Prozessauftakt in Basel
Liegengelassen in Gefängniszelle: Aufseher reanimierten erst nach 13 Minuten

Diese Woche stehen vier Gefängnisaufseher vor Gericht, weil sie nach einem Suizidversuch keine Erste Hilfe geleistet haben. Der Prozess dauert dreieinhalb Tage.

Silvana Schreier
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Im Waaghof kam es innerhalb von vier Jahren zu über 40 Suizidversuchen und Suiziden.

Im Waaghof kam es innerhalb von vier Jahren zu über 40 Suizidversuchen und Suiziden.

Kenneth Nars

Drei Gefängnisaufseher und eine Aufseherin stehen seit gestern vor dem Basler Strafgericht. Sie sollen nach einem Suizidversuch einer Insassin in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses Waaghof keine Erste Hilfe geleistet haben. Die Anklage lautet bei allen auf fahrlässige Tötung durch Unterlassen von Hilfeleistung und Aussetzung. Der Prozess ist auf dreieinhalb Tage angesetzt.

Am Dienstagabend ziehen rund 60 Aktivistinnen und Aktivisten an einer unbewilligten Demo durch Basel. Sie wollen auf die gewalttätigen Strukturen des Asylwesens und die Gründe für eine Flucht aus Sri Lanka aufmerksam machen. Nach dem Start vor dem Strafgericht laufen die Demonstrierenden zum Gefängnis Waaghof sowie zum Migrationsamt.

Zum Ende des ersten Prozesstages findet in Basel eine Demonstration statt.

Zum Ende des ersten Prozesstages findet in Basel eine Demonstration statt.

Kenneth Nars

Ein Traineroberteil als Strick

Die Insassin, Nalika M.*, wurde im Juni 2018 ins Untersuchungsgefängnis Waaghof in Basel gebracht. Die aus Sri Lanka stammende Frau sollte ausgeschafft werden. In der Nacht zeigte sie sich verzweifelt, sorgte für Ruhestörungen. Darum wurde die 28-Jährige in eine Sicherheitszelle verlegt, die von der Kommandozentrale aus per Video überwacht wurde.

Am darauffolgenden Tag zog sich Nalika M. zur Mittagszeit das Traineroberteil aus. Einige Zeit sass sie regungslos im fast leeren Raum auf der in grünen Plastik gehüllten Matratze. Dann befestigte sie ihr Oberteil am Fenstergriff, legte es sich wie einen Strick um den Hals. Sie liess sich in die Schlinge fallen. Obwohl die Zelle überwacht wurde, dauerte es laut Anklageschrift rund sechseinhalb Minuten, bis man die leblose Frau auf dem Monitor entdeckte. Mehrere Gefängnisaufseher waren im Anschluss beteiligt.

Alles nur Schauspielerei?

Drei Aufseher betraten die Zelle von Nalika M., als ihre Notsituation in der Zentrale auffiel. Ersterer schnitt das Kleidungsstück mit einer Schere ab. Danach liessen sie die Insassin liegen. Ihr Gesicht ist gegen die Wand gedrückt. Die Arme hängen schlaff an ihren Seiten, die Beine hat sie unnatürlich nach hinten gestreckt. Ihr Oberkörper ist nackt. Später stösst eine Aufseherin hinzu. Sie wurde aufgefordert, Nalika M. die Hose auszuziehen, sodass diese sich nicht auch noch mit diesem Kleidungsstück Verletzungen zufügen kann. «Ich ging davon aus, ich müsse dies tun, weil es ihr relativ gut ginge. Ich hörte sie atmen», sagt sie Beschuldigte. bei der Befragung. Im Überwachungsvideo ist zu sehen, wie die Aufseherin den Saum der Hosenbeine greift und der Insassin das Kleidungsstück mit einem Ruck runterzieht. Nalika M. verbleibt in Bauchlage, das Gesicht gegen den Boden gerichtet.

Immer wieder beteuern die Beschuldigten, sie hätten Lebenszeichen bei der Frau wahrgenommen. Zudem seien sie alle der Meinung gewesen, das sei Schauspielerei, die Notlage werde von Nalika M. vorgetäuscht. Der Gerichtspräsident will wissen, woher sie diesen Eindruck bekommen hatten: «Aus Erfahrung, das kommt im Gefängnis häufig vor», antwortet ein Aufseher. Holger Wittig vom Institut für Rechtsmedizin sagt:

«Klar, man kann Regungslosigkeit vorspielen. Aber in dieser abnormen Körperposition würde ich das wirklich nicht erwarten.»

Zudem habe sie so kaum atmen können.

Tod wegen Sauerstoffmangel im Gehirn

13 Minuten nach dem ersten Betreten der Zelle waren sich die Aufseher einig: Etwas stimmt nicht. Die Ambulanz wird alarmiert, Reanimationsmassnahmen gestartet. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis die Rettungsdienste eintrafen. Zwei Tage nach dem Vorfall verstarb Nalika M. an den Spätfolgen.

Für die Verteidigung ist klar: Es ist ein Fehler der Gesamtorganisation. Zu schlecht seien ihre Mandanten ausgebildet gewesen für Erste Hilfe, Suizidprävention und Fälle von Strangulation. Vorab stellen sie den Antrag auf Einstellung des Verfahrens. Anwalt Christian von Wartburg erklärt dies so: Wenn jemand Suizid begehe, sei man strafbar, wenn man geholfen oder die Person angeleitet habe. Beides sei im vorliegenden Fall nicht passiert. Vorrangig habe deshalb vor dem Verfahren geklärt werden müssen, ob die verstorbene Person urteilsfähig war.

Wer trägt die Schuld?

Verteidiger Andreas Noll sieht ein systemisches Versagen verantwortlich für den vorliegenden Fall. Im Laufe des Verfahrens hat er deshalb Strafanzeige gegen den Leiter des Untersuchungsgefängnisses Waaghof sowie gegen einen weiteren Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin des medizinischen Dienstes und einen Bildungsverantwortlichen eingereicht.

Für die Staatsanwaltschaft sind Nolls Anträge vor Gericht «Prozesstaktik». Der Anwalt hingegen besteht darauf, dass die Verfahren der vier Beschuldigten mit denjenigen der neulich Angezeigten zusammengelegt werden. Sämtliche Anträge lehnt das Strafgericht jedoch ab.

Das Überwachungsvideo zeigt dramatische Szenen und die Hilflosigkeit der vier Angestellten. Ob sie jedoch auch Beweis einer fahrlässigen Tötung durch Unterlassung darstellen, wird das Strafgericht entscheiden. Heute Mittwoch folgen die Plädoyers aller Parteien. Das Urteil wird voraussichtlich am Freitag bekannt gegeben.

* Name geändert.

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