Als die Baselbieter Regierung am 8.  Juli in corpore vor die Medien trat, um das neue 198 Millionen Franken schwere Sparpaket vorzustellen, da muss sich Monica Gschwind wie das fünfte Rad am Wagen vorgekommen sein. Die Hölsteinerin war gerade einmal eine Woche im Amt und musste sich bereits für jene 25 der 132 Sparmassnahmen rechtfertigen, die ihre Bildungsdirektion (BKSD) betrafen. Dabei hatte sie gar nicht an deren Ausarbeitung mitgewirkt. Erstmals seit dieser Präsentation spricht Gschwind gegenüber der bz nun über ihre Gefühlslage – und findet erstaunlich deutliche Worte.

Sparvorgabe: 50 Millionen Franken

«Als ich am 1.  Juli auf der BKSD angefangen habe, lagen die Sparmassnahmen bereits auf dem Tisch», erzählt sie. «Das war eine schwierige Situation für mich.» Gschwind betont freilich, als Teil der Regierung die Entscheide voll mitzutragen. Aber sie legt auch Wert darauf, dass es sich bei den einzelnen Massnahmen erst um «Stichworte» handle. Es würden in den kommenden Wochen detaillierte Vorlagen ausgearbeitet. «Es ist meine Aufgabe, aber auch Chance, noch alles genauer zu definieren und gegebenenfalls anzupassen.» Gesetzt sei aber das Sparvolumen, das die BKSD innerhalb der Strategie beisteuern müsse: rund 50 Millionen Franken.

Das dürfte einer ganz besonders gerne hören: Jürg Wiedemann. Der Landrat aus Birsfelden hatte sich im Regierungswahlkampf Anfang Jahr mit dem Komitee Starke Schule Baselland für die Freisinnige Gschwind als neue Bildungsdirektorin starkgemacht. Es war einer der Hauptgründe, weshalb ihn die Grünen später ausschlossen. «Monica Gschwind und ich stimmen in Bildungsfragen zu 90 Prozent überein», hatte er immer wieder betont. Doch seit dem 8.  Juli ist einiges anders: Die Starke Schule stellte sich zwar hinter einige der Sparmassnahmen, kritisierte aber auch mehrere Punkte, unter anderem die Erhöhung der maximalen Klassengrösse auf den Sekundarstufen I und II auf bis zu 26 Schüler.

Grössere Klassen noch nicht fix

Hat Wiedemann also doch auf das falsche Pferd gesetzt? «Ich bin nach wie vor froh über den Wechsel. Die meisten Sparmassnahmen hat die Direktion in den letzten Monaten unter der Federführung von Urs Wüthrich ausgearbeitet», sagt er. Gschwinds jetzige Aussagen bestätigen ihn im Gefühl, dass sie einiges noch korrigieren wird. «Das ist nicht auf ihrem Mist gewachsen. Etwa die Pflichtstundenzahlerhöhung für Lehrer, die wurde ja bereits Wochen zuvor bekannt. Da nehme ich sie in Schutz.» Wiedemann erinnert zudem daran, dass Gschwind im Wahlkampf mehrfach betont habe, nirgends sparen zu wollen, wo es die Arbeit im Klassenzimmer betrifft. «Monica Gschwind ist integer, und sie wird sich daran halten.»

Von der bz darauf angesprochen, klingt es mittlerweile allerdings anders: «Die finanzielle Situation Basellands hat sich in der Zwischenzeit dramatisch verschlechtert und der Regierungsrat hat Massnahmen beschlossen. Diese muss ich berücksichtigen.» Damit meint sie unter anderem die Erhöhung der maximalen Klassengrössen. Dennoch könnte Wiedemann aber mit seiner Einschätzung recht behalten, dass Gschwind diese «bei 24 belassen wird». Denn die Hölsteinerin spricht es direkt an: «Mir persönlich gefällt diese Massnahme sicher weniger. Ich prüfe nun Varianten, die den Schulleitungen eine gewisse Flexibilität ermöglichen würden.»

Und noch bei einem weiteren heissen Eisen, der Überführung der zweijährigen Berufsvorbereitenden Schule (BVS 2) in ein einjähriges Brückenangebot, kann Gschwind Wiedemann und der Starken Schule Hoffnungen machen: «Für mich ist eine Härtefall-Regelung denkbar. Mir ist wichtig, dass die zwei Jahre nicht mehr standardmässig angeboten werden und die Jugendlichen schneller ins Berufsleben integriert werden.» Hart bleibt sie dagegen bei der Erhöhung der Pflichtlektionen für Sek- und Gym-Lehrer. «Diese bereits mit dem letzten Sparpaket eingeführte Massnahme jetzt wieder aufzuheben, macht mit Blick auf die heutige Situation keinen Sinn.»

Gschwind offen für Vorschläge

Wiedemann ist derweil überzeugt, dass man in der BKSD 30 bis 40 Millionen Franken ohne jeglichen Bildungsabbau sparen könnte. Spontan nennt er den Verzicht auf die Weiterbildung der Lehrpersonen zum Beispiel für Sammelfächer, die Doppelspurigkeiten zwischen Uni und FHNW oder die Beschaffung von neuen Lehrmitteln, «wovon viele in den Schränken verstauben». Auch die unter Wüthrich für 780 000 Franken jährlich rekrutierten Lehrer, die als Lokale Sachverständige (LokS) an ihren Schulen die Umsetzung von Harmos fördern sollen und dafür zwei Klassenstunden weniger unterrichten müssen, hält Wiedemann für überflüssig.

«Als neue Direktionsvorsteherin hinterfrage ich alles, was bisher galt», sagt Gschwind dazu. Sie wolle eine lange Liste abarbeiten. Dafür brauche sie nun erst einmal Zeit. Für Vorschläge von aussen sei sie offen. Aber: «Das von Herrn Wiedemann angegebene Sparpotenzial müsste erst genau verifiziert werden, da kann ich mich nicht einfach auf seine Aussagen abstützen.» Auf jeden Fall will Gschwind das Gespräch zu allen Gruppierungen suchen, die von den Sparmassnahmen betroffen sind oder sich engagieren, auch zur Starken Schule. Einen Kommentar kann sie sich dabei aber nicht verkneifen: «Ob meine Ansichten zu 90 Prozent mit Jürg Wiedemann übereinstimmen, ist schwer abzuschätzen. Die Initiative ‹Ausstieg aus dem Harmos-Konkordat› habe ich zum Beispiel nicht mitunterzeichnet. Hier sehe ich einen pragmatischeren Weg.» Noch braucht es also Zeit, bis feststeht, wem Monica Gschwind näher steht: ihrer Direktion oder Jürg Wiedemann.