Liestal
Winzerhistorie: Der ganze Schleifenberg war einst mit Reben bedeckt

Der Baselbieter Hauptort hat eine vergessene Winzerhistorie und war einst zweitgrösste Weinbaugemeinde im Kanton. Praktisch jede Liestaler Familie hatte eine Parzelle, mit welcher der Eigenbedarf gedeckt wurde. Angebaut wurde vor allem Elbling.

Boris Burkhardt
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Etwa 1940 im Üetental: Franz Kaufmanns Vater Fritz junior (3.v.l.) und sein Grossvater Fitz senior (dahinter).

Etwa 1940 im Üetental: Franz Kaufmanns Vater Fritz junior (3.v.l.) und sein Grossvater Fitz senior (dahinter).

Vom Windental an der Arisdörferstrasse über den Schleifenberg bis zum versteckten Üetental an der Grenze zu Füllinsdorf erstreckten sich im 19. Jahrhundert die Liestaler Reben: Der Stadtrat und Winzer Franz Kaufmann will Liestals Vergangenheit als einst zweitgrösste Weinbaugemeinde des Kantons nicht in Vergessenheit geraten lassen.

«Praktisch jede Liestaler Familie hatte eine Parzelle», erzählt Kaufmann und zeigt eine Karte von 1877, auf der sich über 50 Hektar kleinstparzellierter Rebflächen fast lückenlos über Liestals Südhänge hinziehen.

Der Wein war für die Familien durchaus auch eine Einnahmequelle. In erster Linie deckte er jedoch den Eigenbedarf: «Das Wasser hatte damals eine sehr schlechte Qualität. Mit dem Wein desinfizierte man quasi das Wasser.»

Angebaut wurde vor allem Elbling, eine Weissweinsorte, die heute noch in Ziefen heimisch ist. «Die Lese war ein Freudentag: Es wurde gesungen und gejauchzt, wenn es in die Reben ging», weiss Kaufmann aus Überlieferungen.

Der Tag, an dem geherbstet wurde, legte jeweils der Gemeinderat fest. In jener Epoche entstanden auch die Besenwirtschaften: Der Wein wurde damals noch in Fässern aufbewahrt. Weil diese, einmal angestochen, bald ausgetrunken werden mussten, verkaufte man den restlichen Wein bei sich daheim.

Die erste Erwähnung des Liestaler Weinbaus findet sich im 13. Jahrhundert an der Burghalde, wie Kaufmanns Kollege Dominik Wunderlin recherchierte; doch dürften die Rebkulturen im Ergolztal noch in die römischen Zeiten zurückgehen.

In einem Holzschnitt von Johannes Stumpf aus dem Jahre 1548 sieht man im Hintergrund den Schleifenberg, der grösstenteils mit Rebstöcken bedeckt ist. Um 1800 wurde Liestal in der Rebfläche nur noch von Arlesheim übertroffen: In der Stadt gab es sechs Weintrotten, von denen heute jedoch keine mehr erhalten ist.

Der Rückgang des Rebbaus in Liestal begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Rebkrankheiten wie Rebläuse und Pilze dezimierten die Bestände in der ganzen Schweiz drastisch; vermehrte Spätfröste setzten den Trauben zusätzlich zu. Zudem wandelte sich die wirtschaftliche Situation: Mit der Eisenbahn 1854 konnten Weine importiert werden; die Liestaler fanden Arbeit in der aufblühenden Textilindustrie.

Die mühselige und wenig lukrative Plackerei an den steilen Rebhängen war nicht mehr nötig. Nicht zuletzt, meint Kaufmann lachend, wurde 1850 mit dem Ziegelhof-Bier auch die erste Brauerei in Liestal gegründet.

All diese Gründe führten zum schnellen Rückgang der Rebflächen, die verbaut oder aufgeforstet wurden. 1923 gab es von den ehemals 50 noch 2,5 Hektar Reben, 1960 sogar nur noch einen halben Hektar. Heute liegt die Anbaufläche im Üetental immerhin wieder bei 1,5 Hektar, die von fünf Winzern inklusive Kaufmann bewirtschaftet wird.

Kaufmann ist bereits in dritter Generation Liestaler Winzer: Sein Grossvater kam 1923 aus dem Rebdorf Buus mit und bewirtschaftete auch den «Staatlichen Versuchsrebberg», wo der Kanton geeignete Rebsorten austesten wollte.

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