Corona
Infektionsherd Public Viewing: Wieso dauerte es so lange, bis der Basler Superspreader-Event bekannt wurde?

Während der Europameisterschaft haben sich im Basler Café «Bücheli» mindestens 13 Personen mit Corona infiziert. Und das nur kurz nachdem in der Steinenvorstadt der Hotspot-Status aufgehoben wurde. Warum es so lange dauerte, bis dies bekannt geworden ist.

Benjamin Rosch, Patrick Marcolli, Elodie Kolb
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13 infizierte Personen wurden mittlerweile festgestellt, die während des Viertelfinals der EM im und um das «Bücheli» in der Steinenvorstadt waren.

13 infizierte Personen wurden mittlerweile festgestellt, die während des Viertelfinals der EM im und um das «Bücheli» in der Steinenvorstadt waren.

Kenneth Nars

Nein, man wolle nicht mit den Medien reden. Der Chef am Telefon winkt schnell ab und die Leute im Service sind angehalten, nichts zu sagen. «Fragen Sie doch links oder rechts», sagt die Frau am Tresen, «an jenem Freitag hat es überall gleich ausgesehen.» Tatsächlich: Wer am 2. Juli den EM-Viertelfinal der Schweiz in der Steinenvorstadt verfolgte, dem dürfte es recht egal gewesen sein, ob sein Bier nun im «Jerry’s», im «Küchlin» oder im «Bücheli» gezapft wurde. Gut möglich, dass er mal da und dann dort war, spätestens nach dem letzten verschossenen Penalty hat sich eh alles gemischt.

Und trotzdem: ausgerechnet das «Bücheli». Das Basler Gesundheitsdepartement hat gestern sein Coronabulletin verschickt, Betreff: Ausbruch in einer Bar. «Das Contact-Tracing-Team des Gesundheitsdepartementes Basel-Stadt musste feststellen, dass in und um die Bücheli caffé bar lounge in der Steinenvorstadt ein Ausbruch stattgefunden hat», heisst es darin. Mittlerweile stehen 13 neuinfizierte Personen fest, welche sich am 2. Juli 2021 in oder um die Bar aufgehalten haben. «Das Gesundheitsdepartement ruft die Besucherinnen und Besucher auf, sich schnellstmöglich testen zu lassen.»

Steinenvorstadt unter Generalverdacht

Die Steinenvorstadt hat es in Zeiten der Pandemie mehrmals unrühmlich in die Schweizer Schlagzeilen geschafft. Mitte Mai 2020 kursierten Bilder von feiernden Meuten, denen die Barbetreiber scheinbar nichts entgegenzusetzen hatten. Genau das «Bücheli» stand bald im Fokus der Behörden: Am 23. Mai schloss das Gesundheitsdepartement den Betrieb wegen wiederholter Verstösse gegen die Covid-Verordnungen. Die Betreiber reagierten entsetzt: Man sei zum «Sündenbock der ganzen Steinen» abgestempelt worden, schrieben die Verantwortlichen damals auf Facebook. Letzten Endes war es ein Schuss vor den Bug, schon nach wenigen Wochen öffnete die beliebte Bar wieder.

Die «Steine» blieb unter Generalverdacht. Als sogenannter «Hotspot» galten für die Ausgehmeile besondere Bestimmungen. Unter anderem war eine generelle Maskentragpflicht in der ganzen Strasse in Kraft. Ausserhalb der Bars herrschte ein strenges Konsumationsverbot; mit einer Bierbüchse von Heuwaage bis Barfi zu schlendern, war verboten. An beiden Zugängen der Steinen standen die bekannten rosa Warnschilder, die auf die Sonderzone hinwiesen. Die Regeln galten bis 26. Juni. Keine Woche später kam es zum Ausbruch.

Warum aber erfolgt der Aufruf erst jetzt, drei Wochen später? Anne Tschudin, Sprecherin im Gesundheitsdepartement, erklärt auf Anfrage: «Die Fälle sind zum Teil mit grossem zeitlichem Abstand gemeldet worden, entsprechend hat es gedauert, bis ein Gesamtbild gemacht werden konnte.» Anhand von Hintergrundabklärungen, dem sogenannten «Backward Contact Tracing», habe man den Infektionsherd feststellen und die Fälle zuordnen können. Am Montag habe man das Gesamtbild schliesslich beisammengehabt, sagt Tschudin. Da auch noch in den letzten Tagen neue Fälle festgestellt wurden, die mit dem Public Viewing in Verbindung gebracht worden seien, habe man schliesslich den Aufruf zum Testen gestartet, «insbesondere im Hinblick auf Infektionen, die symptomfrei oder beschwerdearm verlaufen», wie Tschudin sagt.

Mangelhafte Kontrollen in Basler Clubs

Neben dem «Bücheli» zählen offenbar auch manche Clubs zu Orten mit hohem Ansteckungspotenzial. Elf Infektionen führt das Contact-Tracing auf zwei Events zurück. «Da die Testempfehlungen für die dortigen Events erst kürzlich an alle Besucherinnen und Besucher kommuniziert wurden, ist diese Zahl noch nicht als abschliessend zu bewerten», heisst es im Coronabulletin. Was die Situation verschärft: Offenbar halten sich einige Clubbetreiber nicht an die geltenden Regeln. Das Gesundheitsdepartement musste «in den letzten Tagen feststellen, dass in einzelnen Clubs Personen ohne Covid-Zertifikat Zutritt erhielten.» Um welche Clubs es sich handelt, wird im Bulletin nicht kommuniziert.

Laut einer Mitteilung des Kantonsarztes, die auf der Website des Barock Clubs publiziert war, sind mehrere Personen, die am 9. Juli im Lokal waren, in Folge am Coronavirus erkrankt. Auf Anfrage will der Betreiber weder bestätigen noch dementieren: Man könne die Infektionen nicht mit Sicherheit auf den Club zurückführen. Aber er bestätigt, dass in der Kommunikation bezüglich Kontrolle der Covid-Zertifikate «Fehler unterlaufen sind». Recherchen der bz bezüglich des zweiten betroffenen Clubs blieben derweil ergebnislos.