Graue Panther
Wo den alten Menschen der Schuh drückt

25 Jahre Graue Panther: Angeline Fankhauser (75), die Co-Präsidentin der Grauen Panther Nordwestschweiz, kämpft leidenschaftlich für bessere Bedingungen von alten Menschen im Alltag

Birgit Günter
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Angeline Fankhauser. bz-archiv

Angeline Fankhauser. bz-archiv

Wie geht es den heutigen Seniorinnen und Senioren?

Angeline Fankhauser: Einem Teil geht es ganz gut. Das sind jene, die gesund sind, eine gute Rente und eine passende Wohnsituation haben. Dann gibt’s viele, denen geht es nicht so gut – sie leiden oft darunter, dass ihre alten Häuser und Wohnungen abgerissen wurden sie und jetzt nichts mehr Bezahlbares finden. Ebenfalls mittelmässig geht es jenen, die gesundheitlich angeschlagen sind oder einen solchen Partner haben.

Den Rentnern geht es heute so gut wie noch nie, heisst es immer.

Das stimmt so, pauschal gesagt. Aber einem Individuum kann es trotzdem schlecht gehen.

Welche Sorgen plagen die alten Menschen denn konkret?

Ihre Hauptsorge ist, ihre Autonomie zu verlieren. Sie haben Angst, dass über sie bestimmt wird. Und dann kommt natürlich wie erwähnt die Sorge um bezahlbaren Wohnraum. Das ist wirklich ein grosses Problem.

Das Thema Wohnen stand schon bei der Gründung der Grauen Panther vor 25 Jahren im Zentrum. Die Grauen Panther kämpften für Alterswohnformen. Heute gibt es davon doch schon einige.

Stimmt, da wird enorm viel gemacht. Das Problem sind jedoch die Mieten. Man reisst die günstigen Wohnungen ab und baut alters- und rollstuhlgerechte Super-Residenzen hin. Diese können sich viele Senioren schlicht nicht leisten.

In welchen Bereichen brennt es sonst noch?

Im Kanton Baselland sind es ganz klar die Pflegeheimkosten. Hier ist noch fast alles unklar. Zweitens hätten wir gern eine unabhängige Beschwerdestelle für alte Menschen. Das finden zwar alle eine gute Idee, aber das Projekt kommt trotzdem nicht vom Fleck. Und drittens fehlen uns Räumlichkeiten, in denen wir uns treffen könnten, ohne dass wir den Raum lang im Voraus reservieren müssten. Wir Grauen Panther hätten soooo gern endlich eine Heimat. Das wäre mein grosser Traum.

Welche Branchen gelten als altersunfreundlich? Wo müssen die Grauen Panther weiter Zähne zeigen?

Im öffentlichen Verkehr beispielsweise haben wir viel gekämpft, aber auch viel erreicht. Die Niederflur-Trams etwa sind eine gute Sache; doch Busfahrten sind teilweise immer noch abenteuerlich, vor allem mit einem Rollator. Auch Lichtsignal-Anlagen sind manchmal viel zu kurz eingestellt. Ebenfalls ein Umdenken nötig wäre in den grossen Läden: Hier braucht es mehr Sitzmöglichkeiten. Und im Baselbiet fehlt eine integrierte Versorgung; eine Stelle, die alle Hilfen im Alter koordiniert. In Basel ist es etwas besser.

Ein Aufreger-Thema, von dem man immer wieder hört, ist die Gewalt an Senioren.

Gewalt ist ein grosses Wort; es sind eher Misshandlungen. Vor allem die Schikaniererei im Alltag ist schlimm und verbreitet. Diese sieht man aber nicht, weil sie macht keine blauen Flecken. Allgemein kommen solche Misshandlungen eher im privaten Kreis vor als in einem Heim. Falls im Heim was passiert, kann man reklamieren; im Privaten ist das schwieriger. Genau für solche Fälle hätten wir so gern eine Beschwerdestelle.

Welche Noten geben Sie der Region Basel für ihren Einsatz für die Senioren?

Es ist zwar enorm viel guter Willen vorhanden, aber es fehlt an Konkretem. Ein Beispiel: Wollen die Grauen Panther für einen Anlass einen bezahlbaren, gut gelegenen Raum mieten, telefonieren wir uns die Finger wund. Darum: Note knapp genügend. Die Haltung uns gegenüber ist auch nicht immer so toll. Es ist mühsam, wenn man ständig an den Kopf geworfen bekommt, dass man so viel kostet und im Tram den Weg versperrt und so weiter.

«Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein», heisst es. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein. Keiner von uns Grauen Panthern hat Mühe damit, alt zu sein. Im Gegenteil: wir geniessen es. Zwischen 60 und 65 erlebt man vielleicht einen Schock, dass man jetzt zu den Alten gehört. Hat man den überstanden, ist es eine Befreiung.

Was ist denn im Alter besser als in der Jugend?

Man muss nichts mehr müssen. Das Alter schafft einem viel Freiheit. Es kann mich zum Beispiel niemand mehr entlassen, ich muss nicht um meinen Job fürchten – und ich habe plötzlich Zeit.

Sind ältere Menschen zufriedenere Menschen?

Nicht unbedingt. Ich befürchte, dass viele leider nicht realisieren, wie gut es ihnen geht. Doch man darf auch nicht pauschalisieren und von «den» Alten reden. Das Spektrum ist da sehr gross. Es gibt Senioren, die laufen einen Marathon, während andere Mühe haben, die paar Meter bis zur Tramstation zu gehen.

Wie definieren Sie eigentlich «alt»?

Für mich war es der Zeitpunkt, als ich die AHV bekam. Da wusste ich: Ab jetzt muss ich nicht mehr arbeiten; eine neue Lebensphase beginnt. Ein anderes Merkmal des Alters sind die schwindenden Kräfte. Und man ist sich stärker bewusst, dass die Zukunft begrenzt ist.

Apropos Zukunft: Wo stehen die Grauen Panther in weiteren 25 Jahren?

Sie werden sich weiterhin einmischen in die Gestaltung des Lebens; dafür, dass ihr Umfeld altersgerecht gestaltet wird. Die Würde des Menschen steht bei uns im Zentrum – unabhängig vom Alter.

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