Zwei Jahrzehnte gegen Gewalt

Christine von Salis arbeitete fast 20 Jahre bei der Baselbieter Interventionsstelle für häusliche Gewalt. Was sich seit 2002 verändert hat.

Kelly Spielmann
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Christine von Salis schliesst die Tür zu ihrem Büro im Liestaler Stedtli. An der Wand hängt ein Bild mit dem Aufdruck «Lieber gleich berechtigt als später», an der Schranktür ein Plakat: «Jede fünfte Frau erfährt in ihrem Leben Gewalt in einer Partnerschaft». Von Salis räumt hektisch einige Stapel Papier vom Tisch und lächelt entschuldigend. «Ich habe schon angefangen zu packen», sagt sie erklärend. Es sind ihre letzten Tage im zweiten Stock des Altstadtgebäudes in der Allee, am kommenden Donnerstag zieht sie aus: Nach fast 20 Jahren als Co-Leiterin der Interventionsstelle für häusliche Gewalt (IST) geht die Baslerin in Pension.

Angefangen, bei der Interventionsstelle zu arbeiten, hat von Salis im Januar 2002, als die Stelle noch nicht lange existierte. Erst 1998 wurde das Thema im Kanton überhaupt zum Traktandum, wie von Salis erzählt. «Eine Projektgruppe hatte den Auftrag, herauszufinden, ob es häusliche Gewalt im Kanton Baselland überhaupt gibt.» Sie schüttelt lachend den Kopf.

Erst zwei Jahre später, nachdem eine kantonale Arbeitsgruppe sich mit den Ergebnissen beschäftigt und Lösungen gesucht hatte, wurde die Stelle gegründet. Teil der IST war schon damals ein Lernprogramm gegen häusliche Gewalt für Männer – in 26 Wochen mit je zwei Stunden Kursprogramm sollen gewalttätige Männer in diesem lernen, Paarbeziehungen und ihr Familienleben ohne Gewalt zu meistern. Von Salis, die zuvor eine psychologische Ausbildung absolviert hatte, begann, als Kursleiterin zu arbeiten. Als neben ihrer Vorgängerin bei der IST eine zweite Leitungsstelle geschaffen wurde, bewarb sie sich auch um diese.

Hohe Dunkelziffer bei männlichen Opfern

Sie ist seither als Co-Leiterin der Interventionsstelle tätig und führt als Kursleiterin das Lernprogramm gegen häusliche Gewalt – zusammen mit einem Kollegen – noch heute durch. Die drei parallel laufenden Kurse bestehen aus je rund acht bis zwölf Männern. Nicht alle sind freiwillig dort: «Der grösste Teil wird im Rahmen eines Strafverfahrens von der Staatsanwaltschaft zugewiesen, oder via Ersatzmassnahme zur Untersuchungshaft», erklärt von Salis. Es gebe auch Männer, die selber etwas ändern wollen und freiwillig hochmotiviert zum Programm gingen. «Das sind aber oft die, die das Programm dann auch wieder abbrechen.»

Der Grossteil des Gesprächs mit von Salis handelt von gewalttätigen Männern, von weiblichen Opfern. Gibt es denn nicht auch den umgekehrten Fall? «Doch, natürlich», meint sie, «aber seltener.» Das Lernprogramm wurde vor zehn Jahren auch für Frauen eingeführt, musste zwei Jahre später aber wieder eingestellt werden, weil zu wenig Teilnehmerinnen zugewiesen wurden. Heute gibt es das Angebot im Eins-zu-Eins-Setting. Dass es weniger Fälle mit weiblichen Täterinnen gibt, habe zwei Gründe: Einerseits sei es tatsächlich so, dass Frauen im Streit seltener zur Gewalt greifen. «Frauen überlegen sich zweimal, ob sie zuschlagen wollen, oder ob sie am Schluss nicht doch den Kürzeren ziehen. Das Kräfteverhältnis zwischen Mann und Frau klafft nun mal auseinander.» Andererseits sei sie sicher, dass die Dunkelziffer bei männlichen Opfern hoch ist. Denn: «Männer werden oft belächelt, wenn sie häusliche Gewalt melden. Die Angst, ausgelacht zu werden, weil man von einer Frau geschlagen wird, ist eine zusätzliche, schambesetzte Hürde, die Frauen nicht haben.»

Hilfe holen war im Lockdown schwieriger

Hürden gibt es viele, egal ob für männliche oder weibliche Opfer. «Es gibt viele Gründe, weshalb ein Opfer häusliche Gewalt nicht meldet.» Liebe, Abhängigkeit, Angst, Scham, Hoffnung auf Änderung. Oftmals würden Frauen die Gewalt über sich ergehen lassen, aber aktiv werden, sobald die Kinder betroffen sind. Doch für Kinder sei Gewalt schlimm, ob sie selber davon betroffen sind oder nicht. «Wenn ein Kind sieht, dass seine Mutter geschlagen wird oder hört, wie sich die Eltern anbrüllen, ist das in jedem Fall traumatisierend.»

Während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühling sei auch ein Problem gewesen, dass sich Betroffene keine Hilfe suchen konnten, weil der Partner ständig zu Hause war und man das Haus kaum verlassen konnte. «Nach der Öffnung sind die Meldungen aber stark angestiegen», so von Salis. Im Frauenhaus und bei Beratungsstellen habe man eine deutliche Zunahme gespürt – «und die haben auch jetzt noch viel zu tun.»

Bürotür schliessen und Grenzen ziehen

Von Salis hat die Situation um häusliche Gewalt im Kanton fast zwanzig Jahre miterlebt. Ist es überhaupt möglich, den Alltag nach Feierabend hinter sich zu lassen, wenn man täglich mit Gewalt konfrontiert ist? «Man muss lernen, die Bürotür zu schliessen und die Arbeit nicht nach Hause zu nehmen. Wenn man in diesem Berufsfeld nicht abgrenzen kann, wird man irgendwann krank.» Einfach sei dies nicht immer. Dennoch sieht sie im Vergleich mit den Anfangszeiten grosse Fortschritte. «Von der Frage, ob man das Problem im Kanton überhaupt hat, zu all den Angeboten, die wir heute haben – das sind Welten.» Es sei ein deutliches Zeichen, dass der Kanton für den Kampf gegen häusliche Gewalt personelle sowie finanzielle Ressourcen spreche. «Das ist auch ein politisches Statement.» So würden auch Opfer ihre Rechte besser kennen und die Öffentlichkeit sei aufgeklärter, das Thema kein Tabu mehr.

Die klaren Worte, die von Salis wählt, der Eifer und Nachdruck, mit dem sie über die Themen redet, die ihr wichtig sind – es ist offensichtlich, dass hier eine Frau erzählt, die ihren Job gerne ausführt. Oder, schon bald: Ausgeführt hat. Ihre Praxis in Basel wird sie weiterhin führen, auch als Kursleiterin wird sie für das Lernprogramm gegen häusliche Gewalt nach der Pension weiter zur Verfügung stehen. Dennoch sei die Pension nicht etwas, worauf sie sich wahnsinnig freue: «Ich habe viele Abschiede vor mir», sagt sie und seufzt. Nach einer Pause fährt sie fort. «Ich habe wirklich gerne hier gearbeitet.»