Persönlich
Besuch - Teil zwei

Kelly Spielmann
Kelly Spielmann
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Danke für die Blumen! «Hättsch doch ned müesse» - eigentlich eben schon.

Danke für die Blumen! «Hättsch doch ned müesse» - eigentlich eben schon.

Als ich 13 war, musste ich einen Aufsatz schreiben – Thema: «Besuch». Eine gute Gelegenheit, meine Beobachtungen festzuhalten, die ich jeweils machte, wenn meine Eltern Freunde einluden. Das aufgesetzte Lachen, das beim Klingeln an der Tür jedem ins Gesicht springt, oder die obligaten Blumen für die Gastgeber. Und das «Hättsch doch ned müesse!» meiner Mutter. Natürlich mussten sie. Oder sind Sie schon mal mit leeren Händen zu einer Einladung aufgetaucht? «Künstlicher als der Geschmack von Bananenfrappé», endete der Aufsatz damals.

Ein bisschen irritiert war meine Mutter schon – soll sie sich über die gute Note freuen oder sich doch eher ertappt fühlen? Dabei habe ich das ja gar nicht böse gemeint. Ich fand es einfach witzig, wie sich die Grossen von ehrlichen, direkten Kindern unterscheiden. Damals kannte ich Erving Goffmann noch nicht. Der Soziologe beschreibt in seinem Buch «Wir alle spielen Theater», wie wir im Alltag in andere Rollen schlüpfen. Was ich aber schon als Kind spürte: Beim Besuch ist es besonders auffällig, dass ein Stück aufgeführt wird.

Mama, hiermit möchte ich mich bei dir entschuldigen. Kürzlich habe ich für Freunde gekocht. Bin den ganzen Nachmittag am Herd gestanden, bis der Rücken schmerzte («Aber nein, das war doch gar keine Sache»). Rannte fünf Minuten, bevor es klingelte, mit dem Staubsauger durch die Wohnung («Sorry für das Chaos!»). Und mit einem Lächeln im Gesicht habe ich den Wein entgegengenommen. Hättsch doch ned müesse.