Der 9. März dieses Jahres war kein Glückstag für Deniz Esen (31), Geschäftsführer des Clubs «Other Poker». An diesem Tag räumten 30 Polizisten seinen Pokerclub an der Reinacherstrasse in Basel: Sie kontrollierten die rund fünfzig Spieler und nahmen 21 Pokertische mit. Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) in Bern hatte der Polizei den Auftrag zur Razzia erteilt. Untersuchungsleiterin Regula Zimmerli wirft Esen «das Organisieren und gewerbsmässige Betreiben von Glücksspielen ausserhalb konzessionierter Spielbanken» vor.

Heute ist das Strafverfahren der ESBK weitgehend abgeschlossen. Im «Schlussprotokoll» von Ende August, das dem «Sonntag» vorliegt, weist Zimmerli auf den Franken genau nach, dass Esens Klub trotz eines richtungsweisenden Pokerentscheids des Bundesgerichts von Juni 2010 bis zur Razzia 241623 Franken an Gebühren durch 400 «illegal organisierte» Turniere eingenommen hatte.

Die ESBK hat gegen Esen noch keine Strafe ausgesprochen. Zimmerli wollte sich dazu wegen des laufenden Verfahrens nicht äussern. Das Bundesgesetz über Glücksspiele sieht als Strafrahmen Haft oder Busse bis zu einer halben Million Franken vor. Zudem kann die ESBK alle illegalen Einnahmen einziehen.

Esen will sich gegen eine Strafe wehren. «Ich werde weiterkämpfen», sagt er. Ziel sei, dass Klubs wieder öffentliche Pokerturniere mit Geldeinsätzen durchführen können.» Er versteht nicht, dass solches Pokern heute nur noch in konzessionierten Casinos möglich ist. Gerade dort würden Pokerspieler dazu verleitet, viel Geld beim Roulette oder in Automaten zu verlieren. Bei den Turnieren im Club «Other Poker» lagen die Einsätze inklusive Gebühr in der Regel unter den Betrag von 150 Franken.

Im Streit mit der ESBK geht es darum, ob es sich beim Pokerspielen um Geschicklichkeits- oder Glücksspiele handelt. Glücksspiele sind laut Gesetz nur in konzessionierten Spielbanken und Casinos erlaubt. Seit 2007 war die ESBK der Ansicht, dass Pokerturniere mit dem Format «Texas Hold’em» Geschicklichkeitsspiele darstellten. Darum erhielten Pokerclubs wie «Other Poker» eine Bewilligung. Doch der Schweizer Casino Verband erhob dagegen Beschwerde, die das Bundesgericht im Juni 2010 guthiess.

Die ESBK widerrief sofort alle Verfügungen für Pokerklubs. Gegen diesen Widerruf erhob der Club «Other Poker» Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, die noch hängig ist. Zudem setzt Esen auf einen Professor als Fürsprecher. In seinem Auftrag hat der Basler Strafrechtsprofessor Kurt Seelmann das Pokerurteil des Bundesgerichts in einem Kurzgutachten analysiert.

Das Gericht hat zwar festgehalten, dass ein Spieler beim Pokern mit Taktik, mathematischen Fähigkeiten, einem guten Gedächtnis, schauspielerischem Talent oder einer klugen Risiko-Einschätzung das Spiel in einem gewissen Mass zu seinen Gunsten beeinflussen kann. Es bestünden aber keine definitiven Daten dazu, in welchem Umfang diese Elemente tatsächlich den für den Spielausgang wesentlichen Zufall überwiegen.

Hier setzt Seelmann an: «Das Bundesgericht macht damit implizit deutlich, dass es sich beim Vorliegen von solch ‹definitiven Daten› ein anderes Ergebnis vorstellen könnte.» Auch an anderer Stelle des Urteils sieht er Anzeichen, dass es das Gericht «nicht von vorneherein» ablehnt, bestimmte Formen des Pokerns als Geschicklichkeitsspiele zu akzeptieren. Um Varianten des Pokerspiels korrekt unter die Kategorien des Glücks-oder Geschicklichkeitsspiels einordnen zu können, sind laut Seelmann eine ausreichende Datenbasis und statistische Untersuchungen auf wissenschaftlicher Basis nötig. Vom professoralen Gutachten lässt sich die ESBK nicht beeindrucken: «Die höchstrichterliche Rechtsprechung lässt faktisch kaum Spielraum übrig, Pokerturniere als Geschicklichkeitsspiele zu qualifizieren», heisst es in einer Stellungnahme der ESBK.

Klubbesitzer Esen gibt nicht auf. Er setzt auf die Beschwerde des Klubs gegen den ESBK-Entscheid. Zudem will er zusammen mit dem letztes Jahr gegründeten Schweizer Poker-Verband Geld für ein umfassendes wissenschaftliches Gutachten über das Pokerspiel sammeln. Bewilligte Klubs sind für Esen allemal besser als eine illegale Pokerszene in Kellern und Garagen oder die völlig unkontrollierten Poker-Spiel-Angebote im Internet.

Nach der Razzia vom März hat er allen 60 Mitarbeitern, die sich 15 Vollzeitstellen teilten, gekündigt. Esen jobbt in seiner Firma für Software-Entwicklungen. Auf ehrenamtlicher Basis führt er den Club mit Kollegen mit einem Barbetrieb und Pokerturnieren ohne Gebühren und Geldeinsätzen weiter. Als Unkostenbeitrag bezahlen die Spieler heute zwanzig Franken.