Umfrage
«Wirkliche Atheisten gibt es nur sehr wenige»

46 Prozent der Baselbieter sind sich sicher, dass sie nur dieses eine Leben haben. Spitalseelsorger Richard Baumann erlebt täglich den menschlichen Umgang mit der Frage nach dem Leben nach dem Tod.

Boris Burkhardt
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44 Prozent der Baselbieter haben aber eine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod

44 Prozent der Baselbieter haben aber eine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod

Keystone

«Ich glaube nicht, ich brauche keinen Pfarrer!» So wird Richard Baumann, Seelsorger des Kantonsspitals Bruderholz, manchmal abgewiesen, wenn er zu Patienten ans Bett kommt. Oft sind es Patienten, die wissen, wie viele Tage ihnen noch bleiben. 46 Prozent der Baselbieter sind sich sicher, dass sie nur dieses eine Leben haben: Wenn sie sterben, ist alles vorbei. «Kein Problem! Ich frage trotzdem, wie es Ihnen geht», antwortet Baumann dann ganz ruhig. In fast allen Fällen entwickle sich tatsächlich ein anregendes Gespräch, für das die Patienten sehr dankbar seien.

Die Religion spielt keine Rolle

«Richtige Atheisten gibt es nur sehr wenige», sagt Baumann gegenüber der bz. Nur alle paar Jahre komme es vor, dass ein Patient so hartnäckig sei, dass er wirklich partout mit keinem der je zwei Frauen und Männer der Spitalsseelsorge im Bruderholz sprechen möchte. Natürlich versuche er im Gespräch, Christen, die ihren Glauben aufgaben, «auf den Boden des Glaubens» zurückzuführen. «Meine Aufgabe ist es aber, Kraft zu geben, nicht zu bekehren», sagt Baumann. So spielt es für den katholischen Priester auch keine Rolle, welche Konfession oder gar Religion der Patient hat.

Exklusiv-Umfrage: So tickt Baselland

Wie leben die Menschen im Baselbiet? Fühlen sie sich wohl in ihrem Wohnkanton? Was gefällt ihnen? Was macht ihnen Sorgen? Die repräsentative Umfrage der bz liefert die Antworten. Das Markt- und Meinungsforschungsunternehmen Demoscope hat zwischen dem 18. April und dem 3. Mai 2011 256 Baselbieter befragt. Entstanden ist ein Abbild der aktuellen Befindlichkeit der Bevölkerung. In einer sechsteiligen Serie werden die Ergebnisse täglich vom 11. bis 16. Juli in der bz präsentiert. Die Befragung erfolgte in Zusammenarbeit mit Raiffeisen. (bz)

Überhaupt sprächen sterbende Menschen seltener über den Tod als vielmehr über das Sterben. Oft sei die eigene Beerdigung das letzte Thema. Das Abschiednehmen von den Angehörigen falle vielen sehr schwer: «Die Sterbenden können oft nicht loslassen, weil sie sich noch verpflichtet fühlen.» Nicht selten stürben Patienten deshalb erst, wenn sie im Zimmer allein seien und in Ruhe loslassen könnten.

Wiedersehen mit der Familie

«Eine ganze Reihe» von sterbenden Patienten habe hingegen bereits eine feste Vorstellung vom Jenseits. Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht sei veraltet: «Viele sind aber sicher, dass sie ihre Familie wiedersehen werden.» Baumann berichtet auch von Leuten mit Nahtoderfahrungen, «die waren richtig gehässig, dass sie zurückgeholt wurden». Oft werde ein Licht beschrieben oder eine vertraute Wesenheit, die einem entgegenkommt.

Exotische Sterberituale im Spital

Auch auf exotische Wünsche nach dem Tod des Angehörigen gehe das Pflegeteam so gut wie möglich ein. «Wir hatten schon Waschungen, Leute, die nicht mehr angefasst werden durften, und Klageweiber», zählt Baumann auf. Solcherlei Rituale organisierten dann die Angehörigen bereits im Vorfeld; die Spitalmitarbeiter helfen, so gut sie können.

Bisweilen werde Baumann auch zur christlichen Beichte oder zur Krankensalbung gebeten. «Ich habe auch schon erlebt, dass der Patient zwei Tage kein Wort gesprochen hat und mit den Angehörigen und mir plötzlich ins Vaterunser einstimmte.» Besonders eindrücklich ist es für Baumann, wenn Menschen mit offenen Händen sterben können: «Mit geballten Fäusten kommen wir auf die Welt, um für das Leben gewappnet zu sein; wer in Frieden und Gewissheit geht, tut das locker und unverkrampft.»

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