Hooligans
«Wir Prattler haben die Nase gestrichen voll» – doch Fanzüge sind kaum zu stoppen

Pratteln ärgert sich über Fussball-Chaoten, die Extrazüge stoppen und in der Gemeinde randalieren. Doch das Anliegen, Fussball-Chaoten bereits am Ausgangsort zu stoppen, ist laut den SBB nicht praktikabel.

Benjamin Wieland
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So wie hier im April 2014 kracht es in Pratteln immer wieder wegen Passagieren von Extrazügen.

So wie hier im April 2014 kracht es in Pratteln immer wieder wegen Passagieren von Extrazügen.

Newspictures/Simon Ertler

Der Ärger hat sich noch längst nicht verzogen, auch mehr als eineinhalb Monate danach nicht. Am 23. September wurde Pratteln zum bisher letzten Mal von Passagieren eines Fanzugs heimgesucht. Fans des FC Zürich zogen die Notbremse, schwärmten aus, schlugen unter anderem beim Helvetia-Tower Scheiben ein. Der Schaden: eine Viertel-Million Franken.

Jetzt verlangt die Prattler FDP, dass die Fanzüge künftig bereits am Ausgangspunkt gestoppt werden, wenn sich in den Waggons gewaltbereite Fahrgäste befinden. So sollen diese gar nicht erst bis in die Nordwestschweiz gelangen. Die Partei wird ihre Forderungen per Postulat im Einwohnerrat einreichen. Im Vorstosstext heisst es: «Wir Prattler haben die Nase gestrichen voll und genug von der Gewalt und den Krawallen. Jetzt reichts!»

Übermacht von bis zu 1000 Fans

Die Hoffnung, dass die Chaoten Pratteln nicht mehr passieren, zerschlägt sich aber rasch. Die SBB schreiben auf Anfrage der bz: «Mit einem definitiven Abbruch der Fahrt – Halt Fan-Extrazug oder Umkehr an den Austragungsort – stünden die zwei bis vier den Fanzug begleitenden SBB-Mitarbeiter bis zu 1000 Fans (!) gegenüber. In dieser heiklen Situation müsste aller Voraussicht nach Hilfe angefordert werden.» Die SBB beruft sich auf ihre gesetzliche Transportpflicht. Das bedeute, dass sie bei Spieltagen einen geplanten und angeordneten Fan-Extrazug zum Zielort zu führen habe.

Und offenbar ist es den SBB auch ganz Recht, wenn die Fans auf diese Art zu ihrem Ziel gelangen. Denn ansonsten, so die Bundesbahnen, würden sich die potenziellen Problempassagiere mit den so genannten Regelkunden vermischen – ein unheilvolles Szenario für das Transportunternehmen. «Bedenken Sie», schreiben die SBB, «würde ein geplanter Fan-Extrazug nicht fahren oder unterwegs endgültig gestoppt, hätte das – unmittelbar und mittelbar – grössere Konsequenzen zur Folge».

Die Fans würden auf «normale» Züge, ausweichen, «begleitet von allen Erscheinungen vor Ort». Zudem würden die Fans das nächste Mal wohl wieder gleich einen Regelzug benutzen, solche Absprachen seien in Fankreisen rasch getätigt.

Immer wieder Probleme

Vorfälle mit Fanzügen werden von der KKJPD, der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren, zentral erfasst. Insgesamt kam es 2016 in der Schweiz zu 32 Vorfällen im Zusammenhang mit Extrazügen an Fussballspiele. Dass ein Fanzug nicht verkehrt, kommt offenbar extrem selten vor. «Uns ist nur ein Fall bekannt», schreiben die SBB. Das sei bei einer abgesagten Begegnung gewesen – wegen zuviel Schnee auf dem Platz.

Zumindest vor Ort rennt die Prattler FDP offene Türen ein. Der Gemeinderat schrieb bereits Anfang Oktober, dass er vom Baselbieter Regierungsrat «konzeptionelle Überlegungen» fordere, wie derartige Ausschreitungen künftig verhindert werden könnten. Vergangene Woche traf sich eine Delegation des Gemeinderats mit Vertretern der Polizei Basel-Landschaft, zugegen war auch deren Kommandant Mark Burkhard. Urs Hess, für die Sicherheit zuständiger Prattler Gemeinderat, sagt, es sei noch zu früh, um über die Ergebnisse des Treffens zu informieren.

Die Route der Fanzüge bestimmen Polizei und SBB. Denkbar wäre also, dass Pratteln vom Regierungsrat verlangte, sich dafür stark zu machen, dass die Fanzüge künftig an Pratteln vorbei geleitet werden, also ein anderes Trassee benutzen, um zum St. Jakob-Park zu gelangen.

Doch eine andere Route zu wählen, ist gemäss Hess kaum möglich. Die Fanzüge in Richtung Zürich würden in der Regel über die Bözberglinie geführt. «Zumindest diese Kompositionen kommen an Pratteln, aber auch an Muttenz, nicht vorbei.»

Region umfahren nicht möglich

Möglich wäre auch, dass die Fanzüge in Richtung Mittelland durch den Adlertunnel fahren, statt den Prattler Bahnhof zu passieren. Doch auch das würde das Problem wohl nicht verhindern, sondern lediglich verschieben. Denn dann könnten die Fans die Notbremse in Muttenz ziehen – oder aber erst in Liestal. Die Baselbieter Sicherheits-Direktion bestätigt der bz, dass die Kantonspolizei mit den betroffenen Gemeinden im Kontakt stehe.

Spätestens bis zum 3. März sollten erste Resultate vorliegen. Dann ist der FC Zürich das nächste Mal im St. Jakob-Park zu Gast.