Muttenz
«Wir waren bereits im Pyjama, dann hörten wir einen riesigen Knall»

Diese Muttenzer Paar war beim Schiffsunglück vor der Italienischen Küste an Board. Daniel Zurfluh (50) erzählt, wie er und seine Frau Maya (47) sich von der «Costa Concordia» retten konnten.

Aufgezeichnet von Fabian Muster
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Das Muttenzer Ehepaar Daniel und Maya Zurfluh auf der Fähre von der Isola del Giglio aufs Festland.

Das Muttenzer Ehepaar Daniel und Maya Zurfluh auf der Fähre von der Isola del Giglio aufs Festland.

Zur Verfügung gestellt

«Freitagabend, kurz nach neun Uhr abends. Wir sind in unserer Kabine im neunten Stock und schauen fern, als wir plötzlich einen riesigen Knall hören. Man hört schleifendes Metall. In unserer Kabine ist die Balkontüre aufgesprungen. Meine Frau geht auf den Balkon und schreit. Auch ich gehe hinaus und sehe, dass wir ganz nah am Ufer sind. Ich nehme an, dass wir einen Felsen gerammt haben. Das Schiff steht schon leicht schräg auf unsere Seite hin.

Technischer Defekt

Nach rund fünf Minuten erfolgt die erste Durchsage: Es handle sich um einen technischen Defekt, wir sollen ruhig bleiben. Wir ziehen uns um, wir waren bereits im Pyjama. Wir klemmen die Schwimmweste unter den Arm, nehmen Portemonnaies, Pässe, Handy sowie den Stoffschimpansen mit, unseren Glücksbringer, und gehen Richtung vierten Stock. Dort sind unsere Rettungsboote. Es gibt nur noch eine Notbeleuchtung – ich habe zum Glück eine kleine Taschenlampe dabei –, die Leute drängen sich in den Gängen.

Auf dem Weg zum vierten Stock folgt die zweite Durchsage. Irgendetwas mit «Shot close, shot close.» Die Ansage geht uns durch Mark und Bein. Die Stimme tönt sehr nervös. Uns ist jetzt klar, dass irgendwo Wasser eindringt. Später folgen zwei weitere Durchsagen, nochmals mit dem Hinweis auf einen technischen Defekt. Eine Aufforderung, zu den Rettungsbooten zu gehen, haben wir allerdings nie gehört.

Als wir im vierten Stock ankommen, lässt uns niemand auf die Rettungsboote, weil das Evakuierungszeichen noch nicht ertönt ist. Die Passagiere bekommen Angst, die Kinder weinen und die Crewmitglieder, vorwiegend Südamerikaner und Asiaten aus der Küchenmannschaft, vom Zimmerservice und Matrosen, getrauen sich nicht, etwas zu tun. Von den höheren Crewmitgliedern, die bei der Evakuierungsübung am Anfang der Reise dabei waren, sehen wir nie jemanden.

Rettungsboot stürzte ab

Endlich ertönt das erlösende Evakuierungssignal. Ich und meine Frau stürzen ins Rettungsboot. Ich verstauche mir dabei leicht den Fuss, weil die Passagiere mich von hinten stossen. Auf dem Rettungsboot hat es aber genügend Platz, wir sind etwa 120 bis 150 Passagiere, die auf Alubänken sitzen. Bei der versuchten Wasserung verheddert sich das Boot, ein Teil der Überdachung wird weggerissen. Ein Matrose muss mit einem Beil eine Kette durchschlagen. Wir stürzen rund fünf Meter in die Tiefe ins Wasser.

Dann folgt ein Schreckensmoment: Das Rettungsboot, das über uns hin und her schwankt, stürzt auf unser Dach. Zum Glück rutscht das Boot seitlich ab. Uns passiert nichts. Endlich starten wir den Motor. Unser Steuermann ist ein Kolumbianer, der im Maschinenraum gearbeitet hat. Ich zünde ihm mit einer Lampe den Weg in den Hafen der Isola del Giglio.

Als wir auf der Insel ankommen, um halb zwölf nachts, telefoniere ich mit unseren engsten Freunden in der Heimat. Die Einwohner führen uns in ein Schulhaus, das sie eiligst für die Schiffbrüchigen geöffnet haben. Wir warten dort zwei Stunden. Weil wir nichts machen können, gehen wir wieder zum Hafen zurück. Wir schaffen es auf eine Autofähre, die uns in einer Stunde aufs Festland bringt. Dort werden wir von Sanität, Feuerwehr, Polizei und Militär empfangen.

Die Überlebenden werden durch ein Zelt geschleust. Ein Arzt fragt uns, wie es geht. Wir bekommen Tee und etwas zu essen. Es ist rund drei Uhr morgens. Eigentlich führte unsere Schiffstour ursprünglich nach Savona, doch wir entscheiden uns, mit dem Bus nach Rom zu fahren. Ich rufe die Versicherung an. Sie organisieren uns einen Flug. Samstagmittag besteigen wir in Rom das Flugzeug Richtung Basel. Um halb vier nachmittags sind wir wieder in Muttenz.»