Salina Raurica
Wird das Jahrhundertprojekt weiter abgeschottet oder gibt es eine Zusammenarbeit?

Geplant waren attraktive Wohn- und Arbeitszonen, sowie neue Park- und Freiplätze. Doch das Projekt Salina Raurica steht nicht mehr im Rampenlicht. Die Planung findet hinter geschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Christoph Meury
Merken
Drucken
Teilen
Hier soll einmal gearbeitet, gewohnt und gelebt werden. Doch im Moment herrscht grosse Leere.

Hier soll einmal gearbeitet, gewohnt und gelebt werden. Doch im Moment herrscht grosse Leere.

Roland Schmid

«Am Rhein zwischen Pratteln und Augst soll vor den Toren Basels ein neuer Stadtteil entstehen. Einmalig für die Schweiz sind sowohl die Arealgrösse als auch der Umfang der Anforderungen an die Planer. In einer Gesamtentwicklungsstudie samt Verkehrskonzept mussten sie unterschiedlichsten Funktionen unter einen Hut und letztlich eine Kleinstadt zum Funktionieren bringen» (Tec21, 2004).

Da klang die Sache noch hoffnungsvoll und man wähnte sich kurz vor dem Start eines grossen und hoffnungsvollen Projektes. Der 170 Hektar grosse Siedlungs- und Landschaftsraum zwischen Pratteln, Augst und Schweizerhalle sollte umgestaltet werden und damit die Entwicklung eines neuen Stadtteils ermöglichen. Ausgehend vom kantonalen Richtplan und der damit verbundenen Verlegung der Rheinstrasse wird in den kommenden Jahren das Gebiet weiter entwickelt. In der attraktiven Rheinebene sollten sowohl neue Wohn- und Arbeitszonen, als auch eine Zone für öffentliche Werke und Anlagen, sowie Frei- und Parkflächen entstehen. Das war vor zehn Jahren. Damals gab der Regierungsrat des Kantons Baselland den Start zum städtebaulichen Entwicklungsvorhaben Salina Raurica bekannt.

Stadt fehlt menschliches Antlitz

Seither ist vielleicht hinter den Kulissen Einiges passiert. Nur die Öffentlichkeit hat darüber wenig erfahren. Will man sich auf der einschlägigen Website schlau machen erfährt man so gut wie nichts. Ausser ein paar Richtplänen und wenigen nichtssagenden PR-Sätzen erfahre ich lediglich über die Verlegung der Amphibienlaichgebiete Erhellendes. Bei ein paar mündlichen Erkundigungen trifft man vornehmlich auf beredetes Schweigen.

Irritierend ist bei dieser Recherche eigentlich nicht nur die fehlende Information, sondern auch das Verhältnis der Planer zur Öffentlichkeit. Wir reden hier von der Planung eines neuen Stadtteils. Wir reden von einem Grossprojekt. Das heisst, dass die kontinuierliche Kommunikation, der Diskurs, der informelle Austausch, Partizipationen aller Art das Wesen des neuen Stadtteils prägen werden. Hier werden eines Tages Menschen Wohnungen mieten, KMU ihre Domizile beziehen, es werden Kundinnen und Kunden die angebotenen Dienstleistungen konsumieren, Investoren und Aktionäre werden sich an Firmen beteiligen, Menschen werden zur Erholung kommen, usw. Alle diese Menschen, jetzt noch als Bürgerinnen und Bürger «Mitbesitzer» des neuen Stadtteils, werden in diese Planung im Moment, weder als politische, noch als wirtschaftliche Akteure involviert. Sie sind eine anonymisierte Masse, welche lediglich als statistische Grösse stattfindet. Dieser Planungsstadt fehlt das menschliche Antlitz und sie ist auf unbegreifliche Weise stumm.

Bemerkung macht hellhörig

Profis konzipieren an flimmernden Bildschirmen und mit den neuesten CAD-Programmen, animierte Ansichten einer virtuellen Stadt. Ein paar handverlesene Behördenvertreter dürfen im Namen des Volkes den Städteplaner über die Schulter schauen. Sie dürfen auf der operativen Ebene sogar mitreden. Auf der strategischen Ebene ist die Firma Losinger Marazzi alleine zuständig. Eine Informationspflicht ist nicht verbrieft.

Eine beiläufig gemachte Bemerkung, wonach die Finanzierung und das unternehmerische Risiko bei der Firma Losinger Marazzi liege und dass im Gegenzug der Kanton der Firma ein Kaufrecht für das Land im Kantonsbesitz gewährt, macht hellhörig. Damit verscherbelt der Kanton sein Familiensilber ohne Not und schlimmer noch: Er verliert damit sämtliche Ansprüche auf das besagte Land und die weitere Arealentwicklung. Warum, fragt man sich besorgt, wird dieses Land nicht im Baurecht abgegeben und warum sichert sich der Kanton mit den Baurechtszinsen jährliche Einnahmen und damit auch die Partizipation an dem neuen Stadtquartier? Der Kanton hat die Federführung bei der Entwicklung des Jahrhundertprojektes Salina Raurica abgegeben. Dürfen wir, als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, etwas über die Beweggründe und Motivationen, welche zu diesem Schritt geführt haben, erfahren?

Für Hochregallager zu schade

Partizipation ist bei Stadtentwicklungen normalerweise eine wichtige Vorgabe. Es gibt Spezialisten, welche behaupten, dass Partizipation und Kooperation mit der lokalen Bevölkerung das A und O einer zukünftigen Stadtentwicklung und damit auch essenzieller Bestandteil einer lebendigen Stadt sei. Wer hier Konzessionen macht und die Planer und Stadtentwickler im virtuellen Raum agieren lässt, büsst dies später. Er wird Mühe haben, dass seine Reissbrett-Stadt breit akzeptiert wird. Otto Normalverbraucher und seine Familie müssen das neue Stadtquartier annehmen und in Besitz nehmen.

Erklärungsbedürftig ist auch die lange Planungsdauer. Klar sind solche Projekte komplex und können nicht über Nacht entworfen werden. Aber 13 Jahre sind eine lange Zeit. Lediglich eine grosse Baugrube kündet das neue Coop-Produktions- und -Logistikzentrum an. Auf einer Fläche von rund 80 000 Quadratmetern sollen dereinst 250 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit wird für diese Arealentwicklung nicht gerade ein Zeichen für ein modellhaftes und innovatives Planungsparadestück realisiert. Man hätte wertschöpfende Firmen im Dienstleistungs- und Life-Sciences-Bereich erwartet. Man hofft, dass auf diesem riesigen Areal mehrere Hundert hochwertige Arbeitsplätze geschaffen werden. Arbeitsplatzextensives Gewerbegebiet wurde ursprünglich angekündet. Für Lagerhallen, Hochregallager, Umschlagplätze ist dieses optimal und attraktiv gelegene Areal in Rheinnähe einfach zu schade.