Einkaufstourismus
Basler im Einkaufsrausch in Weil – Bagatellgrenze wirkt sich auf den Einkaufstourismus aus

Die Einführung der Bagatellgrenze hat auf den Einkaufstourismus in Südbaden erstaunliche Auswirkungen.

Peter Schenk
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Im Marktkauf werden Schweizer Kunden über die neuen Regeln informiert.

Im Marktkauf werden Schweizer Kunden über die neuen Regeln informiert.

Kenneth Nars

Alexander Müller, Direktor des grossen Supermarkts Marktkauf im Rheincenter in Weil am Rhein, ist erleichtert. Lag der Einkauf der Schweizer Kundinnen und Kunden bis Ende Jahr bei 30 oder 35 Euro, übertrifft er jetzt 50 Euro: «Der Durchschnittsbetrag der Kassenbons ist gestiegen.» Grund dafür ist die neue Bagatellgrenze, die Anfang Jahr in Kraft getreten ist. Seitdem müssen Kunden mit Wohnsitz in der Schweiz für mehr als 50 Euro einkaufen, damit ihnen die deutsche Mehrwertsteuer erstattet wird. Der befürchtete Einbruch der Umsatzzahlen ist ausgeblieben. Sie seien stabil geblieben, obwohl die Einkaufstouristen weniger oft kommen. Das gilt auch für das Rheincenter: «Wir bemerken nichts Negatives», ergänzt Centermanagerin Alev Kahraman.

Anfang Jahr war die neue Regelung, ein Gesetz des deutschen Bundesfinanzministeriums, noch nicht allen bekannt. «Wir mussten viel Aufklärungsarbeit leisten», erinnert sich Kahraman. «Die ersten zwei, drei Wochen waren schwierig», so Müller. Jetzt aber wissen die Schweizer Kunden darüber Bescheid. Das zeigt auch eine kleine Umfrage am Ausgang der Apotheke im Rheincenter und an der Tramhaltestelle am Grenzübergang Hiltalingerstrasse (siehe Kasten).

Mit seinen 11500 Quadratmeter Verkaufsfläche ist der Weiler Marktkauf zwar nicht der grösste Deutschlands, aber derjenige mit dem höchsten Umsatz. 65 Prozent der Kunden kommen aus der Schweiz, 20 bis 25 Prozent aus Frankreich und der kleine Rest aus Deutschland. Im ersten Stock gibt es ein grosses Non-Food-Angebot. In der Regel liegt die Mehrwertsteuer hier bei 19 Prozent. Bei Lebensmitteln sind es meistens 7 Prozent. Einen merklichen Rückgang der Zettel für die Erstattung hat Müller bisher nicht bemerkt. «Zum Glück tut uns die Grenze von 50 Euro nicht weh. Viele Tageskunden kommen statt sechsmal in der Woche nur noch fünfmal.» Ursprünglich war eine Grenze von 175 Euro im Gespräch, wie sie in anderen EU-Staaten üblich ist. «Das wäre ein No-Go gewesen», sagt Kahraman.

Die ersten zwei, drei Wochen waren schwierig.

(Quelle: Alexander Müller, Direktor Marktkauf Weil a.R.)

Extra ein T-Shirt mehr, um über 50 Euro zu kommen

Teilweise profitieren die Weiler Geschäfte sogar von der neuen Regelung. So stellt Sandra Amara vom Damenkleidungsgeschäft Street One fest: «Manche Kunden kaufen zwei Artikel, um über die 50 Euro zu kommen.» Wenn ein T-Shirt 25.99 Euro kostet, würden sie zwei nehmen. Ähnlich äussert sich Susanne von Weiden, Buchhändlerin bei Thalia im Zentrum von Weil: «Die meisten Kunden versuchen, auf 50 Euro zu kommen. Man kann auch Bücher bestellen und sie noch liegen lassen.» Manche Geschäfte wie das Damenmodegeschäft «Schöne Mode» oder der Jeansladen «Jeans Road» sind von der Bagatellgrenze wenig betroffen, weil sie in einem Preissegment tätig sind, bei dem der Durchschnittsbon über 50 Euro liegt.

Generell sagen fast alle Detailhändler, dass es wenige Beschwerden bei der Einführung der Bagatellgrenze gab. So stellt Detlef Hahnemann von der Apotheke im Rheincenter fest: «Wir hatten keine Reklamationen. Ich hatte das heftiger erwartet.» In der Apotheke gab es allerdings schon vorher die Mehrwertsteuer nur zurück, wenn jemand für über 25 Euro eingekauft hat. Zudem bekomme er nicht mit, ob sich Kunden wie Nachbarn zusammenschliessen, um die Grenze von 50 zu erreichen. Der deutsche Zoll will laut Mediensprecherin Antje Bendel erst an der Jahresmedienkonferenz im April darüber informieren, ob und um wie viel sich die Zahl der abgestempelten Zettel für die Mehrwertsteuererstattung verringert hat. Mittlerweile sind auch einige Details, die unklar waren, geklärt. So werden Rückerstattungen vom letzten Jahr nicht vom Gesamtbetrag abgezogen und das Pfand für Leergut gilt als Einkauf. Eine Neuerung bereitet der Marktkauf vor. So sollen voraussichtlich im März Terminals aufgestellt werden, in denen die Kunden ihre vom deutschen Zoll abgestempelten Zettel eingeben können. Sie erhalten dann automatisch einen Bon wie beim Leergut, den sie bei der Kasse beim Zahlen abgeben. «Das geht dann schneller für alle», freut sich Supermarktchef Müller. Dass auch die automatische Erstattung der Mehrwertsteuer eingeführt wird, dürfte allerdings noch zwei bis drei Jahre dauern, schätzen Müller wie auch die Centermanagerin Kahraman (siehe Text unten).

Das sagen die Schweizer Kunden zur neuen Bagatellgrenze

Was die Bagatellgrenze ist, muss man den zehn befragten Kundinnen und Kunden aus der Schweiz nicht mehr erklären. Sie wissen Bescheid. Für Etliche ändert sich durch die Einführung wenig. Amely Thoma aus Münchenstein sagt: «Ich gehe nicht so oft zum Einkaufen nach Deutschland.» Ähnlich tönt es bei Rosmarie Breitenstein aus Reinach, die dafür vielleicht zweimal im Jahr über die Grenze fährt. «Sonst kaufe ich in der Schweiz ein.» Nicole Ulmer aus Bottmingen fährt seit Anfang Jahr weniger oft zum Einkaufen. «Es sind vielleicht zweimal im Jahr, um wirklich auf die 50 Euro zu kommen.» Auch Walter Wittlin aus Basel stellt fest: «Wir kaufen nicht mehr so häufig ein.»

Es gibt aber auch andere Stimmen. So schaut Irene Jauslin aus Basel nicht darauf, ob sie die 50-Euro-Grenze erreicht: «Ich kaufe nur, was ich brauche.» Eine ältere Dame aus Arlesheim, die anonym bleiben möchte, handhabt das genauso. Renate Schäfer aus Bern fährt alle ein bis zwei Monate mit dem Zug nach Basel, wo sie beim Bahnhof SBB in das 8er-Tram nach Weil am Rhein steigt. «Dann erreiche ich die 50 Euro.» Sie kauft zum Beispiel in der Apotheke oder in der Drogerie ein und betont, dass unabhängig von der Mehrwertsteuer-Rückerstattung «eh alles günstiger als in der Schweiz» sei. (psc)