Auf dem Rhein
«Wir kommen nie an, wir sind immer unterwegs»

Von Düsseldorf nach Rotterdam Nach einem Blick in den Container-Umschlag in Rotterdam geht die bz von Bord. Sie war 4 Tage lang mit einem Containerschiff von Basel nach Rotterdam gefahren.

Daniel Haller
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Festmachen an der Pier, um auf Lösch-Termine zu warten.

Festmachen an der Pier, um auf Lösch-Termine zu warten.

Nur schemenhaft sind draussen die Ufer vom trägen Rhein zu unterscheiden. Bis auf den Radarschirm hat Schiffsführer Ton Smits alle Monitore auf ein Minimum abgedämpft, um die Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ab und zu markieren zwei weisse Lichter, dass da einer vor Anker liegt; leuchtet zusätzlich ein blaues, hat er Gefahrengut an Bord. «Ohne Radar würde ich jetzt auch ankern», meint Smits. Doch ein Containerschiff bedeutet Liniendienst.

Auf dem Rehin

Die «Grindelwald» und die «Mürren« sind zwei Containerschiffe, die zusammengekoppelt werden und so wie ein einziges Schiff unterwegs sind. Die bz begleitet den Doppeltransport im Rahmen einer Serie auf dem Weg nach Rotterdam. (bz)

Ausser der «Grindelwald» sind um 3 Uhr nur wenige Schiffe unterwegs. Manchmal taucht hinter einer Biegung ein Dorf auf. Gegen 5 Uhr erreichen wir die niederländische Grenze. Ab hier heisst der Rhein Waal, dann Boven Merwede, Beneden Merwede, Oude Maas – und schliesslich umfahren wir unter tief hängenden Nieselwolken zur Melodie der Scheibenwischer Rotterdam südlich über den Hartelkanaal. Der Schaum zeigt an, dass die «Grindelwald» durch Salzwasser pflügt, und die auflaufende Flut bremst uns auf knapp 7 Stundenkilometer über Grund ab. Vorbei an zahllosen Windkraftwerken, Raffinerien, Tankanlagen und durch Wälder von Containerkränen, die Hochseekolosse und Binnenschiffe löschen und beladen, erreichen wir den Yangtzehaven am äussersten Ende der erst vor wenigen Jahren fertiggestellten «Ersten Maasfläche». Strassburg-Rotterdam in 46 Stunden.

100 Quadratkilometer Hafen

Am noch neuen Terminal müssen 28 Container von Bord. Der Kranführer setzt sie auf die führerlosen Transporter, die sie wie von Geisterhand nach hinten bringen. Vollautomatische Krane übernehmen und verstauen sie: Ein menschenleeres Hochregallager der Megadimension. Mit 100 Quadratkilometern ist der Hafen Rotterdam dreimal so gross wie der Kanton Basel-Stadt und würde ein Fünftel des Baselbiets bedecken. Der bereits begonnene Bau der «Zweiten Maasfläche» soll den Hafen um ein Fünftel vergrössern und den Umschlag von heute jährlich 11 Millionen TEU – 6-Meter-Standardcontainer – auf bis zu 35 Millionen TEU im Jahr 2035 verdreifachen. Bereits in zwei Jahren gehen die ersten zusätzlichen Terminals in Betrieb.

Basel und Weil am Anschlag

Die grossen Hochsee-Carrier mit bis zu 14000 TEU liegen nur 48 Stunden im Hafen. Bereits sind Schiffe für 18000 TEU bestellt. Die Herausforderung ist, in dieser Zeit Tausende von Containern von Bord zu holen und neue zu laden. Dabei dürfen diese höchstens sechs Tage vorher angeliefert werden. Und die angelandeten müssen raus aus dem Hafen an ihre Destinationen im Binnenland. Dies ist in Zukunft mit dem heutigen Split – 56 Prozent auf der Strasse, 11 Prozent auf der Schiene und 33 Prozent mit Binnenschiffen – nicht zu schaffen. Deshalb sollen die Bahn künftig ein Fünftel und die Binnenschifffahrt 45 Prozent der Containerfracht bewältigen. Auf dem Rhein bedeuten diese Perspektiven eine Vervierfachung des Containerverkehrs. «Bereits heute kommen die Terminals in Basel und Weil an ihre Grenze», meint Smits. Dass man den neuen Terminal hinter die Autobahn verlegen will, stimmt ihn skeptisch: «Da komme ich mit dem vollen Schiff nicht hin. Und vorne am Rhein planen sie Wohnungen, wo die Leute dann zuerst wegen Hafenlärm reklamieren, und dann wieder, weil ihr neuer Farbfernseher nicht rechtzeitig geliefert wurde...»

Nach einer Nacht an der Pier bekommt die «Grindelwald» am Sonntag früh um 5 Uhr den Lösch-Termin am nächsten Terminal. Je nachdem, für welchen Hochsee-Carrier die «Büchsen» gebucht sind, müssen sie an einer anderen Ecke der Maas-Fläche gelöscht werden. Dann beginnt wieder das Warten, die Ungeduld: Wenn die «Grindelwald» ihre Fracht für Rotterdam schnell los wird, geht die Reise – dann ohne die bz – mit dem Rest der Ladung weiter nach Antwerpen. Ruhe haben Schiffer nur, wenn sie unterwegs sind, oder wie Decksmann Charly sagt: «Wir kommen nie an, wir sind immer unterwegs.»