Strafprozess
Wollte er sich umbringen oder nur Brötchen backen?

Vor drei Jahren explodierte in der Prattler Längi ein Haus. Im Verdacht hat die Staatsanwaltschaft einen Österreicher Bewohner, der sich mit dem Gas aus seinem Herd selber umbringen wollte. Heute beginnt der Strafprozess gegen ihn.

Michel Ecklin
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Die Explosion in der Längi in Pratteln am 14. April 2012 blies ein halbes Wohnhaus weg und hinterliess 3,4 Millionen Franken Schaden.

Die Explosion in der Längi in Pratteln am 14. April 2012 blies ein halbes Wohnhaus weg und hinterliess 3,4 Millionen Franken Schaden.

Kenneth Nars

Es war nicht ein technischer Defekt, der am Nachmittag des 14. April 2012 an der Augsterheglistrasse im Prattler Längiquartier zu einer Explosion führte. Vielmehr versuchte ein damals 52–jähriger Bewohner, sich mit Gas umzubringen. Davon geht die Staatsanwaltschaft aus, die den Mann wegen Verursachung einer Explosion und mehrfacher, teilweise schwere Körperverletzung anklagt.

Die Explosion sprenge mehrere Stockwerke weg. Acht Menschen wurden verletzt, einer davon schwer. Mehrere Hausbewohner lagen stundenlang unter Trümmern. Elf Familien mussten umplatziert werden. Heute beginnt am Strafgericht in Muttenz der Prozess gegen den lebensmüden Mann, einen Österreicher.

Anklage spricht von Gasexplosion

Dass es sich um eine Gasexplosion handelte, erklärten die Behörden noch am Unglücktag. Danach gab es eine Zeit lang gewisse Zweifel, ob nicht doch eine andere Ursache in Frage käme. Doch jetzt ist in der Anklageschrift wieder nur von einer Gasexplosion die Rede. Allerdings konnte auch über drei Jahre nach dem Unglück die Staatsanwaltschaft nicht mit Sicherheit erklären, was in den Stunden vor der Explosion passierte. Sicher ist für sie nur, dass der Mann die Explosion verursacht hat.

Gemäss einer Variante in der Anklageschrift soll der Mann beschlossen haben, sich umzubringen – allerdings schon am 13. April, also einen Tag vor dem Unglück. Er liess, so mutmasst die Staatsanwaltschaft, einen halben Tag lang das Gas seines Herdes laufen, setzte sich danach in die Küche und wartete auf den Tod. Stattdessen musste er sich übergeben und überdachte seine Selbstmordabsichten am Morgen des 14. April. Unklar ist, ob und wie stark er lüftete.

Mann wusste als Koch Bescheid

Am Nachmittag desselben Tages wollte er sich wieder umbringen und zündete in dieser Absicht das Gas an, das sich immer noch in der Küche befand. Das führte zur verhängnisvollen Explosion. «[Er] gefährdete damit wissentlich und willentlich das Leben, die Gesundheit und das Eigentum anderer Personen», schreibt die Staatsanwältin Fabienne Rehmann.

Diese hält aber auch eine andere Version nicht für ausgeschlossen. Demnach hätte der Mann schon am 13. April beabsichtigt, sich mit einer Explosion umzubringen, versuchte es aber vorerst mit Vergasen. Denkbar ist für die Staatsanwaltschaft aber auch, dass der Mann am 14. April wieder leben wollte. In diesem Fall habe er die Explosion «in pflichtwidriger Unvorsichtigkeit» herbeigeführt. Denn er habe in der immer noch mit Gas gefüllten Küche Brötchen backen und den Gasofen anzünden wollen. obwohl er gewusst habe, dass er nicht genügend oder gar nicht gelüftet habe. Als Koch habe er über die Gefährlichkeit des in der Küchenuft noch vorhandenen Gas Bescheid wissen müssen. Er habe nicht alles Zumutbare unternommen, um eine Explosion zu vermeiden. Die Anklageschrift beschreibt dieses Vorgehen als «grobfahrlässig».

Bis zu einem Jahr Gefängnisstrafe

Steht der Mann tatsächlich als Verursacher der Explosion fest, wird das Strafgericht beurteilen müssen, ob er fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat. War Ersteres der Fall, droht im eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Handelte er vorsätzlich, muss er mindestens für ein Jahr ins Gefängnis. Gegen ihn geklagt haben insgesamt 49 Parteien. Der Sachschaden beträgt 3,4 Millionen Franken.

Gemäss Anklage hatte der Mann kurz vor der Explosion seinen Job verloren, und er litt unter Geldsorgen. Glaubt man Medienberichten über ihn, hatte ihn kurz vor der Tat seine Frau verlassen, und er hatte ein Alkoholproblem. Zudem soll er auch schon Nachbarn gedroht haben, sich und andere in die Luft zu sprengen. Die Staatsanwaltschaft stellte nach der Explosion fest, dass sein Herd und die Gasleitungen technisch in Ordnung waren, beides wurde 2010 letztmals geprüft.

Der Prozess ist auf drei Tage angelegt. Das Urteil dürften die Richter im Verlauf des Monats Mai bekannt geben.