Uhr-Geschichte
Carmen Simon sagt: «Die Zeit messen – das ist eine Machtfrage»

Uhren üben eine besondere Faszination aus, sie sind nicht nur Zeitmesser, manchmal sogar alles andere. Milliarden werden dafür ausgegeben. Welche Bedeutung haben Uhren? Zum Abschluss der Baselworld gibt Kuratorin Carmen Simon Antworten. Sie hat die Uhrenausstellung im Museum für Geschichte Basel mitgeplant und -gestaltet.

Stefan Schuppli
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Carmen Simon, Kuratorin im historischen Museum, hat sich für die Ausstellung «Watch this» intensiv mit dem Phänomen «Zeit » befasst.

Carmen Simon, Kuratorin im historischen Museum, hat sich für die Ausstellung «Watch this» intensiv mit dem Phänomen «Zeit » befasst.

Juri Junkov/Fotograf

Sie haben sich ein Jahr lang mit Uhren und dem Phänomen Zeit befasst. Was ist für Sie «Zeit»?

Eine schwierige Frage, die ich nicht so einfach beantworten kann. Viele Gelehrte haben sich mit dem Phänomen Zeit auseinandergesetzt, aber sie sind der Zeit auch nicht wirklich auf die Schliche gekommen. Vielleicht kommt man dem Thema näher, wenn wir uns fragen, wie wir Zeit empfinden. Zeit messen und Zeit empfinden, sind zwei ganz unterschiedliche Angelegenheiten. Manchmal vergeht die Zeit schnell, mal langsam, das kennen wir alle. Kürzlich las ich in einem Interview, man solle nicht an den schönen Momenten festhalten, sondern man solle wieder neue, schöne schaffen. Um das Thema zu reflektieren, fragen wir die Besucher unserer Ausstellung.

Carmen Simon (30)

Sie ist Museumswissenschaftlerin und Historikerin und studierte an der Uni Neuenburg und Bern. Seit 2015 ist sie Ausstellungskuratorin und Projektleiterin «eCulture» am Historischen Museum Basel. Davor: Museum für Kommunikation, Bern, Jüdisches Museum, Basel.

Warum wollen Menschen die Zeit messen?

Die Uhr oder die Zeitmessung ist eine gesellschaftliche Einrichtung. Wir brauchen zeitliche Fixpunkte, um miteinander funktionieren zu können. Wir wollen Zeitpunkte festlegen und die Dauer dazwischen. Historiker gehen davon aus, dass, salopp formuliert, der Versuch, die Zeit zu messen, so alt ist wie die Menschheit.

Gab oder gibt es Kulturen, in denen Zeitmessung keine Rolle spielt?

Das gibt es möglicherweise schon, aber der Faktor Zeit spielt wahrscheinlich überall eine Rolle. Sicherlich ist die Zeitmessung eine kulturelle Frage. Und eine Frage der Macht: Andere Herrscher, andere Zeitsysteme. Unter Napoleon wurde das Dezimalsystem eingeführt, auch für die Zeit. Später wurde das in der Zeitmessung wieder rückgängig gemacht. Und kürzlich hat der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un eine eigene Zeitzone eingeführt. Er hat verfügt, dass die Uhren eine halbe Stunde zurückgestellt wurden. Aber eigentlich müssen wir gar nicht so weit gehen. Der gregorianische Kalender, nach dem wir heute leben, wurde hier in Basel erst 1701 eingeführt und damals gingen die Uhren in Basel zudem eine Stunde vor im Vergleich zur Rest-Eidgenossenschaft. Basel hatte sozusagen bis 1798 mit der Errichtung der Helvetischen Republik immer Sommerzeit.

Die Sommerzeit war ja umstritten ...

Ja. Es ist eine junge Erscheinung. Im 2. Weltkrieg gab es bereits eine Sommerzeit, dann wurde sie abgeschafft, in den 70er-Jahren wurde sie wieder eingeführt ... Dann kam das Referendum, die Sommerzeit wurde wieder abgeschafft. Das gab aber 1980 so ein Chaos, dass man die Sommerzeit wieder einführte. Übrigens: Dieses Wochenende ist Umstellung, wir stellen unsere Uhren vor.

Sie sprachen den Machtfaktor an. Wir haben oft das Gefühl, es herrscht das Diktat der Zeit.

Das ist tatsächlich so. Mit der Industrialisierung wurde die Zeitmessung auch für die Arbeitserfassung eingesetzt, die Arbeit wurde zeitlich normiert, die Zeit wurde zu einem normativen Faktor. Es heisst ja nicht vergebens: «Zeit ist Geld». Mit dem Aufkommen der Bahn gewann die Zeitmessung zusätzliche Bedeutung. Sie musste koordiniert werden. Es gab Fahrpläne, damit die Kundschaft wusste, wann sie bereit sein musste. Die Züge mussten organisiert werden. Also: Die Zeitmessung ist wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Hat sich nicht gerade die Schweiz die Uhr verinnerlicht?

Ja, klar! Vergessen wir nicht: Die Uhr, die Uhrenindustrie hat den Charakter eines ganzen Landes geprägt, den der Schweiz. Pünktlichkeit und Präzision sind Eigenschaften, die man uns zuordnet, und zwar weltweit. Und das beschränkt sich nicht auf Uhren! Wir funktionieren wie ein Uhrwerk, so heisst es. Und wenn wir nicht pünktlich sind, dann regt sich beispielsweise der Chef der Fluggesellschaft Swiss auf, dass sie inakzeptabel unpünktlich sei ...

Wie alt ist die älteste Uhr?

Wenn wir von Elementaruhren reden, z.B. Sonnenuhren, Sanduhren, Wasseruhren, dann sehen wir die ersten Uhren in der Antike. Man versuchte immer wieder und schon sehr früh, die Zeit zu messen. Räderuhren, also mechanische Uhren, gibt es seit 1300, zuerst grosse Turmuhren. Kleinuhren, also Hals- und Taschenuhren, wie wir sie in der Ausstellung in der Barfüsserkirche zeigen, sind vermutlich um 1500 in Norditalien erfunden worden.

Seit wann gibt es Armbanduhren? Wohl noch nicht so lange.

Länger, als man denkt, nämlich seit Ende des 18. Jahrhunderts. Es waren Kleinuhren, die man an ein Armband befestigt hatte. Erst Ende 19. Jahrhundert wurden sie aber seriell gefertigt, und zwar für Männer. Diese Uhren sind aber immer ein bisschen als «weibisches Schmuckstück» belächelt worden. In den Kriegen zeigte sich aber, dass solche Armbanduhren extrem praktisch sind, viel praktischer als eine Taschenuhr, die ich immer herausziehen muss. In den 30er-Jahren war der Produktionsanteil von Kleinuhren bei Taschen- und Armbanduhren etwa 50 zu 50. Heute werden praktisch keine Taschenuhren mehr hergestellt.

Irgendwann wurde die Uhr ein Schmuckstück. Lässt sich das zeitlich verorten?

Private mechanische Uhren waren immer Schmuck, sie haben den Palast oder das Haus verschönert. Ebenso die frühen Kleinuhren. Sie waren anfänglich auch zu wenig genau, aber dafür wunderschön. Zu modischen Accessoires wurden Uhren am Ende des 18. Jahrhunderts mit der Gewerbefreiheit 1798. Von da an konnten Uhren auch ausserhalb des Uhrenhandels z.B. in Schneidergeschäften verkauft werden. Diese attraktiven Schmuckuhren konnten dann gleich passend zum Outfit ausgewählt werden. Was natürlich nicht heisst, dass die frühen Uhren keinen modischen Trends gefolgt sind. Die Auftraggeber liessen sich die Uhren nach ihrem Geschmack und der Mode der Zeit fertigen.

Was war schliesslich das Spezielle bei der konkreten Ausgestaltung der Ausstellung in der Barfüsserkirche?

Das vielfältige Themenspektrum, das das Thema Uhr an sich mitbringt. Und die Zusammenarbeit hier im Team, da kamen Experten von verschiedenen Bereichen, musealen und technischen, zusammen. Es ist ein Gemeinschaftswerk.

«Watch this», Sonderausstellung von 65 Genfer Uhren in Basel, im Museum für Geschichte, Barfüsserkirche (bis 28.8.) Di - So, 10 - 17 Uhr