Subventionen
«Zückerchen für die Hangbewohner»: Pratteln zahlt privilegierten Quartieren das Ruftaxi

Vom neuen subventionierten Ruftaxi profitieren ausschliesslich einige wenige Quartiere mit Einfamilienhäusern.

Michel Ecklin
Merken
Drucken
Teilen
Die Wohngebiete am Südrand von Pratteln sind derzeit gar nicht mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen.

Die Wohngebiete am Südrand von Pratteln sind derzeit gar nicht mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen.

Michel Ecklin

Aus Expertensicht war der Fall klar: Die Hanglagen in Pratteln sind gut genug an den öffentlichen Verkehr angeschlossen. Die dortige Bevölkerungsdichte und die Entfernung zu den Bushaltestellen rechtfertigen kein zusätzliches Angebot. Das zeigte vor einigen Jahren eine vom Gemeinderat in Auftrag gegebene Verkehrsstudie. Denn dafür gibt es definierte Normen. Deshalb war der Gemeinderat gegen ein Ruftaxi in den Hanglagen, als vor anderthalb Jahren eine Petition des ehemaligen SVP-Landrats Walter Biegger ein solches forderte. Dieser hatte die vielen alten Bewohner am Hang im Sinn.

Im Frühling fand er dabei bei einer Mehrheit des Einwohnerrats Anklang. Insbesondere die SVP, sonst nicht gerade öV-affin, setzte sich für ein Ruftaxi ein. Und Biegger machte mit Leserbriefen und einem Flyer weiter Druck. Er drohte sogar, die einzelnen Kritiker eines Ruftaxis an den Pranger zu stellen, damit sie nicht mehr gewählt werden.

So musste der Gemeinderat doch noch eine Lösung ausarbeiten, wie man den Hang mit öffentlichem Verkehr bedienen kann. Dabei vollzog er einen Gesinnungswandel. «Für die Bevölkerung an der Hanglage ist der Zugang zum öffentlichen Verkehr eher umständlich», schreibt er in der Vorlage, die er am Montag dem Einwohnerrat präsentierte. «Ein Ruftaxibetrieb ist ein dienliches Angebot für das Mobilitätsbedürfnis.»

Genehmigt trotz heikler finanzieller Lage

Die Lösung sieht jetzt so aus: Die Hangbewohner erhalten Bons im Wert von fünf Franken, und zwar in uneingeschränkter Anzahl. Einlösen können sie diese bei einem von der Gemeinde konzessionierten Taxiunternehmen. Damit, so die Idee dahinter, soll ungefähr ein Drittel der Kosten einer Fahrt bis zur nächsten Haltestelle des Ortsbusses gedeckt sein. Diese betragen nämlich im Durchschnitt 15 Franken. Rund zehn Franken muss der Hangbewohner jeweils selber übernehmen.

Mit demselben Taxi darf er dann weiterfahren als bis zur nächsten Haltestelle, muss dafür aber den gewöhnlichen Taxipreis bezahlen. Entscheidend für die Subvention der Fahrt durch die Gemeinde ist, dass Anfang oder Ziel der Fahrt der Wohnort des Bon-Besitzers sein muss.

Die Gutscheine sind ausdrücklich nur für die Bewohner in den Gebieten Erlimatt, Chäppeli, Chäferberg, Essig, Im Tal und Hagenbächli reserviert. Weitergegeben werden dürfen sie nicht, auch nicht an Besucher. Das werden die Taxifahrer kontrollieren müssen, stellte der Gemeinderat klar. Und gültig sind die Bons nur zu den Betriebszeiten des Ortsbusses – schliesslich sollten die Hangbewohner nicht bevorzugt werden.

Eine Mehrheit von 17 Einwohnerräten konnte sich damit einverstanden erklären, für die zwei Jahre Testphase 36'000 Franken zu genehmigen. 14 waren dagegen, zwei enthielten sich. Klar dagegen war nur die FDP, angesichts der unerwartet schlechten Finanzlage Prattelns. Jens Dürrenberger (GLP) befürchtete ein «Bürokratiemonster».

SVP will «ein Zückerchen für die Hangbewohner»

Zweifel hatten die Unabhängigen/Grünen. «Ein Ruftaxi ist nicht zwingend», sagte Benedikt Schmidt. «Es ist aber sicher gut, wenn man es hat.» Die SP war für die Fünfliber-Lösung, forderte aber übertragbare Bons.

Und Biegger und seine Mitkämpfer konnten weiterhin auf die SVP setzen. So meinte Einwohnerrat Josef Bachmann: «Den Leuten am Hang ein Zückerchen zu geben, ist immer noch billiger, als sie im Altersheim zu unterhalten.»