Oberwil
Wie Stefan Gschwind seinen Kopf verlor

Den Baselbieter Stefan Gschwind kennt nicht mehr jedes Kind. Dabei legte er in Oberwil den Grundstein zu Coop.

Benjamin Wieland
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«Schaufelkönig»: Stefan Gschwind.

«Schaufelkönig»: Stefan Gschwind.

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Da verlor Stefan Gschwind den Kopf. Das war im März 2013. Diebe hatten die Büste, die an den wohl bekanntesten Oberwiler erinnern soll, von ihrem Steinsockel im Ortszentrum abmontiert und mitgenommen.

Zuerst ging in Oberwil die Vermutung um, es könnte sich um eine politisch motivierte Tat handeln. Denn Gschwind (1854–1904) war zumindest zu Jugendzeiten glühender Sozialist, ebenso Sozialdemokrat und Genossenschaftspionier. Die von ihm aufgebaute Birseck'sche Produktions- und Konsumgenossenschaft fusionierte später mit dem Allgemeinen Consumverein Basel zum ACV beider Basel, woraus schliesslich Coop hervorging. Als jedoch auch Monate später immer noch kein Bekennerschreiben oder etwas in dieser Art eingegangen war, setzte sich die Erkenntnis durch: Da waren wohl schlicht Metalldiebe am Werk, hatte die Bronzebüste doch einen Materialwert von rund 7000 Franken.

Altmetallhandel – das ist einer der wenigen Wirtschaftszweige, mit denen Stefan Gschwind, geboren am 22. April 1854 in Therwil, in seinem bewegten Leben nichts zu tun hatte. Er war Sägereibesitzer, Anteilhaber der Basler Brotfabrik, er baute eine Schaufelfabrik – sein Übername lautete «Schaufelkönig» – auf und reorganisierte die Florettspinnerei Angenstein, er war im Liegenschaftshandel tätig und stieg mit der Elektra Birseck Münchenstein auch noch in den Energiesektor ein.

Die Büste mit neuem Kopf.

Die Büste mit neuem Kopf.

Kenneth Nars

Rundum-Versorgung

Die bedeutendste Tat des umtriebigen Politikers und Unternehmers war jedoch die Gründung der Produktions- und Konsumgenossenschaft Oberwil im Jahre 1892, die zwei Jahre später zur erwähnten Coop-Vorgänger-Organisation erweitert wurde, zur Birseck’schen Produktions- und Konsumgenossenschaft. An dieser lässt sich auch der Grundpfeiler, die Leitlinie, die Philosophie all seines Wirkens aufzeigen: der Solidaritäts-Gedanke.

Der Ur-Coop: An der Hohlegasse in Oberwil stand der erste Konsum der Birseck’schen Produktions- und Konsumgenossenschaft, eines von Stefan Gschwind gegründeten Vorgänger-Unternehmens des Grossverteilers. «Hier wird nur rein amerikanisches Petroleum (Import) verkauft!», heisst es auf einem Werbeplättchen. Alt-Oberwil

Der Ur-Coop: An der Hohlegasse in Oberwil stand der erste Konsum der Birseck’schen Produktions- und Konsumgenossenschaft, eines von Stefan Gschwind gegründeten Vorgänger-Unternehmens des Grossverteilers. «Hier wird nur rein amerikanisches Petroleum (Import) verkauft!», heisst es auf einem Werbeplättchen. Alt-Oberwil

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Die Konsumenten sollten sich in grosser Zahl zusammenschliessen, bis sie die Produktion der benötigten Waren selber in die Hand nehmen können. Dann fällt die Grenze zwischen Produzent und Konsument, und somit können die Konsumenten auch die Ausbeutung durch Kredite und Zins, Zwischenhandel und Unternehmergewinn umgehen. Die Preise sinken, die Waren werden erschwinglich. Unter dem Dach der Genossenschaft sollten sich nach Gschwinds Plänen aber nicht «nur» Bauern zusammen finden, sondern auch Arbeiter und weitere Teile der arbeitenden Bevölkerung.

«Halt e Därwiler!»

Die Idee zündete – die Produktions- und Konsumgenossenschaft hatte rasch Erfolg. Ihre Mitgliederzahl wuchs zwischen 1892 und 1898 von 190 auf 1804. Es folgten weitere Unternehmenszweige wie etwa ein Holzgeschäft, ein Tuch- und ein Schuhgeschäft, ferner eine Brennerei, Bäckerei, Müllerei, Seidensiederei, ebenso eine Zigarrenfabrik, dann auch ein Gasthof und eine Badeanstalt, schliesslich eine Sparkasse. Sogar eine Lebensversicherung stand den Genossenschaftsmitgliedern offen.

Das Ansehen und der Reichtum von Stefan Gschwind wuchsen im selben Masse wie die Genossenschaft. Als es ihn 1875, mit 21 Jahren, ins Nachbardorf Oberwil verschlug, um dort auf den Trümmern einer alten Mühle eine Sägerei zu errichten, schlug ihm noch Ablehnung ins Gesicht. Er stehle den Einheimischen das Land weg, schimpften Oberwiler Bauern. Das sollte sich auch nicht bessern, als er 1878 heiratete: Seine Ehefrau Marie Stingelin stammte aus Pratteln. Selbst als reicher, angesehener Bürger habe es noch spöttisch geheissen: «Er isch halt e Därwiler!»

Gschwind, der sich nach dem Besuch der Gewerbeschule in Basel in Zell im Wiesental in Maschinenfachbau ausbilden liess, war schon als junger Mensch weitherum gekommen, und sein Interesse für Politik erwachte früh. Er sammelte Arbeitserfahrung in Zürich, Trier und München. Er trat dem Grütliverein bei, 1874 der Sozialdemokratischen Partei. In München tat er sich im sozialistischen Blatt «Der Zeitgeist» als Autor hervor.

Seine politische Karriere nahm Fahrt auf, als er 1887 in den Verfassungsrat des Kantons Baselland gewählt wurde. Drei Jahre danach zog er in den Landrat ein. 1899, er war damals 45-jährig, schaffte er die Wahl in den Nationalrat, war dort einer von vier Sozialdemokraten. In der grossen Kammer tat er sich mit sozialpolitischen Anliegen hervor, etwa mit der Bodenbesitzreform. Mit dieser sollte der «Bauern- und Arbeiterstand vor dem drohenden Untergang» gerettet werden.

Keine Lust auf Revolution

Trotz seines Einsatzes kam er in Konflikt mit der SP-Parteidoktrin. Denn Gschwind hielt nichts von Revolution, Klassenkampf und Verstaatlichung von Produktionsmitteln. Veränderungen dürften nicht von oben herab diktiert werden, sondern müssten von unten kommen: Über Solidarität und Selbsthilfe der Arbeiter und Bauern, über Zusammenschlüsse, wie es Genossenschaften möglich machten. So notierte er: «Freilich in theoretischer Beziehung war ich nie ein strikter Anhänger der Lehren von Marx, ich war immer ein sogenannter Revisionist. Überhaupt war es mehr das Gefühl, das mich auf die Seite der Armen drängte, als die nationalökonomische Wirtschaft.»

Erstaunlicherweise brachte er sein unternehmerisches Denken und Handeln mit seiner Auffassung von Sozialismus unter einen Hut. Man würde heute von einem echten Sozialliberalen sprechen. Lange hatte er nicht Zeit, seine Pläne in Bern zu verfolgen. Am 28. April 1904 verstarb er im Alter von 50 Jahren. Zum Begräbnis am 1. Mai 1904 erschien eine riesige Menschenmenge vor Gschwinds Villa.

Die Schwachen nie vergessen

Er habe seine 50 Erdenjahre «nicht mit Faulenzen und Herumliegen» zugebracht, notierte er in seinem Testament. Stattdessen habe er sich «kräftig bemüht», für seine Nachkommen «ein solides Heim zu gründen, ohne dass ich durch dieses Bemühen vergessen hätte, meine Pflicht der Allgemeinheit gegenüber zu erfüllen.»

Gut möglich, dass Gschwinds soziale Ader auch daher rührte, dass er bereits im Alter von zehn Jahren seinen Vater verlor. Und als er den Grundstein seines geschäftlichen Erfolgs legte, durfte er selber auf Unterstützung zählen: Den Kredit für die Errichtung des Sägereigeschäfts in Oberwil gewährte ihm ein Schwager.

Die Büste Stefan Gschwinds wurde aber nicht etwa gleich nach seinem Tod erstellt. Dafür musste nochmals ein halbes Jahrhundert vergehen. Sie wurde am 28. April 1954 eingeweiht, damals noch an einem anderen Platz.

Nach dem Diebstahl am 3. März 2013 sollte es abermals ein Weilchen dauern, bis der Sockel wieder besetzt war. Schliesslich spendeten Coop, die von Gschwind gegründete Pestalozzi-Gesellschaft und Immobilien Ziegelei Oberwil gemeinsam das Geld für eine Nachbildung. Die neue Büste wurde am 23. September 2014 feierlich aufgesetzt, an ihrem angestammten Ort, der nicht dem Zufall entspringt: vor der CoopFiliale an der Hauptstrasse.

Schild mit Schreibfehler

An den bekanntesten Oberwiler erinnert aber nicht nur die Büste. Auch eine Strasse wurde nach ihm benannt. An ihr lässt sich demonstrieren, wie berühmt dieser Stefan Gschwind im Leimental gewesen sein muss. Sie habe früher nur «Stefan Strasse» geheissen, weiss Pascal Ryf, Landrat und Präsident des Vereins Alt-Oberwil. Erst, als die Erinnerung an Gschwind langsam nachliess, seien neue Schilder montiert worden – dieses Mal mit Nachname.

Dass man dabei seinen Vornamen fälschlicherweise mit «ph» schrieb, das hätte Oberwils berühmtester Stefan seiner Wahlheimat bestimmt verziehen.

Quelle: www.altoberwil.ch