Arztpraxen
Zulassungsstopp aufgehoben: Spezialisten können nun frei praktizieren

Seit Januar ist der Zulassungsstopp aufgehoben. Auch für Hausärzte gilt diese Neuerung. Es sind bereits 20 Gesuche von Spezialisten eingegangen. Ausserdem sagen Experten, dass nun der Streit um die Praxen entbrennen werde.

Sebastian Moos und Leif Simonsen
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Ein Arzt nimmt einem Patienten Blut ab (Symbolbild)

Ein Arzt nimmt einem Patienten Blut ab (Symbolbild)

Keystone

Um die Kosten im Gesundheitswesen zu stabilisieren, verordnete der Bundesrat seit Juli 2002 einen Zulassungsstopp für Ärzte in freier Praxis. Das Parlament bestätigte diese Verordnung zweimal. Seit dem Sommer 2010 galt sie in gelockerter Form hauptsächlich noch für Spezialisten; Hausärzte waren ausgenommen. Seit Beginn des neuen Jahres ist dieser Zulassungsstopp auf unbestimmte Zeit ausgelaufen, eine Verlängerung ist nicht in Sicht.

Streit um Praxen

Experten wie der Baselbieter Kantonsarzt Dominik Schorr sind überzeugt, dass das vorläufige Ende des Zulassungsstopps Änderungen nach sich ziehen wird: «Bisher stritt man sich um die Praxen, jetzt streitet man sich um die Patienten.» Laut Schorr liegen derzeit rund 20 Gesuche von Spezialisten für eine Praxiseröffnung in Baselland vor. Darunter sind zahlreiche Augenärzte sowie Rheumatologen, Neurologen und Dermatologen. «Zudem», so Schorr weiter, «wollen viele, die sich bisher eine Praxis-bewilligung teilten, in Zukunft ihr Pensum aufstocken.»

Auch Anne Tschudin, Mediensprecherin des Versicherers Sympany, rechnet vor allem bei Spezialisten vermehrt mit Gesuchen. Für diese seien besonders ein städtisches Umfeld und die Grenznähe entscheidend. Schorr bestätigt dies: «Gerade heute habe ich drei Gesuche aus Deutschland erhalten.» Gemäss Tschudin sind ländliche Gebiete weniger attraktiv. «Es wird hier wohl immer weniger Hausärzte geben.» Schorr widerspricht in diesem Punkt: «Seit der Aufhebung des Zulassungsstopps für Hausärzte herrschen für Randregionen fast schon paradiesische Zustände.»

Unterschiedliche Ansichten

Fritz Schwab, Geschäftsführer der Ärztegesellschaft Baselland, sieht das Ende des Zulassungsstopps gelassen. «Wir gehen davon aus, dass sich keine dramatischen Veränderungen ergeben werden; auch Spezialisten-Praxen werden nur eröffnet, wenn eine Bedarfssituation besteht.» Die Grenznähe sieht er als untergeordneten Faktor. «Ein deutscher Arzt nimmt auch noch 20 Kilometer mehr in Kauf», meint er dazu.

Um dem drohenden Hausarztmangel in Baselland entgegenzutreten, braucht es gemäss Schwab politische Anstrengungen. Die beruflichen Rahmenbedingungen und Perspektiven müssten wieder verbessert werden. Ansonsten drohe Baselland eine unangenehme Zukunft: «In ungefähr zehn Jahren wäre rund die Hälfte der Hausärzte im Pensionsalter.»

Zunahme der Gesuche

Gemäss Philipp Waibel, Bereichsleiter Gesundheitsdienste Basel-Stadt, wird es sicherlich eine Zunahme der Gesuche geben. «In welchem Masse ist noch schwer einschätzbar. Bei den Grundversorgern liegt der Stand heute bei einer Zunahme von sieben, bei den Spezialversogern bei acht Prozent.» Waibel weist aber auf das komplexe Gesundheitssystem hin und will vor längerfristigen Prognosen ein detailliertes Monitoring aufbauen.

So spielt es für die Statistik beispielsweise eine gewichtige Rolle, wie viele Stellenprozent eine Arztzulassung beträgt, und ob Ärzte mit EU-Pass bereits in der Schweiz wohnhaft sind. Barbara Züst, Co-Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, glaubt gerade in ländlichem Gebiet nicht an eine Entschärfung der Mangelsituation bei Hausärzten. Sie fordert spezifische Zulassungen. «Teils macht es Sinn, dass Spezialisten zuwandern, teils braucht es nur Hausärzte.»

Einig sind sich alle Experten darin, dass das Schweizer Gesundheitssystem vor grossen Herausforderungen steht.