Liestal
«Wer Zweifel hat, der soll zu uns kommen»

Am Tag der offenen Moschee betonen die Liestaler Muslime ihre Bereitschaft zum Dialog. Die Liestaler selbst sind dieser Aufforderung allerdins nur sehr spärlich nachgekommen. Die Besucher liessen sich an den Händen abzählen.

Daniel Haller
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Die Islamische Glaubensgemeinschaft Liestal hat ihre Moschee im Bahnhofs-Dachboden, doch sie sucht grössere Räume.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft Liestal hat ihre Moschee im Bahnhofs-Dachboden, doch sie sucht grössere Räume.

Juri Junkov

«Das ist wie ein Sechser im Lotto», freut sich Vereinspräsident Muhammer Kahraman darüber, dass nach zwei Stunden sechs Personen den Weg in die Moschee unter dem Dach des Bahnhofs Liestal gefunden haben. Letztes Jahr sei am Tag der offenen Moschee nur eine einzige Person gekommen. «Wie kann man über Integration sprechen, wenn man unsere Einladung nicht annimmt?»

Seit 1973 in Liestal

Gegründet wurde die Islamische Glaubensgemeinschaft in Liestal 1973 von damals 10 Mitgliedern. Heute zählt der Verein 84 Mitglieder, davon sind deren 64 aktiv. Die meisten sind türkischer Abstammung, dazu kommen Mitglieder aus Balkanstaaten, Tunesien und Algerien. Der Kreis der regelmässigen Moscheebesucher umfasst rund 200 Personen. Seit 1982 ist ihre Moschee im zweiten Stock des Palazzo am Bahnhof Liestal. Es bestehen Kontakte sowohl zur römisch-katholischen als auch zur evangelischreformierten Kirche. (dh)

Die Moschee im Estrich des Liestaler Palazzo sei Gotteshaus, Gebetsstätte, Unterrichtsraum und sozialer Treffpunkt, erklärt Cumhur Yildiz, der für die Aussenbeziehungen der Liestaler Moschee zuständig ist. Er erläutert die Kanzel für Alltagspredigten und jene fürs Freitagsgebet, die nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische, das Reinheitsgebot. «Eine stabile Verständigungsbrücke zwischen den Menschen aller Religionen und Kulturen» wolle der Verein aufbauen, heisst es in der Einladung, «um einen gegenseitigen respektvollen Umgang zu fördern».

Der Schatten von 9/11

Dass heuer der Tag der offenen Moschee schweizweit unmittelbar vor dem zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 stattfindet, ist kein Zufall: «Der Terroranschlag hat Ängste ausgelöst und wurde benutzt, um negative Bilder zu verstärken. Seither müssen wir uns dauernd rechtfertigen für eine Ideologie, die mit uns nichts zu tun hat», erklärt Yildiz.

Doch die Fragen liegen in der Luft, und schliesslich bricht es aus ihm heraus: «Hört doch auf mit ‹Scharia› und ‹Islamisierung‹!». So bedeute Scharia eigentlich «Brunnen», aus dem man das Wissen trinke. «Das gibt aber niemandem das Recht, anderen Vorschriften zu machen.» Dass dies in vielen Staaten des Nahen Ostens ganz anders gehandhabt wird, erklärt er mit patriarchalen Stammesstrukturen. «Nicht alles, was Muslime tun, steht im Koran. So wie auch nicht alles, was Christen machen, auf der Bibel beruht.» Zudem müsse man die Koranverse im historischen Zusammenhang sehen: «Die ersten Muslime wurden angegriffen und mussten sich verteidigen.» Auch im Islam dürfe sich niemand das Recht nehmen - ausser in Notwehr - Menschen zu töten.

Die Rolle der Frau

Der Koran schreibe vor, dass Frauen zu ihrem Schutz ihre Geschlechtsmerkmale verhüllen müssen. «Wie sie dies umsetzen, sollen sie selbst entscheiden», erklärt Yildiz und fügt mit Blick auf die Burka-Debatte hinzu: «Sie sollten es so machen, sodass es dem gesellschaftlichen Miteinander nicht schadet.» Dass andererseits im «Blick» täglich eine Frau «wie ein Stück Fleisch präsentiert» werde, fördere den Respekt vor der Frau keineswegs, hält er Fragen nach der Rolle der Frau entgegen.

Diese geniesse im Islam das Recht, sich nicht um das materielle Auskommen der Familie kümmern zu müssen. Diese Pflicht laste allein auf dem Mann. «In der Familie aber entscheiden sie gemeinsam.» Und was ist mit den Aussagen eines Basler Muslimen, der Mann dürfe die Ehefrau schlagen? «Weshalb geht das Fernsehen zu einem Radikalen, der keine Imam-Ausbildung hat, anstatt uns zu fragen?», kommt die Gegenfrage.

Dass alle Muslime in denselben Topf geworfen werden, belastet jene, die sich integrieren möchten: «Wir sind seit 38 Jahren in Liestal, haben Austausch mit Christen und Juden und haben nie Probleme verursacht», betont Kahraman. Er berichtet von der Angst einer älteren Schweizerin, die Moschee zu betreten, nachdem in Ägypten Islamisten eine Kirche angezündet hatten. «Wir möchten so wahrgenommen werden, wie wir sind. Wer Zweifel hat, soll zu uns kommen und uns die Fragen stellen.»