Streitgespräch
Wer gewinnt das Rennen um den Reinacher Präsidentenstuhl? – Wir haben mit den Kandidaten gesprochen

Béatrix von Sury (CVP) und Melchior Buchs (FDP) kandidieren für das Reinacher Gemeindepräsidium. Bei der Asylheim-Affäre, die im September im Rücktritt von Urs Hintermann gipfelte, versprechen sie rasche Aufklärung und grösstmögliche Transparenz – doch da endet schon ihre Eintracht.

Benjamin Wieland
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In diesem Büro würden sich beide gerne fix einrichten: Béatrix von Sury und Melchior Buchs.

In diesem Büro würden sich beide gerne fix einrichten: Béatrix von Sury und Melchior Buchs.

Martin Toengi

Béatrix von Sury hat einen Vorsprung gegenüber Melchior Buchs – zumindest räumlich: Sie ist bereits im Gemeindepräsidentenbüro angekommen, im 2. Stock des Gemeindezentrums. Hier nahm die Gemeinderätin Anfang September Platz, gleich nach dem sofortigen Rücktritt von Urs Hintermann. Als Vize-Präsidentin leitet von Sury seither auch das Ressort Präsidiales.

Im Präsidentenbüro findet auch das Interview mit der bz statt. Der Blick schweift in Richtung Südosten, über das Birstal und an die Hänge des Gempenplateaus – wer diese Aussicht künftig geniessen darf, entscheidet sich am 4. März.

Béatrix von Sury

Béatrix von Sury ist seit einem halben Jahr Reinacher Gemeindepräsidentin ad interim. Am 5. September hatte Urs Hintermann demissioniert, am Tag darauf gab die Gemeinde bekannt, dass von Sury als Vize-Präsidentin Hintermanns Amtsgeschäfte bis zu den Nachwahlen übernimmt. Ebenfalls im vergangenen Jahr rückte die Kriminologin in den Landrat nach. Vor ihrer Wahl in die Reinacher Exekutive 2012
sass die CVP-Politikerin sechs Jahre lang im Einwohnerrat. Die
56-Jährige ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Kurz und knapp: Warum sind Sie die richtige Person an der Spitze Reinachs?

Béatrix von Sury: Ich kenne Reinach seit zwanzig Jahren und engagiere mich seit zwölf Jahren in der kommunalen Politik. Aufgrund meiner lösungsorientierten, kommunikativen und offenen Art bin ich die richtige Person.

Melchior Buchs: Ich arbeite und wohne in Reinach. Deshalb kenne ich nicht nur die Bedürfnisse der Bevölkerung gut, sondern auch diejenigen der Wirtschaft. Und da diese Kombination für Reinach in Zukunft sehr wichtig ist, spricht das für mich.
Es gibt eine Debatte um Ihre Verwurzelung, Herr Buchs. Es wurde die Frage aufgeworfen, wie viel Reinach in Ihnen steckt. Sie sind 2014 nach Reinach gezogen, pflegen aber weiterhin Kontakte zu Thun. Sie waren dort auch Vize-Stadtpräsident.

Melchior Buchs

Melchior Buchs ist kein Unbekannter im Berner Oberland: Der Thuner sass insgesamt sechs Jahre lang im Berner Grossen Rat, zudem war er Vize-Stadtpräsident von Thun und präsidierte zwischen 1995 und 2000 den FC Thun. Nach Reinach zog es den Freisinnigen wegen der Arbeit: 2014 wurde er Geschäftsführer des Business Parcs. Wie seine Gegenkandidatin von Sury ist auch Buchs verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Die Wahl in den Gemeinderat schaffte der 61-Jährige 2016.

Melchior Buchs: Wenn nur die DNA zählt, bin ich kein echter Reinacher, Frau von Sury aber auch nicht. Solche Vorwürfe sind leider Teil dieses Wahlkampfes. Wie gesagt, ich bin seit vier Jahren in Reinach wohnhaft. Würde ich alle Stunden zusammenzählen, die ich pro Jahr innerhalb der Gemeindegrenzen verbringe, so käme ich auf ein sehr hohes Total, wahrscheinlich auf eines der höchsten im Gemeinderat, das habe ich schon zur «Schweiz am Wochenende» gesagt. Sie merken: Ich finde Argumente wie diese relativ lächerlich.

Aber die Wochenenden verbringen Sie in Thun?

Melchior Buchs: Nein. Seit ich Gemeinderat bin, bleibe ich mehrheitlich hier. Meine Frau und ich sind da flexibel, unsere drei Kinder leben nicht mehr zu Hause. Im 21. Jahrhundert sollte man sich auch nicht mehr dafür rechtfertigen müssen, wenn in einer Partnerschaft nicht beide Partner am gleichen Ort leben. Meine Frau arbeitet in Thun als Lehrerin. Wir sind um die 60, da will man die Stelle nicht mehr wechseln. Sie ist aber auch häufig bei mir am Wochenende. Ich kann also sagen: Ich kenne manchen Reinacher, der mehr Zeit im Berner Oberland verbringt als ich (lacht).

Die Asylheim-Affäre hat viel Vertrauen in die Politik zerstört. Sie führte dazu, dass im September Gemeindepräsident Urs Hintermann und Gemeinderat Silvio Tondi per sofort zurücktraten. Wie wollen Sie das Vertrauen zurückgewinnen?

Béatrix von Sury: Wir sind in die Hosen gestiegen nach dem Ausscheiden von Urs Hintermann und Silvio Tondi. Die Gemeindeverwaltung läuft problemlos. Die Vorgänge werden extern untersucht. Wenn der Bericht fertig ist, werden wir der Bevölkerung die Resultate präsentierten. Wichtig ist, dass wir nichts beschönigen, sondern ehrlich sind und zu allfälligen Fehlern stehen.

Melchior Buchs: Vertrauen können wir aufbauen, in dem wir eine gute Politik machen. Wir fünf Übriggebliebenen haben viel Arbeit geleistet und nicht einfach abgewartet, bis die Neuen kommen. Das hat schon einiges an Vertrauen zurückgebracht.

Gemäss der «Basler Zeitung» gibt es bereits erste Erkenntnisse der Untersuchung – der Gemeinderat jedoch halte die Resultate der Bevölkerung vor, schreibt die Zeitung.
Melchior Buchs: Es hat eine Zwischenorientierung stattgefunden im Gemeinderat. So ist das auch der «Basler Zeitung» kommuniziert worden. Es liegen aber keine Ergebnisse vor. Der Bericht wird voraussichtlich im Juni 2018 erscheinen – vorher ist es nicht sinnvoll, zu kommunizieren.

Béatrix von Sury: Wir haben nichts zu vertuschen. Wir können aber dem Bericht nicht vorgreifen. Es wäre nicht gut, wenn wir nun irgendetwas herauspicken und kommunizierten, was am Schluss nicht in den Zusammenhang passt. Das würde die externe Person, welche die Untersuchung leitet, desavouieren. Es braucht jetzt einfach Geduld. Wir haben immer gesagt, dass Fehler passiert sind – auch auf unserer Seite. Wir wollen aus diesen lernen.

Eine andere Baustelle – im wörtlichen Sinn – ist der Wohnungsmarkt. Die Gemeinde muss Wohnraum schaffen, um die Bevölkerungszahl zu halten. Doch dagegen regt sich Widerstand. Im Mai 2017 nahm das Stimmvolk das Referendum gegen den Quartierplan Jupiterstrasse an. Am 4. März wird über den Quartierplan Schönenbach entschieden, gegen den ebenfalls das Referendum ergriffen worden ist.

Béatrix von Sury: Wir müssen haushälterisch umgehen mit dem Boden – das bedeutet auch, dichter und massgeschneidert zu bauen. Wir müssen auch an den wachsenden Anteil von älteren Menschen denken. Die wollen zurück in die Quartiere im Zentrum, wo es mehr Einkaufsmöglichkeiten hat und die besser vom öffentlichen Verkehr erschlossen sind. Gewünscht sind hindernisfreie Wohnungen.

Melchior Buchs: Wir haben in Reinach einen überalterten Wohnungsbestand. Nur sieben Prozent der Wohnungen sind nach 2000 entstanden. Das Problem ist: Alte Liegenschaften sind rentabel, sie sind abgeschrieben. Da braucht es viel Überzeugungsarbeit, damit die Besitzer solche Objekte sanieren.

Der Widerstand gegen Verdichtung ist gross.

Béatrix von Sury: Die Schweizer haben ein eigenes Wohnverständnis. Man will eher in die Breite, wünscht sich Umschwung. Wir müssen mit den Einwohnerinnen und Einwohnern in den Dialog treten, ihnen vermitteln, dass es gut ist, kompakter zu bauen, weil das Freiräume lässt. Die Freiräume braucht’s. Wenn alles zubetoniert wird, ist der Dichtestress zu gross.

Melchior Buchs: Verdichtung ist ein Reizwort. Die Schweizer gehen zwar gerne nach New York, um Hochhäuser anzuschauen, aber hier wollen sie nicht einmal sieben- oder achtgeschossige Bauten. Unsere Aufgabe ist es, den Einwohnern zu vermitteln, dass es Kompromisse braucht. Verdichtet wohnen müssen wir, das ist eine Vorgabe des Raumplanungsgesetzes. Wir im Gemeinderat sind der Meinung: Es ist verantwortlicher, in die Höhe zu bauen, dafür aber zwischen den Häusern grosszügige Lücken zu lassen.

Wenn man so zuhört, gewinnt man den Eindruck, Sie beide würden sich bestens verstehen. Dabei wird gerade der Reinacher CVP vorgeworfen, sie sei doch gar keine echte bürgerliche Kraft – eher eine SP mit christlichem Anstrich.

Béatrix von Sury: Das ist Unsinn! Wir machen Sachpolitik. Da kann es passieren, dass wir einmal eher mehr links der Mitte sind, das andere Mal dafür auf der Linie der FDP ...

Melchior Buchs (unterbricht): ... leider viel zu wenig!

Béatrix von Sury: Man muss sich doch immer fragen, worum es gerade geht. Bei sozialen Themen unterstützen wir eher die linke Seite – das hat auch mit dem C zu tun.
Melchior Buchs: Es betrübt mich schon ab und zu: Im Gemeinderat sind Klaus Endress (der andere Gemeinderat der FDP, Anmerkung der Redaktion) und ich eine Minderheit, dabei haben FDP und SVP im Einwohnerrat die Hälfte der Sitze. Die Wählergunst wird nicht wiedergegeben. Das gibt Reibungen.

Das kann doch auch befruchtend sein!

Béatrix von Sury: Genau! Im Gemeinderat sollte man nicht Parteipolitik betreiben.

Melchior Buchs: Trotzdem haben wir unsere politischen Überzeugungen, die müssen wir im Gemeinderat einbringen. Sonst müssten wir doch gar nicht erst zu Wahlen antreten.

Wie ticken denn Sie politisch, Herr Buchs?

Melchior Buchs: Ich bin überzeugter Liberaler – in jeder Beziehung. Ich bin für ein Höchstmass an Selbstverantwortung. Die öffentliche Hand sollte sich auf ihre Kernaufgaben beschränken und sich nicht zu stark einmischen. Zweiter Punkt bei mir: Mein Engagement für die Wirtschaft. Ich sehe gewisse Defizite.

Wo drückt der Wirtschaft der Schuh?

Melchior Buchs: Wir haben 12'000 Arbeitsplätze in Reinach. Aber die Konkurrenz anderer Standorte ist gross, und wir leben stark von unserer Vorzeigefirma Endress + Hauser. Wir möchten weitere wertschöpfungsstarke Firmen ansiedeln. Im Kägen-Gebiet gibt es Büroleerstände. Das macht mir Sorgen.

Was ist Ihr politischer Standpunkt, Frau von Sury? Was hat Vorrang: die Wirtschaft oder die soziale Wohlfahrt?

Béatrix von Sury: Freiheit ist wichtig, aber Liberalität hat auch ihre Grenzen. Den Staat braucht es in gewissen Bereichen. Zum Beispiel für die Chancengleichheit in der Schule: Es gibt Kinder, die von den Eltern gefördert werden, andere haben das nicht, da braucht es einen präventiven Ausgleich, etwa in der Form von Aufgabenhilfen. Wir müssen die Gemeinde als Gesamtpaket anschauen. Es sollte für beide stimmen: für die Wirtschaft und das Gewerbe – aber auch für die Einzelpersonen, die Familien und die älteren Menschen.

Melchior Buchs: Unsere Angebote finanzieren wir vor allem über Steuereinnahmen. Also müssen wir auch zu den Unternehmen schauen. Es ist aber in der Verwaltung niemand für die Wirtschaft zuständig. So hat zum Beispiel niemand die Übersicht über Büroleerstände. Solchen Entwicklungen müsste mehr Gewicht zugemessen werden. Wir haben einen Start gemacht, mit dem Wirtschaftsentwicklungskonzept. Das ist ein erster Schritt bei der Wirtschaftsförderung, diese Arbeit will ich weiterführen.