Röstigraben
Wie Exil-Basler mit Vorurteilen umgehen

Frei/Streller, beide Basler, sorgten in der letzten Woche mit ihrem Ausstieg aus der Nationalmannschaft für Wirbel. Exil-Basler und Baselbieter glauben jedoch, dass Basel in anderen Landesteilen geschätzt wird.

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Zürcher Ständerat mit Basler Wurzeln: Felix Gutzwiller (Archiv)

Zürcher Ständerat mit Basler Wurzeln: Felix Gutzwiller (Archiv)

Keystone

«Dr Baaasler kunnt», schallt es durch die Garderobengänge, sobald sich bei einem nationalen Sportanlass ein Basler oder Baselbieter Journalist mit dem Notizblock den Heroen nähert. Es ist kein Alarmruf. Vielmehr wird das Hauptmerkmal des Dialekts nachgeahmt. Gemeint ist nicht das «k» bei «kunnt», das kennen die Churer auch, Mittel- und Oberbaselbieter jedoch nicht. Gemeint ist der lang gezogene Vokal, die Dehnung in offener Tonsilbe, wie der Sprachwissenschafter den Dialektunterschied zwischen der Jura-Nord- und der -Südseite festmacht.

Markus Egger: «Trotz Halbkantönligeist offene Region»

Wenn das ganze Aufbegehren nach den Rücktritten der Fussballer Alex Frei und Marco Streller allmählich als Zeichen eines allgemeinen Missbehagens der Schweiz gegenüber «Basel» - Baselland natürlich eingeschlossen - interpretiert wird, reagieren andere Sportler nur mit Kopfschütteln. Zum Beispiel Markus Eggler, WM- und Olympiamedaillen-Gewinner. Er ist eigentlich Thuner, lebt aber schon seit 20 Jahren in der Agglomeration Basel. Oder umgekehrt Eishockey-Spieler Oliver Kamber. Der Stürmer ist in Zunzgen aufgewachsen, stand danach bei verschiedenen Schweizer Spitzenvereinen unter Vertrag, aktuell spielt er für den HC Lugano.

«Natürlich wurde ich, speziell in meiner Zeit beim ZSC, manchmal mit dem FCB aufgezogen; selbstverständlich wurde in der Garderobe auch mal mein Dialekt nachgeahmt», sagt Kamber, «aber ich hatte wirklich nie das Gefühl, auch nur einmal wegen meiner Herkunft schlechter behandelt worden zu sein.» Allerdings, dessen ist sich Kamber auch bewusst, bildet «Basel» im Eishockey im Gegensatz zum Fussball gewiss keine Macht und geniessen die einzelnen Eishockeyspieler in Zeitungen generell viel weniger Aufmerksamkeit.

An die Sprüche wegen seines Dialekts speziell an der Fasnacht hat sich auch Curler Markus Eggler längst gewöhnt. Doch 362 Tage im Jahr erlebt er den Grossraum Basel trotz des befremdenden «Halbkantönligeists» als «extrem offen» - ganz anders etwa als früher die oft «sture Bärner Gringe». Basler und Baselbieter würden in der ganzen Schweiz und in allen Bereichen sehr geschätzt. Der FCB bilde die einzige Ausnahme. Das kann Eggler, der auch FCB-Anhängern ist, leicht nachvollziehen: «Erfolg weckt Neid. Das musste ich im Curling auch schon erleben.» (JG)

Dieses Dialekt-Merkmal verdrängt feinere Unterschiede. Deshalb tönt auch ein Rampass aus Ammel für den Rest der Schweiz ebenso nach Basel wie der Laufentaler von «Zwinge-hinge». Roger Blum, der Medienwissenschafter mit unüberhörbaren Liestaler Wurzeln, hat es aufgegeben, auf den Unterschied zwischen Baselland und Basel-Stadt zu pochen. «Dank Roger Federer erfuhr man in anderen Landesteilen, dass es ein Baselbiet gibt», sagt Blum. Doch er fragt sich, wer dabei auch merkt, dass es sich dabei um einen eigenständigen Kanton handelt und nicht einfach um eine Analogie zum Züri- oder Bernbiet. Es sei «langfristig hoffnungslos», dass man in der Schweiz den Unterschied zwischen den beiden Basel kenne, sagt er.

«Ein wenig exotisch»

Blum, der heute in Köln lebt, hat in seinen Jahren in anderen Schweizer Städten den Eindruck erhalten, dass Basler und Baselbieter als «ein wenig exotisch» gelten. Das könnte an der Grenzlage liegen und am «Westschweizer» Abstimmungsverhalten. Die Vermutung, dass «Basler» deshalb andernorts auf Ablehnung stossen, weist er zurück. «Die grösste Ablehnung, die ich wegen der Herkunft je erlebt habe, war, als ich als Liestaler Junge nach Basel ins Gymnasium musste», erinnert er sich.

Auch Boris Banga, der in Grenchen wohnt und dort Stadtpräsident ist, begegnete nie Problemen wegen seiner Herkunft. Wohl wohnt der direkte Nachkomme von Benedikt Banga, des Baselbieter Regierungsrats der Trennungswirren, schon seit 31 Jahren in Grenchen, seine Binninger Wurzeln sind aber unüberhörbar. «Ich habe hier nie als Exot gegolten», sagt er. Er führt dies aber auch auf «seine» Stadt zurück. Grenchen hat mit seiner Wirtschaft mit Uhrenindustrie und Medizinaltechnologie enge Bezüge zum Baselbiet.

Zudem wechselt dort innerhalb einer Legislaturperiode jeder fünfte der rund 10 000 Stimmbürger. «In unserem Gemeinderat sind viele verschiedene Dialekte vertreten», sagt er, «vielleicht hätte ich es in Städten wie Solothurn, Aarau oder Bern schwerer gehabt als in Grenchen, in der Politik Fuss zu fassen.» Zudem, so ist Banga überzeugt, geniessen Basler und Baselbieter «vielleicht wegen des verbindenden Jurabogens» deutlich mehr Sympathien als etwa Zürcher.

Dem Basler Dialekt treu bleiben

Felix Gutzwiller, der Zürcher FDP-Ständerat mit ebenfalls unüberhörbaren Basler und Therwiler Wurzeln, fühlte sich im «Exil» ebenfalls nie durch seine Herkunft zurückgebunden. Ja, er fragt sich vor den Herbstwahlen sogar: «Wäre es umgekehrt denkbar, dass Basel einen Ständerat wählt, der ‹Ziiridytsch› spricht?»

Die bekannten, während dreier Tage im Jahr kaum mehr auszuhaltenden Neckereien zwischen den Städten bezeichnet er sogar als «liebevoll». «Es entbehrt aber jeder Grundlage, zwischen Basel und Zürich oder zwischen Basel und dem Rest des Landes einen Graben zu konstruieren», sagt er und verweist auf die vielen Gespräche und Kontakte, die ihn mit der Nordwestschweiz verbinden. Und der Unterschied zwischen Baselland und Basel-Stadt? «›Ich lege dort Wert darauf, wo er wichtig ist, etwa in der Politik.» Sonst aber spricht er, der bewusst Bürger von Therwil und Binningen ist, von der Region und Gegend. «Schliesslich komme ich aus einer Familie, die sich damals dezidiert für die Wiedervereinigung stark gemacht hat.»