Liestal
Wie gefährlich ist Liestals neuer Kreisel?

Seit der Eröffnung am 21. August haben sich im neuen Schauenburgkreisel in Liestal bereits drei Verkehrsunfälle ereignet. Nun stellen sich Fragen nach der Sicherheit. Der VCS will die Baselbieter Bau- und Umwelschutzdirektion in die Zange nehmen,

Bojan Stula
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Gefährlicher Kreisel

Gefährlicher Kreisel

bz Basellandschaftliche Zeitung

Der Rettungshelikopter landete auf dem benachbarten Turnplatz. Schaulustige, winkende Polizisten. Nur langsam vorwärtskriechende Autokolonnen. Sanitäter beugen sich über einen Verletzten. Warnleuchten blinken - ein Verkehrsunfall, einmal mehr.

Dieser hier ereignete sich am vergangenen Montag im neuen Schauenburgkreisel in Liestal. Kurz nach halb zwölf fuhr ein 61-jähriger Automobilist einen 45-jährigen Velofahrer an. Aus der Polizeimeldung: «Durch die Kollision wurde der Velofahrer weggeschleudert. Der Velofahrer zog sich diverse Verletzungen zu und musste - nach der medizinischen Erstversorgung durch die Sanität Liestal - mit einem Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) ins Spital geflogen werden. Der genaue Unfallhergang ist Gegenstand von laufenden Ermittlungen.»
Bittere Ironie des Schicksals: Wenige Stunden später am selben Montag taucht ein Montagetrupp des Baselbieter Tiefbauamts am Unfallort auf und montiert farbige Hinweisschilder in alle Richtungen: «Auto. Im Kreisel überhole ich kein Velo!» und «Velo. Im Kreisel fahre ich in der Fahrbahnmitte!»

Neuartiges Sujetkonzept

Natürlich besteht zwischen dem Unfall und der Schilderaktion kein direkter Zusammenhang. Deren Montage war schon lange vorher geplant worden. Zum Einsatz kam ein ganz neues Sujetkonzept, das noch nirgendwo sonst im Kantonsgebiet auf die Gefahren im Kreisel aufmerksam macht. Die zeitliche Koinzidenz war ein Zufall, wie Sprecher Adrian Baumgartner von der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) bestätigt. Prompt regte sich ein Leserbriefschreiber in der bz über die neuen Warnschilder auf. Velofahrer sollten sich zuerst gefälligst an die Regeln halten.
Am 21. August wurde der neue Schauenburgkreisel seiner Bestimmung übergeben. Da wegen der Sperrung der H2-Zufahrt auf Höhe der Avia-Tankstelle neben dem Liestaler Ortsverkehr nun auch der ganze Transitverkehr in Richtung Sissach über den Kreisel fährt, hat die Verkehrsdichte über Nacht zugenommen - und zwar massiv.

Rund 40 000 Fahrzeuge passieren diese Stelle der Rheinstrasse jeden Tag; diese Zahl nennt die Bau- und Umweltschutzdirektion. Noch bis Ende 2013 wird die neue Verkehrsführung gelten, schätzt der Baselbieter Kantonsingenieur Oliver Jacobi.

Um die Belastung für die Anwohnerschaft abzudämpfen, wurde ein lärmvermindernder Flüsterbelag verlegt und eine zusätzliche Fussgängerampel wurde aufgestellt («Sonntag bz» berichtete). Die neue Beschilderung ist ein Teil der «Optimierungsmassnahmen», die der Kanton «laufend» am neuen Kreisel vornehmen will. «Hier stellt sich die Herausforderung, dass wir den Verkehr fliessen lassen wollen und parallel dazu eine sehr komplexe, lange Baustelle betreiben», erklärt Baumgartner. Die Umleitung wurde vor allem deshalb nötig, weil der gesperrte H2-Abschnitt für den Baustellenverkehr reserviert bleiben muss. «Anders geht es nicht», versichert der Sprecher der Bau- und Umweltschutzdirektion.

Erster Unfall am ersten Tag

Der erste Unfall im neuen Kreisel geschah bereits am Tag nach der Eröffnung. Ein Fahrzeuglenker streifte leicht ein anderes Auto vor lauter Überraschung über die neue Verkehrsführung. Am 6. September kippte ein Betonmischer zur Seite, weil er vermutlich zu schnell in den Kreisel hineingefahren war. Bei beiden Vorfällen gab es keine Verletzten. Der dritte und bisher letzte Unfall betraf den eingangs erwähnten Velofahrer, der mit Verdacht auf Rückenverletzungen ins Spital geflogen werden musste. Für den Baselbieter Polizeisprecher Meinrad Stöcklin sind diese drei Unfälle aber «kein Anzeichen» dafür, dass der neue Kreisel zu gefährlich gebaut worden ist. Von einem neuen Unfallschwerpunkt könne nicht die Rede sein: «Die Ursachen waren jeweils unterschiedlich. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, der sich an neue Verhältnisse zuerst anpassen muss.»

So sehr Baumgartner im Namen der BUD die Unfälle bedauert, so entschieden weist er auf die Grenzen der Verantwortlichkeit hin. Die Verkehrsdisziplin der Fahrzeuglenker könne sein Amt leider nur unwesentlich beeinflussen. «Da müssen wir einfach davon ausgehen, dass die Verkehrsteilnehmenden ihre Fahrzeuge beherrschen und beispielsweise wissen, wie Kreiselverkehr funktioniert.»

VCS will intervenieren

Der velofreundliche VCS sieht das naturgemäss anders, denn die VCS-Sektion beider Basel ist ein aufmerksamer Beobachter der Situation am Schauenburgkreisel. Um die Veloführung beim MFP-Kreisel in Münchenstein hatte sich der Verkehrs-Club mit den Baselbieter Behörden einen langwierigen, aber letztlich erfolgreichen Rechtsstreit geliefert. Gegen die Planauflage des Verkehrsknotens in Liestal verzichtete der VCS hingegen auf eine Einsprache, da die Rheinstrasse nicht im kantonalen Radroutennetz verzeichnet ist.

Trotzdem schaut Geschäftsführerin Stefanie Fuchs mit einem gewissen Unbehagen nach dem Schauenburgkreisel; erst recht nach dem Unfall vom Montag. «Wir sind gegen zweispurige Kreisel, weil diese für Velofahrer wirklich gefährlich sind.» Wegen der Überbreite sei auch der Ratschlag, mit dem Velo in der Fahrbahnmitte zu fahren, kaum umsetzbar. «Autos überholen trotzdem links oder rechts, weil genügend Platz da ist und im Kreisel schnell gefahren werden kann.» Fuchs will nun bei der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion vorstellig werden, um sich für flankierende Massnahmen zugunsten der Velofahrer einzusetzen. Die Kontroverse ist eröffnet - hoffentlich ohne weitere Unfälle an diesem Ort.