Retter in der Not
Wie ein Mann, der Tot war, seinen Lebensretter wiedersieht

Er war dem Tode sehr nahe. Nun kommt es zum Wiedersehen. Patrick Hänggi, dessen Herz am 6. August 2010 stillstand, trifft seine jetzt ausgezeichneten Retter.

Lucas Huber
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Wiedersehen fast ein Jahr nach der spontanen Rettung: (v. l.) Patrick Hänggis ältester Sohn Jan, Ruud Janssen, Patrick Hänggi, Susanne Hänggi, Gwendolyn Janssen, Chantal Karrer und Thomi Karrer. Lucas Huber

Wiedersehen fast ein Jahr nach der spontanen Rettung: (v. l.) Patrick Hänggis ältester Sohn Jan, Ruud Janssen, Patrick Hänggi, Susanne Hänggi, Gwendolyn Janssen, Chantal Karrer und Thomi Karrer. Lucas Huber

bz Basellandschaftliche Zeitung

Am Tag, als Thomi Karrer acht Cordons bleus fallen liess, um ein Menschenleben zu retten, strahlte die Sonne. Die Terrasse des Restaurants «Stierenberg» ob Bretzwil war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wirt Thomi Karrer war gerade daran anzurichten, als ein zwölfjähriger Junge angerannt kam und brüllte, sein Vater sei, ganz blau im Gesicht, zusammengesackt. Reflexartig rannte Karrer den Hang hinter dem Restaurant hoch, 30, 40 Meter. Mit Susanne Hänggi und Gwendolyn Janssen erreichte er den Bewusstlosen, den Gwendolyns Mann Ruud Janssen zu dem Zeitpunkt bereits in eine stabile Seitenlage gehievt hatte.

«Wir stellten uns gar nicht erst die Frage, ob wir helfen oder nicht: Wir sprangen einfach auf und rannten. Automatisch», sagt Gwendolyn Janssen, die in der Pharma-Branche tätig ist. Als im Winter 2009 – bei einem Unfall in den französischen Alpen – ein Auto in eine Schlucht rutschte, waren die Janssens schon einmal zur Stelle, in der Not zu helfen. «Dieses Erlebnis hat sicher geholfen, ohne Hemmungen zu helfen», ist die zweifache Mutter überzeugt.

Auf Autopilot

Susanne Hänggi sandte ein Stossgebet zum Himmel – «ab da wusste ich, dass alles gut gehen würde; ich wusste es einfach.» Dann begannen sie mit der Reanimation, massierten Patrick Hänggis Herz, beatmeten ihn. 20 Minuten dauerte die Wiederbelebung, während der weder Puls noch Atmung fühlbar waren. «Ich lief auf Autopilot, machte einfach, spürte keine Ermüdung», wundert sich Ruud Janssen noch heute. Nach 20 Minuten traf die Rega ein, dann die Polizei, schliesslich die Ambulanz. 20 weitere Minuten vergingen, bis das Herz dank Defibrillator wieder schlug. Patrick Hänggi, Vater von drei Kindern zwischen neun und zwölf, ist für ganze 40 Minuten tot gewesen.

Laut einer Umfrage des Samariterbundes haben 76 Prozent der Befragten einen Nothilfekurs absolviert, der allerdings oft Jahrzehnte zurückliegt. Gwendolyn und Ruud Janssen hatten vor 22 Jahren gemeinsam gelernt, wie man Leben rettet. Vieles vom Kurs sei wohl nicht mehr präsent gewesen, schätzen sie, doch als es um Leben und Tod ging, sei das damals Erlernte wie ein Blitz wieder in Erinnerung gekommen.

«Bewundere seine Ruhe»

Thomi Karrer hatte ein Jahr vor dem Unfall einen Lebensrettungskurs absolviert. Seine Frau Chantal, die bei Patrick Hänggis Herzstillstand die Schaulustigen zurückhielt, bewundert noch heute seine Ruhe – «und danach konnte er wieder in die Küche gehen und weiterkochen, während ich noch immer zitterte.»

Gwendolyn und Ruud Janssen kommen regelmässig mit Freude auf den Stierenberg zurück. Sie erachten das Geleistete nicht als etwas Belohnenswertes oder etwas, worauf man stolz zu sein hätte. «Darüber denkt man gar nicht nach», erklärt Gwendolyn Janssen. Trotzdem freut sie sich über die Ehrung der Schweizer Herzstiftung, den HELP-Preis, den sie, ihr Mann und Thomi Karrer vergangenen Dienstag für ihre selbstlose Tat erhielten. Etwas Einschneidenderes gäbe es wohl kaum, sinniert Gwendolyn Janssen, «es macht einem die eigene Sterblichkeit bewusst. Es zeigt einem, wie schnell und unvermittelt alles vorbei sein kann.» Und irgendwie, ergänzt Ruud Janssen, habe das Ganze die Familie zusammengeschweisst.

Bewussteres Leben

Aus Fremden wurden an diesem Tag Schicksalsgefährten, heute sind sie Freunde. Bis Patrick Hänggi, der mit seiner Familie in Nunningen lebt, allerdings in der Lage war, Danke zu sagen, vergingen Monate. Noch Tage nach seinem Herzstillstand rechneten die Ärzte nicht damit, dass er überleben würde. Und erst nach und nach begann sein Körper wieder zu funktionieren.

Seit Ostern darf Patrick wieder Autofahren – und ab dem 8. August, ein Jahr nach dem Tag, an dem er dem Tod tief ins Auge blickte – darf er wieder arbeiten. «Natürlich wusste ich schon vorher: Stress, lange Autofahrten, öfter mal Fastfood und immer weniger Bewegung sind nicht gesund. Aber vom Erkennen bis zum Handeln ist ein weiter Weg.»

Heute lebt Patrick Hänggi bewusster, isst gesünder, hält sich, soweit es geht, von Stress fern. «Man kann nicht falsch helfen», betont er, «in einer solchen Situation muss man einfach helfen, irgendwie – sonst ist man tot. Sonst wäre ich jetzt tot. Das einzig Falsche ist, nicht zu helfen. Das mitzuteilen ist mein grösstes Anliegen.»