Wohnen und Arbeiten
250 Millionen Franken, um Rohner vergessen zu machen: Hiag stampft neuen Prattler Ortsteil aus dem Boden

Im Norden entlang der Gleise Gewerbe als Lärmschutz, im Süden Wohnen und Spielen im Grünen: Die Pläne der Hiag Immobilien AG für das alte Areal der Rohner Chem nahe des Bahnhofs sind ambitioniert. Die Altlasten im Boden beschäftigen aber weiter.

Michael Nittnaus
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Noch sind nicht alle Gebäude auf dem Areal nahe des Prattler Bahnhofs abgerissen. Für Wohnen und Arbeiten ist es perfekt gelegen.

Noch sind nicht alle Gebäude auf dem Areal nahe des Prattler Bahnhofs abgerissen. Für Wohnen und Arbeiten ist es perfekt gelegen.

Bild: Juri Junkov

Für viele Prattlerinnen und Prattler dürfte gerade ein Traum wahr werden. Und für Gemeinderat Philipp Schoch gilt das sogar wörtlich: «Ich träumte schon vor 20 Jahren davon, dass man auf dem Areal der Rohner Chemiefabrik wohnen kann.» Der ehemalige Landratspräsident und Grünen-Politiker zeigte sich dementsprechend euphorisch, als die Hiag AG am Donnerstag ihre Pläne für die Transformation des 30'000 Quadratmeter grossen Gebiets in direkter Nähe zum Bahnhof vorstellte.

Aus dem chemisch belasteten Areal der Mitte 2019 Konkurs gegangenen Rohner AG will die Basler Immobiliengesellschaft in den kommenden Jahren ein modernes Wohn- und Arbeitsgebiet für 1000 Einwohner und rund 500 Arbeitsplätze machen. Hiag-CEO Marco Feusi weiss, dass dies nicht einfach wird:

«Das Areal hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich und wegen der Altlasten im Boden und des Störfallrisikos leider ein schlechtes Image. Doch wir wollen jetzt ein neues Kapitel aufschlagen. Der Name Rohner-Areal ist passé.»

Einen einprägsameren Namen als «Hiag-Areal Pratteln» sucht Feusi zwar noch, doch sonst ist die Vision schon erstaunlich konkret.

So könnte dereinst der Aussenraum gestaltet werden.

So könnte dereinst der Aussenraum gestaltet werden.

Visualisierung: zvg Hiag

Park, Spiel- und Sportplatz, Kultur: Das Areal öffnet sich

Hiag führte einen zweistufigen Studienwettbewerb durch, an dem sich acht Architekturbüros beteiligten. Sieger wurden die Basler Büros «Buchner Bründler Architekten» und «Berchtold.Lenzin Landschaftsarchitekten». Ihnen schwebt ein Areal mit Gebäuden verschiedenster Grösse vor, die unterschiedlichste Nutzungsformen erlauben.

Im Norden an der Güterstrasse entlang der Gleise soll ein Riegel Gewerbebauten den Verkehrslärm vom Rest fernhalten. Zur Baslerstrasse und der Hexmatte im Süden hin soll das Areal dagegen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein grosser Park, Spiel- und Sportplätze, Cafés und Platz für Kulturangebote sind vorgesehen, alles bestens erschlossen mit Tram und Bahn. Die 400 Wohnungen sollen klassische Mieter anziehen, aber auch Stockwerkeigentum sowie studentisches oder Alterswohnen ermöglichen. Beim Gewerbe denkt Feusi an Dienstleister etwa aus dem Bildungsbereich oder stilles Gewerbe. Eines ist für ihn klar: «Schwerindustrie wollen wir hier keine mehr.»

Im Norden an den Gleisen sollen Gewerbebauten den Lärm abschirmen. Gegen Süden soll sich das Areal dagegen stark öffnen.

Im Norden an den Gleisen sollen Gewerbebauten den Lärm abschirmen. Gegen Süden soll sich das Areal dagegen stark öffnen.

Plan: zvg Hiag

Projekt wird frühestens 2026 Wirklichkeit

250 Millionen Franken Investitionsvolumen sieht Hiag für den Bau vor. Dabei legt der Arealentwickler Wert auf nachhaltige Baumaterialien wie Holz. Auch erneuerbare Energien will man fördern. Das ist auch ganz im Sinne der Gemeinde Pratteln und des Kantons Baselland. Beide waren in die Planungen involviert und Teil der Jury des Studienwettbewerbs.

«Prattelns Zentrum ist als Industriegebiet bekannt, doch das wird sich in Zukunft massiv verändern»,

hielt Schoch an der Video-Konferenz fest und verwies auf die zahlreichen weiteren Grossprojekte rund um den Bahnhof. Und Kantonsplaner Thomas Waltert sprach gar von einer «Jahrhundertchance» für die Stadtentwicklung.

Der Weg bis zum neuen Ortsteil ist aber noch weit. Erst seit vergangenem November gilt das Areal als chemiefrei (siehe Kasten unten). Bis im September soll der Rückbau abgeschlossen sein. Feusi betont: «Was wir heute vorgestellt haben, ist noch kein fertiges Bauprojekt.» Es wird nun bis Ende Jahr als Richtprojekt konkretisiert, das die Basis für einen Quartierplan bildet, der vom Prattler Einwohnerrat bewilligt werden muss. «Vor 2024/25 werden wir nicht bauen können, und auch das nur in Etappen», so Feusi. Läuft alles glatt, ist Schochs Traum frühestens 2026 Wirklichkeit.

Die Hiag AG fasst alle Informationen zum Siegerprojekt in einem Video zusammen und zeigt auch, wie es auf dem alten Rohner-Areal heute aussieht.

Video: zvg Hiag

Mehrere Tonnen Lösungsmittel belasten Grundwasser

«Chemiefrei» sind mittlerweile die Gebäude auf dem Rohner-Areal. Altlasten im Boden gibt es weiter. Bei der Sanierung hat das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) den Lead. Auf Anfrage hält Baudirektionssprecherin Andrea Bürki fest: «Bei einem bekannten Belastungsherd auf dem Betriebsareal befinden sich noch zwei bis vier Tonnen chlorierte Lösungsmittel im Untergrund und belasten das Grundwasser.» Betreffend weiteren Belastungen sei das Gesamtareal nicht abschliessend untersucht. Doch: «Auf einem der ältesten Industrieareale des Kantons müssen wir mit weiteren Belastungen rechnen.»

Seit dem Konkurs der Rohner AG seien die altlastenrechtlichen Massnahmen ausgesetzt worden, um die Abbrucharbeiten nicht zu behindern. Das AUE überwache aber das Grundwasser. Das im Frühjahr 2019 begonnene Abpumpen wegen des Lecks einer Rohner-Leitung konnte Ende 2020 eingestellt werden. Ab April 2021 wird der Kanton die Arealsanierung mit der Hiag planen, welche sie dann umsetzen und vorfinanzieren muss, so Bürki. Und: «Das Areal wird 2024 aus altlastenrechtlicher Sicht nur dann ‹baureif› sein, wenn die Sanierungsmassnahmen verzögerungsfrei durchgeführt werden können.» Der Fahrplan der Hiag sei «sehr sportlich».