Wohnpolitik
200 Wohnungen im Herzen Kleinbasels gehen in Staatsbesitz über

Der Kanton Basel-Stadt kauft das 23'000 Quadratmeter grosse Geviert zwischen Claragraben und Hammerstrasse und entzieht es damit der Spekulation. Der Deal ist einzigartig in der jüngeren Geschichte des Kantons.

Hans-Martin Jermann
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Blick vom Claraturm auf das Geviert mit dem markanten rostroten Wohnhochhaus, das der Kanton eben erworben hat.

Blick vom Claraturm auf das Geviert mit dem markanten rostroten Wohnhochhaus, das der Kanton eben erworben hat.

Roland Schmid
(22. März 2021)

Im Herzen Kleinbasels betätigt sich der Kanton Basel-Stadt als grosser Bodenkäufer: Er erwirbt im Geviert zwischen Claragraben, Sperrstrasse, Hammerstrasse und Klingentalstrasse von der Immobilienfirma Vischer und Co. ein rund 23'000 Quadratmeter grosses Areal. Von den fünf grossen Wohnhäusern übernimmt er drei mit total 200 Wohnungen aus den Baujahren 1973, 1982 und 2005 in die eigene Bewirtschaftung.

Bei den beiden restlichen Liegenschaften kauft der Kanton «nur» den Boden. Auf dem Areal befindet sich auch eine Kindertagesstätte und ein öffentliches Parkhaus. Der Kaufpreis wird nicht bekanntgegeben. Kenner vermuten, dass der Kanton einen tiefen dreistelligen Millionenbetrag hingeblättert hat.

Regierungsrätin Soland: «Es wird keine grösseren Veränderungen geben»

Von einer «einzigartigen Chance» spricht Finanzdirektorin Tanja Soland (SP). Es sei das erste Mal in der jüngeren Geschichte des Kantons, dass dieser ein grosses Areal mit Wohnliegenschaften im Bestand kauft und weiterführt. Und das erst noch mitten in der Stadt. In der Vergangenheit trat der Kanton vor allem bei Umnutzungen von Arealen auf. Der Kauf sei auch Folge und Ausdruck der jüngsten wohnpolitischen Entscheide, betont Soland. Dazu zählen das Volks-Ja zur Boden-Initiative, die Ausverkauf des staatlichen Bodens verhindern soll, sowie das Ja zur Initiative «Recht auf Wohnen» und die folgenden Regeln zum Schutz von bezahlbaren Wohnungen.

Die Mieterinnen und Mieter können nach dem Verkauf in ihren Wohnungen bleiben: «In absehbarer Zeit wird es auf dem Areal keine grösseren Veränderungen geben», verspricht Soland. «Wir haben keine spezifischen Pläne.» Der Charakter des Areals soll erhalten bleiben, ebenso die grosszügige Grünanlage, heisst es. Die rund 200 Wohnungen, die der Kanton erworben hat, sind im Segment zwischen günstig und mittelständisch angesiedelt.

Portfolio des Kantons auf einen Schlag um 10 Prozent höher

SP-Grossrat Ivo Balmer spricht von einem «Meilenstein» in der kantonalen Wohnpolitik.

«Das Areal wäre prädestiniert gewesen für renditeorientierte Investoren. Die Gefahr steigender Mieten und von Verdrängung war gross.»

Der Deal zwischen Vischer und dem Kanton gewährleiste, dass das grosse Areal an zentraler Lage in guten Händen bleibe. Im Immobilienportfolio des Finanzvermögens, mit dem der Kanton kaufmännisch arbeiten kann, befinden sich derzeit rund 2000 Wohnungen. Der Kauf des Clara-Areals sei für den Kanton demnach auch quantitativ bedeutend, fügt Balmer an.

Beat Leuthardt, Co-Geschäftsleiter des Basler Mieterinnen- und Mieterverbands, ist nicht ganz so euphorisch:

«Wir sind natürlich erfreut darüber, dass mit dem Kauf Boden mitten in der Stadt langfristig der Spekulation entzogen wird.»

Immobilien Basel-Stadt habe nun den Auftrag, die Wohnungen zwar in Schuss zu halten, aber in derselben Kategorie zu belassen. Eine «Aufwertung» dürfe es nicht geben, betont Leuthardt. Dies zu sagen sei nötig, denn es bestehe eine gewisse Befürchtung, dass sich Immobilien Basel-Stadt noch nicht mit dem neuen Geist des Wohnschutzes, der durch die Stadt weht, arrangiert habe.

Privater Eigentümer diente dem Kanton das Areal an

Auch auf Seite der Hauseigentümer begrüsst man den Deal: «Dass der Kanton ein so grosses Areal kauft, ist keine schlechte Idee, vor allem, wenn die Verkäuferschaft eine entsprechende Absicht äussert», sagt Andreas Zappalà, Geschäftsführer des Basler Hauseigentümerverbands. Zappalà befürchtet allerdings, dass sich die Mietzinse in den drei Liegenschaften, die vom Kanton selber bewirtschaftet werden, künftig stark von jenen in den Gebäuden im Baurecht unterscheiden werden.

Verkäuferin ist die private Immobiliengesellschaft Vischer und Co. von Anthony Vischer. Das Geviert war über 150 Jahre im Eigentum der Familie und lange Standort einer grossen Seidenbandweberei. Nach dem Niedergang der Industrie wurde das Areal sukzessive mit Wohngebäuden bebaut. Die Familie Vischer sei erfreut, dass das Areal in Basler Händen verbleibe, heisst es in der Mitteilung des Kantons. Dem Vernehmen nach wurde dem Kanton das Areal angeboten, er musste sich also nicht im Rahmen eines Wettbewerbs gegen private Mitbieter durchsetzen.

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