Streitgespräch
Zwischen den drei Liestaler Kandidaten liegen Welten

Joël Bühler (Juso), Thomas Eugster (FDP) und Daniel Muri (parteilos) wollen bei der Ersatzwahl vom 8. Februar in den Liestaler Stadtrat einziehen. Im bz-Streitgespräch legen sie ihre Positionen zu diversen Themen dar, die Liestal beschäftigen.

Andreas Hirsbrunner
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Die drei Stadtratskandidaten Daniel Muri, Joël Bühler und Thomas Eugster diskutierten engagiert, aber stets fair miteinander.

Die drei Stadtratskandidaten Daniel Muri, Joël Bühler und Thomas Eugster diskutierten engagiert, aber stets fair miteinander.

Kenneth Nars

Sozusagen als Tüpfchen auf dem i des grossen Baselbieter Wahltags vom 8. Februar, an dem auf kantonaler Ebene die Neuwahl von Landrat und Regierungsrat anstehen, kommt es in Liestal zu einer spannenden Ersatzwahl in den Stadtrat. Grund ist der Rücktritt des langjährigen Stadtrats Peter Rohrbach auf Ende März. Den Sitz des parteilosen Liestaler Bauchefs wollen gerade drei Männer beerben: Joël Bühler (Juso), Thomas Eugster (FDP) und Daniel Muri (parteilos).

Die grössten Chancen dürften sich der politisch erfahrene, in Liestal aber relativ unbekannte Eugster und der politisch unerfahrene, dafür stadtbekannte Muri ausrechnen. Nicht zu unterschätzen ist aber auch Bühler, der viele Junge hinter sich scharen dürfte. Auf jeden Fall deutet alles auf einen zweiten Wahlgang hin. Um den drei Kandidaten politisch auf den Zahn zu fühlen, lud sie die bz zu einem Streitgespräch ein.

Meine Herren, falls Sie am 8. Februar in den Stadtrat gewählt werden, wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf in Liestal?

Daniel Muri: An den KMU hängt viel, das liegt mir sehr am Herzen. Und auch wenn man jetzt im nahen Ausland mehr bekommt für sein Geld, darf man nicht vergessen, dass unsere Jugend hier zu einem grossen Teil bei den KMU ausgebildet wird. Ich will den Standort Liestal den KMU schmackhaft machen, seriöse Betriebe nach Liestal holen und ihnen bei der Infrastruktur so weit möglich Hand bieten.
Joël Bühler: Für mich liegt der Fokus auf dem Zentrum von Liestal. Um KMU hierher zu bringen, brauchen wir ein attraktives Stedtli. Sie haben recht, mit dem Ausland, aber auch mit den Einkaufszentren rund herum, haben wir eine grosse Konkurrenz. Das Stedtli kann sich von all diesen Mitbewerbern absetzen, indem es eben attraktiv und ein Ort ist, wo man sich aufhalten kann. Deshalb ist für mich wichtig, dass man zum Beispiel mit der Verbesserung der Allee zügig vorwärts macht.
Thomas Eugster: Was jetzt noch nicht genannt wurde, für mich aber ganz wichtig ist, ist die rasche Besetzung der verwaisten Stelle eines Bereichsleiters im Stadtbauamt mit einer gut qualifizierten Person. In den nächsten vier Jahren wollen wir nach Entwicklungsplan rund 35 Millionen Franken investieren und das kommt aus dem Stadtbauamt heraus. Deshalb brauchen wir dort ein gut funktionierendes Team.

Stichwort Stedtli: Was kann der Stadtrat machen, um die Attraktivität zu erhöhen?

Eugster: Ganz viel. Gerade jetzt spürt man wieder, dass wir die Parkraumbewirtschaftung erneut ändern müssen. Wir haben letztes Jahr die Gratisparkzeit auf eine halbe Stunde halbiert und das Resultat zeigt klar, dass es beim Gewerbe im Stedtli einen deutlichen Rückgang gegeben hat. Links und rechts von Liestal kann man gratis parkieren und das ist die Messlatte: Wir müssen schauen, dass wir günstigen Parkraum bieten. Vielleicht ist das sogar mehr als die Gratisstunde.
Bühler: Also den Leuten etwas bezahlen, dass sie bei uns parkieren?
Eugster: Nein, natürlich nicht. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Leute wieder ins Stedtli Liestal zurückkommen.

Wie hoch soll denn die Gratisparkierzeit sein, Herr Eugster?

Eugster: Vielleicht zwei Stunden, aber ich will mich da nicht festlegen.
Bühler: Ich finde das keine gute Idee. Wer den öffentlichen Raum besetzt, soll auch dafür zahlen. Das heisst, die oberirdischen Parkplätze sollen relativ teuer und deren Anzahl klein sein. Ich habe kürzlich im Fischmarkt eine Frau mit Kinderwagen gesehen, die sich wegen dem Verkehr zwischen zwei parkierte Autos retten musste. So vertreiben wir die Kunden nachhaltig. Statt möglichst viele Parkplätze möglichst billig oberirdisch anzubieten, sollte man nochmals mit den Verantwortlichen des Bücheli-Parkings darüber diskutieren, ob die dortigen Preise nicht gesenkt werden können. Schlimmstenfalls muss die Stadt die Parkplätze in den Parkhäusern subventionieren.
Muri: Wir müssen eine neue Dynamik hineinbringen. Wir sollten rund ums Stedtli Punkte setzen, bei denen man hineinfahren und solche, bei denen man hinausfahren kann. Dort sollte man die Aufenthaltsdauer elektronisch erfassen und den Leuten monatlich Rechnung stellen, also eine Art Maut. Eine kurze Parkzeit ist gratis, für den Rest muss man bezahlen. Bei diesem System entfallen die Parkuhren und der Unterhalt der Uhren und die Polizisten sind nicht mehr die Buh-Männer und -frauen. Den Detaillisten, die zu- und abliefern, müsste man Gratisparkplätze zum Beispiel in der Allee zur Verfügung stellen.
Eugster: Wir haben Parkings im Ziegelhof oder bei der Post geplant. Solange diese nicht stehen, können wir jetzt nicht einfach die Tarife nach oben schrauben. Die Gesamtattraktivität zählt und dazu gehören die Parkgebühren.

Es ist bezeichnend für Liestal, dass wir von der Attraktivität des Stedtlis reden und mitten in einer Parkplatzdiskussion landen. Wie kann man das Stedtli noch aufwerten?

Bühler: Für mich spielt der öffentliche Raum eine grosse Rolle und dazu gehört die Rathausstrasse. Ich finde es schade, dass an so schönen Orten die baulichen Massnahmen in den letzten Jahren aufgeschoben wurden und sich KMU und Gastronomie nicht wirklich getrauen, etwas zu machen. Und weil man sich nicht richtig wohl fühlt, ist das Stedtli ausgestorben. Wenn wir das Stedtli langfristig aufwerten wollen, müssen die Parkplätze weg, damit wir Neues schaffen können.
Muri: Wir selber sind die Stadt. Wenn jemand ein Platzkonzert machen will, kann er die Verwaltung anrufen und bekommt den Raum.
Eugster: Das ist alles ein Zusammenspiel. Die Rathausstrasse ist das Aushängeschild von Liestal und die ist wie vor 40 Jahren. Man muss jetzt deren Oberfläche ändern, um die Trottoirs wegzubekommen. Damit wird es für die Unternehmen attraktiv, herauszu-stuhlen. Zudem muss man nahe beim Stedtli Wohnraum schaffen, denn diese Leute bevölkern dann die Innenstadt, was zusätzliche Kundschaft bringt. Hier ist die Stadtentwicklung auf gutem Weg. Zudem kann die Stadt als Koordinator für einen guten Ladenmix wirken, wie ich in einem Vorstoss gemeinsam mit Mitgliedern von anderen Fraktionen angeregt habe.
Bühler: Ich habe den Vorstoss zehnmal gelesen und begreife immer noch nicht, wieso die FDP hier nicht mehr den freien Markt spielen lassen will.
Eugster: Die Stadt soll nicht eingreifen, sondern nur eine Informationsplattform bieten.
Muri: Ich wünsche mir sogenannte Win-win-Wohnhäuser möglichst nahe an oder in der Altstadt, in denen ältere Menschen und junge Familien wohnen. Dabei zahlen alte Leute mehr Mietzins zugunsten der Familien, die dafür gewisse Dienste wie Einkäufe oder Fahrten übernehmen. Aber auch die älteren Menschen können Hüte- oder Nachhilfeaufgaben übernehmen. Das sollte man als Pilotprojekt einmal starten. Wenn das Coop-Center im Ziegelhof nicht zustande kommt, könnte man zum Beispiel das ehemalige Bürogebäude zu einem solchen Win-win-Wohnhaus umfunktionieren. Im Weitern fehlt in Liestal schon lange ein multifunktionales Kulturzentrum, das von der Stadt zur Verfügung gestellt wird.

Liestal ist auf Wachstumskurs. Wenn all die beschlossenen Quartierpläne dereinst umgesetzt
werden, soll es in den nächsten fünf Jahren über 2000 zusätzliche Einwohner und etliche neue Arbeitsplätze geben. Stimmt dieser Kurs für Sie?

Bühler: Das stimmt für mich so weit, als dass im Moment in Liestal viele Leute ab- und noch mehr zupendeln. Deshalb wäre gut, wenn man Letztere dazu bringen könnte, in Liestal zu wohnen. Kritischer sehe ich, dass es langsam sehr viele Leute hat in Liestal. Da müssen wir uns mittel- bis langfristig schon überlegen, ob dieser Kurs nicht eine Nummer zu gross ist.
Eugster: Der jetzige Kurs stimmt für mich. Liestal hat schweizweit eine der tiefsten Leerstandquoten bei den Wohnungen und wir haben sehr viele Zupendler. Es wäre gut, wenn die auch in Liestal wohnen könnten. Deshalb ist es richtig, zentrumsnah Wohnungen zu bauen. Das ist auch wichtig fürs Stedtli und bringt weniger Verkehr. Die Geschwindigkeit, mit der das realisiert wird, steht aber auf einem andern Blatt, denn wir sehen, dass die Quartierpläne nicht so schnell umgesetzt werden, wie das die Investoren voraussagen.
Muri: In den nächsten fünf Jahren sind 1000 Wohnungen geplant. Das gibt 1000 bis 1500 zusätzliche Autos. Und in den nächsten fünf Jahren nochmals und in den nächsten fünf Jahren nochmals? Mir liegt sehr am Herzen, dass man nicht einfach alles dem Wirtschaftswachstum unterstellt. Es kann nicht unser Interesse sein, dass aus dem Wohlstand ein Wohlstau wird.

Ich möchte Ihnen nun noch ein paar Stichworte geben, zu denen Sie sich bitte mit einem Satz äussern: Burgdeckel.

Eugster: Schön, aber zu teuer.
Bühler: Wäre super, aber schade, dass man das aus Kostengründen nicht realisieren kann.
Muri: Ein 40-jähriger Wunsch in Liestal, der leider nicht realisierbar ist.

Liestaler Steuerfuss.

Muri: Es tönt vielleicht blöd, aber ich störe mich nicht an den Steuern, die ich hier bezahlen muss.
Bühler: Steuerfuss auf dem heutigen Stand belassen, alles andere wäre nicht seriös in Anbetracht der anstehenden Investitionen.
Eugster: Das ist so. Deshalb sehe ich wenig Spielraum in den nächsten Jahren.

Zentrumsanschluss A 22.

Bühler: Steht nicht zuoberst auf der Prioritätenliste.
Eugster: Wir sollten uns dafür einsetzen, weil er zu unserem Verkehrskonzept gehört und die künftigen Parkhäuser erschliesst.
Muri: Ich bin dafür.

Banntag.

Muri (lacht herzhaft): Schüblig, Muff, Tradition. So sein lassen, wie er ist.
Bühler: Schade, können nur 50 Prozent von denen gehen, die wollen.
Eugster: Wunderbare Tradition, Rotte vier.

Bundesasylzentrum in Liestal.

Eugster: Man muss es prüfen, aber das steht nicht zuoberst auf der Liste; wir haben noch andere Probleme.
Bühler: Ja unbedingt, wenn wir der beste Standort sind.
Muri: Ich arbeite immer wieder für die Stadt im jetzigen Asylzentrum in Liestal. Es ist nicht toll, wie die Leute dort leben müssen. Deshalb soll Liestal Verantwortung übernehmen und Hand bieten für ein Bundesasylzentrum.

Beschreiben Sie bitte Ihre Stärken mit drei Adjektiven und Ihre Schwäche mit einem.

Muri: Zuverlässig, kreativ, offen und auf der andern Seite etwas ungeduldig. Bühler: Selbstbewusst, ruhig und durchdacht. Meine Schwäche: manchmal verbissen.
Eugster: Erfahren, kompetent, engagiert. Ab und zu bin ich vielleicht zu exakt.