfallgefahr enorm hoch, ohne soziale Kontakte und Ablenkung.» (sas)