Basler Strafgericht
Freispruch für Autofahrer, obwohl er nach der Kollision nicht gebremst hat

Es knallte vor über sechs Jahren: Gestern stand der mutmassliche Unfallverursacher vor dem Basler Strafgericht.

Patrick Rudin
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Die Sierenzerstrasse in Basel.

Die Sierenzerstrasse in Basel.

Patrick Rudin

Im Mai 2015 fuhr ein heute 37-jähriger Mann mit seinem Auto durch die Basler Sierenzerstrasse in Richtung Nordosten. An der Kreuzung Sierenzer-/Rufacherstrasse bog von links ein Velofahrer ein, der 37-Jährige erwischte ihn mit der linken Fahrzeugfront, überfuhr ihn und schleifte den Velofahrer noch einige Meter mit. Dieser verstarb an den Verletzungsfolgen noch an der Unfallstelle.

Bemerkenswert: Zwei Zeuginnen berichteten, der Autofahrer habe auch nach der Kollision zunächst nicht gebremst, der Velofahrer lag schliesslich 18 Meter von der Kreuzungsmitte entfernt am Boden. Laut Gutachten fuhr der Autolenker zwischen 25 und 30 Kilometer pro Stunde, der Velofahrer zwischen 15 und 20. Die Strasse liegt in der Tempo-30-Zone, die Kreuzung war teilweise wild zugeparkt.

Angehörige zogen den Beschluss weiter

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen den Autofahrer ein, weil der Velofahrer von links kam und man dem 37-Jährigen daher strafrechtlich keinen Vorwurf machen könne. Das akzeptierten die Witwe sowie die Tochter des Verstorbenen nicht und zogen den Einstellungsbeschluss weiter. Dies war überhaupt nur möglich, weil sie Zivilforderungen geltend machten.

Appellationsgerichtspräsidentin Gabriela Matefi wies die Beschwerde im Juni 2019 aber ab: Beide Verkehrsteilnehmer hätten sich erst spät gesehen, auch eine Vollbremsung hätte keine Kollision mehr verhindert.

Die Angehörigen zogen weiter vors Bundesgericht und erhielten dort im Juni 2020 recht: Bei solch unklarer Beweislage dürfe ein Verfahren nicht eingestellt werden, ein Gericht muss zwingend den Sachverhalt beurteilen.

Mann betont seine Unschuld

So befasste sich am Donnerstag über sechs Jahre nach dem Unfall das Basler Strafgericht mit der Frage, ob man dem Autofahrer einen strafrechtlichen Vorwurf machen kann. Der Mann betonte im Gerichtssaal, er habe auch nach links geschaut und sei bremsbereit gewesen, habe aber keinen Velofahrer gesehen.

«Für mich ist das immer noch ein Rätsel, wie das Fahrrad plötzlich da war.»

Das Gericht befragte am Donnerstag auch die Experten des Forensischen Institutes Zürich zu den Untersuchungen. Diese betonten indes, die Basler Kantonspolizei habe damals die Unfallaufnahme gemacht, ihnen seien lediglich die Akten übersendet worden. Unklar blieb auch am Donnerstag, ob das Auto nach dem Unfall noch bewegt worden war.

Opfervertreter Daniel Tschopp betonte vor Gericht, die Geschwindigkeit des Autofahrers sei nicht den Verhältnissen angepasst gewesen.

Opferfamilie könnte Entscheid weiterziehen

Einzelrichterin Susanne Nese fällte schliesslich einen Freispruch: Objektive Messungen der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit gebe es nicht, daher könne man dem 37-Jährigen kein Fehlverhalten vorwerfen. Klar sei allerdings, dass er nach der Kollision nicht sofort gebremst habe. Dies sei allerdings nicht kausal für den Tod des Velofahrers gewesen, da laut rechtsmedizinischem Gutachten bereits das Überrollen zum Tode führte.

Da die Staatsanwaltschaft das Verfahren sowieso einstellen wollte, wird sie den Fall wohl nicht weiterziehen. Die Opferfamilie hat noch Rechtsmittel, trägt dabei allerdings wie in einem Zivilprozess das volle Kostenrisiko.

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