Liestal
Wuchtiges Ja zum neuen Bahnhof

Kein einziger Einwohnerrat stimmte gegen das Jahrhundertgeschäft – jetzt ist das Stimmvolk am Zug

Andreas Hirsbrunner
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Rücktritt aus dem Liestaler Einwohnerrat nach 20 Jahren und immer noch jung: Pascal Porchet (rechts) wird nach seiner letzten Sitzung von Parteikollegen gebührend verabschiedet.

Rücktritt aus dem Liestaler Einwohnerrat nach 20 Jahren und immer noch jung: Pascal Porchet (rechts) wird nach seiner letzten Sitzung von Parteikollegen gebührend verabschiedet.

Kenneth Nars

Der Einfluss der «Gruppe für ein starkes Liestal» auf das Liestaler Ortsparlament ist schwach. Denn obwohl die Opponenten gegen den Quartierplan Bahnhofcorso nichts unversucht liessen und gestern vor der entscheidenden zweiten Lesung noch Flugblätter verteilten, hätte das Resultat kaum deutlicher ausfallen können: 35 der anwesenden 37 Einwohnerräte stimmten in der Schlussabstimmung für den neuen Bahnhof samt SBB-Hochhaus, zwei enthielten sich.

Gar einstimmig wurden zuvor alle drei Zusatzanträge der Bau- und Planungskommission angenommen (Architekturwettbewerb fürs Hochhaus, zusätzliche Parkplätze auf dem Güterareal und höherer Energiestandard für die Bahnhofbauten).

Völlig unüblich für eine zweite Lesung äusserten sich vorgängig nochmals alle Fraktionen sowie der Stadtrat ausgiebig zum Geschäft. Und da zeigte sich, dass die verbalen Attacken der Gegner von letzter Woche (bz vom 14. Juni) gegen den Rat und die SBB nicht spurlos vorbeigegangen sind. Vor allem Stadtrat Franz Kaufmann (SP) legte sich ins Zeug.

Er sei nach wie vor überzeugt, dass das vorliegende Resultat vertretbar sei und Liestal weiterbringe. Nicht vertretbar sei dagegen, einen Ort an bester Lage wie den Liestaler Bahnhof weitgehend mit Parkplätzen zu nutzen. Die SBB, so Kaufmann weiter, seien ein professioneller, fairer Investor und ein Partner auf Augenhöhe. Jetzt den Fokus nur auf das Hochhaus zu richten, werde dem mit den SBB ausgehandelten Quartierplan nicht gerecht.

Stefan Fraefel ist neuer Ratspräsident Mit 33 von 36 Stimmen wählte der Einwohnerrat den CVP-Politiker Stefan Fraefel (35) zum neuen Präsidenten. Das ist ein sehr gutes Resultat für einen, der öfter als Querdenker auffällt. Fraefel sitzt seit vier Jahren im Einwohnerrat und ist durch und durch Liestaler: hier geboren, aufgewachsen und Bürger. Beruflich arbeitet Fraefel seit fünf Jahren als Staatsanwalt beim Kanton. Zudem ist er seit längerem Mitglied der Synode der römisch-katholischen Kirche Baselland.

Stefan Fraefel ist neuer Ratspräsident Mit 33 von 36 Stimmen wählte der Einwohnerrat den CVP-Politiker Stefan Fraefel (35) zum neuen Präsidenten. Das ist ein sehr gutes Resultat für einen, der öfter als Querdenker auffällt. Fraefel sitzt seit vier Jahren im Einwohnerrat und ist durch und durch Liestaler: hier geboren, aufgewachsen und Bürger. Beruflich arbeitet Fraefel seit fünf Jahren als Staatsanwalt beim Kanton. Zudem ist er seit längerem Mitglied der Synode der römisch-katholischen Kirche Baselland.

zvg

Nicht zu Schildbürgern werden

Zum Schutzaspekt meinte Kaufmann: «In der Altstadt besteht eine enorme Einschränkung bei der Bautätigkeit. Das ist richtig, denn wir wollen das Stedtli erhalten. Jetzt aber den Schutzgedanken auf den Bahnhof auszudehnen, ist eine Verhinderung unserer Entwicklung.» Er sei ein «Oberliestaler», aber es könne doch nicht sein, dass das Denken bei der Kirchturmspitze und beim Chienbäse aufhöre.

Und Kaufmann warnte: «Der Kanton zieht uns Schulen ab. Wir wären Schildbürger, wenn wir uns mit einem Nein zum Bahnhof auch noch selber ins Knie schiessen würden.» Die Fraktionssprecher stimmten mit Nuancen mit ein. So hob Hanspeter Zumsteg (Grüne) den Liestaler Bahnhof als besten Ort im Oberbaselbiet für eine verdichtete Nutzung hervor.

Markus Rudin (SVP) betonte, dass der Bahnhof nicht zu der von den Gegnern behaupteten Konkurrenz zum Stedtli werde. Die Konkurrenz seien vielmehr die Einkaufszentren um Liestal herum. Patrick Mägli (SP) konnte nicht verstehen, dass jetzt, da endlich ein Bundesbetrieb in Liestal investieren wolle, gegen die SBB geschossen werde.

Rolf Gutzwiller (Mitte-Fraktion) verwies auf die Psychologie und dass das Verhältnis zu den SBB eine Rolle spiele, wo in Zukunft welche Züge halten würden.

Liestal auf dem Radar der Anleger

Pascal Porchet (FDP) schliesslich meinte: «Liestal ist zum Hotspot des Kantons geworden, ist auf dem Radar der institutionellen Anleger und steigt auch auf dem öV-Radar der SBB auf. Wollen wir mit einem Nein alle Chancen vergeben?» Der Rat wollte nicht und hofft, dass es ihm das Liestaler Stimmvolk gleich tut.

Denn er folgte ebenfalls ohne Gegenstimme dem Antrag Porchets, den «Bahnhofcorso»-Beschluss dem Behördenreferendum und somit einer Urnenabstimmung zu unterstellen. Die Fraktionen überliessen es Porchet als letzte Ehrerbietung, diesen Antrag zu stellen. Der 53-Jährige tritt als amtsältestes und den Rat prägendes Mitglied nach 20 Jahren Ende Juni zurück. Ihm gleich tut es alt Ratspräsident Hanspeter Stoll (SP).

Zum neuen Präsidenten wählte der Rat Stefan Fraefel (siehe Kasten links oben), zum Vizepräsidenten Peter Küng (SP).

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