Gastkommentar

Carte blanche nach harter Kritik: Nadine Gautschi über links oder stumm

Nadine Gautschi

Nadine Gautschi

«Facebook-Posts bringen Nadine Gautschi in Bedrängnis» titelte die bz vergangene Woche. Anlass bot ein «offener» Brief Markus Theunerts (männer.ch) an den Präsidenten meiner Partei. Weshalb Theunert nicht mich ansprach, stattdessen aber diverse lokale Medien, bleibt im Dunkeln, ausser er hätte mit unredlichen Motiven geschrieben. Sein Brief bezieht sich auf drei meiner mehreren hundert auf Facebook geteilten Posts und versucht zu suggerieren, ich hätte eine rechtskonservative Haltung. Theunert gibt vor, über meine Tragbarkeit für die FDP Basel-Stadt besorgt zu sein.

Überrascht war ich inhaltlich von Theunerts Behauptungen kaum, passen sie doch bequem zu anderen Berichten von liberalen Autoren. Es ist offenbar, dass deren publizierte Auffassungen, wenn sie vom gängigen links-progressiven Narrativ abweichen, mit zunehmender Intensität von Aktivisten in eine rechte «Schmuddel»-Ecke gedrängt werden.

Meine dementsprechende Reaktion auf den Brief veranlasste die Redaktion der bz zur Offerte, diesen Kommentar zu verfassen und darzulegen, was heute angeblich nicht mehr gesagt werden dürfe. Ich halte diese Offerte für bauernschlau, denn gesagt werden darf im Rahmen der Rechtsordnung eigentlich alles – ist man mit den Konsequenzen von Denunziation, Ausgrenzung und Diffamierung, passt das Gesagte nicht ins «akzeptable» Schema, komfortabel.

Vermummte in der Kirche, Protest gegen Podium

Folgende Begebenheiten aus jüngster Vergangenheit illustrieren dies:

Im Dezember liefen SP-Frauen und Juso Sturm gegen ein Nietzsche-Podium mit dem Titel: «Ein Spielzeug sei das Weib dem Manne». Das ist ein Zitat Nietzsches und keine Meinung der Veranstalter. Das Podium wurde blockiert, ein Feueralarm ausgelöst, bis die moralisch vermeintlich Überlegenen herausgeführt wurden. Teilnehmer konnten zwar nach der Störaktion über Nietzsche diskutieren, setzten sich damit aber dem unbegründeten Generalverdacht der Frauenfeindlichkeit aus.

Vermummte störten in der Dorfkirche Kleinhüningen einen Gottesdienst und beschimpften die Pfarrerin in übelster Weise. Der Protest soll gegen ihre Beiträge aus dem Jahr 2011 auf einem rechtsnationalen Blog gerichtet gewesen sein. Eine Glaubensgemeinschaft kann ihren Gottesdienst nicht feiern, weil die Pfarrerin wegen eines Blogbeitrags vor acht Jahren mutmasslich dem rechten Lager zugehöre.

Kacem El Ghazzali schreibt kürzlich, dass er eines Morgens aufgewacht sei – und angeblich rechtsradikal war. Seine Einstellung zum politischen Islam und seine Ablehnung von Identitätspolitik veranlasst linke, vermeintlich progressive Kräfte zur pauschalen Abstrafung.

Schlagen wir nun den Bogen zum Anlass, der mich wegen erträumter «rechtskonservativer» Haltung auf die Titelseite der bz brachte.

Ein geteilter Artikel ist keine Übernahme

Ein geteilter Artikel auf Facebook ist keine Übernahme der Ansichten seines Autors. Unser Bundesgericht hält jüngst am 29. Januar klar fest, dass Teilen eines Beitrags auf Facebook «grundsätzlich wertungsoffen» ist.

Dass Autoren von mir geteilter Beiträge als libertär oder rechtskonservativ gelten, ist in einer richtig verstandenen und so auf freier Meinungsäusserung aller basierenden Demokratie ohne Belang. Das gilt auch für Beiträge aus der Feder linker, etatistischer oder sonst wie selbsternannter progressiver Verfasser.

Darum komme ich zum Schluss, dass Leute mit Meinungen, die nicht dem links-progressiven Narrativ entsprechen, durch dessen Propagandisten schlicht denunziert und mit einem rechten Kainsmal versehen werden. Weshalb die bz, die sich selbst für ein liberales Blatt hält, als Steigbügelhalterin von Usurpatoren der öffentlichen Meinung gerne behilflich ist, bleibt schleierhaft.

Entweder erfordert eine zunehmend vielfältige Gesellschaft die Einschränkung der Vielfalt des Denkens und dessen Äusserungen, um einen von wem auch immer definierten «Frieden» zu wahren – oder, wie ich meine, wird unsere Gesellschaft eben immer vielfältiger und wir gewöhnen uns an die Vielfalt von Ansichten, die uns vielleicht nicht alle in den Kram passen.

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