Internet
Cyber-Mobbing beschäftigt die Jugenddienste der Polizei stark

Der «Migros-Ice-Tea-Fall» bewegte im Dezember die Öffentlichkeit: das Video eines Mädchens, das sich eine Eisteeflasche einführt und im Internet für jedermann zu sehen war, weil es gemäss «20 Minuten» ihr Ex-Freund hochgeladen hatte.

Aline Wanner
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Immer online – Jugendliche sind von Cyber-Mobbing besonders betroffen.

Immer online – Jugendliche sind von Cyber-Mobbing besonders betroffen.

Keystone

Vergangene Woche war es der Fall eines Mannes, der Bilder von unbekannten Frauen ins Netz stellte, wie die «Basler Zeitung» berichtete. In dieser Woche war es die «Schlampenfalle», wie sie die Journalistin Michèle Binswanger auf einem Blog des «Tages-Anzeigers» bezeichnet: sexuelle Belästigung von Frauen im Internet.

Die Liste der Fälle, in denen Täter die Anonymität und die weite Verbreitung des Internets nutzen, um ihre Opfer blosszustellen, ist lange. Das sogenannte Cyber-Mobbing breitet sich aus wie ein Tumor, dessen Auswüchse die Forscher noch gar nicht genau kennen, und den sie trotzdem bekämpfen sollen.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der starken Präsenz von Mobbing im virtuellen Raum hat die öffentliche Empörung nicht nachgelassen. Die Medien berichten. Die Opfer berichten. Und die Experten kommentieren. Die Online-Kommentar-Foren füllen sich mit enervierten Besuchern. Pro Juventute lancierte im Oktober die erste nationale Kampagne gegen Cyber-Mobbing, weil das Thema mittlerweile zum «Beratungsalltag» gehöre.

Die Folge

Die polizeiliche Jugendarbeit befasst sich heute mehrheitlich mit Chats, mit Facebook, mit Whats-App und den Jugendlichen, welche diese Plattformen nutzen, um sich darauf zu beschimpfen und beschimpft werden. Um eigentlich mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen und dann nicht selten von deutlich älteren Männern angemacht werden.

Daniel Wenger ist stellvertretender Leiter des Jugenddienstes der Polizei Basel-Landschaft. Er spricht von einer starken Zunahme von Mobbing im Internet. Er werde in seinem Alltag oft mit Anfragen zu diesem Thema konfrontiert. Wenger und seine sechs Kollegen besuchen regelmässig Schulen und Jugendtreffs um dort Jugendliche über die Internetnutzung und Straftaten in diesem Zusammenhang aufzuklären, aber auch, um mit ihnen über unangenehme Vorfälle zu sprechen. Wenger hat mit Opfern genauso wie mit Tätern zu tun. Wobei diese nicht leicht zu finden sind, weil vieles im Web anonym passiert.

Um verdeckte Fahndung und Ermittlung zu ermöglichen, haben die eidgenössischen Räte im Dezember im Rahmen der Strafprozessordnung die gesetzliche Grundlage geschaffen. In der Praxis ermöglicht dies vor allem die Verfolgung von mutmasslichen Straftätern im Internet. Fahndungen, welche eine Straftat verhindern sollen, liegen allerdings weiterhin in der Kompetenz der Kantone. Sie können entsprechende Gesetze ausarbeiten.

Die beiden Basel haben reagiert

Der Grosse Rat hat in dieser Woche trotz kritischer Voten von linker Seite einer Gesetzesergänzung zugestimmt, welche es der Polizei in Zukunft erlaubt, bereits bei Verdacht verdeckt zu ermitteln. Es geht dabei auch darum, sich unter einem Pseudonym in einen Chat einloggen zu können, um an potenzielle Sexualstraftäter heranzukommen. Dass solche Methoden in Zukunft zum Einsatz kommen, bestätigt René Gsell, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft.

In Baselland ist ebenfalls ein revidiertes Polizeigesetz in der Pipeline, das künftig eine gesetzliche Grundlage für präventive verdeckte Fahndung schaffen soll. Im Frühjahr wird es in die parlamentarische Beratung kommen.

Bevor sich allerdings die Fahndungs- und Ermittlungsabteilungen mit den Cyber-Mobbing-Fällen beschäftigen, tun dies die Jugend- und Präventionsdienste der Polizei. Stefan Gasser leitet die Jugend- und Präventionspolizei in Basel-Stadt, das Pendant zum Jugenddienst der Polizei Basel-Landschaft. Die Abteilung besteht derzeit aus fünf Mitarbeitern. Bis Ende 2013 wird sie um drei weitere Stellen aufgestockt. Gasser sagt: «Die Nutzung von Smartphones ist ab dem Alter von 9 bis 10 Jahren ein Schwerpunktthema in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.» Cyber-Mobbing sei omnipräsent.

Zu Anzeigen wegen Ehrverletzung kommt es im Zusammenhang mit Beleidigungen im Internet aber verhältnismässig wenig. «Die Opfer stehen unter Druck oder wollen die Sache einfach vergessen», erklärt der Baselbieter Jugendspezialist Wenger. Trotzdem versuche er, Betroffene zu überzeugen, die Täter anzuzeigen, weil dies abschreckend wirke. Der direkte Kontakt der Polizei mit den Jugendlichen fördere das Problembewusstsein.

Wenger hält den Aufbau eines Kompetenzzentrums, das sich auf Cyber-Kriminalität spezialisiert, für notwendig, sollte es auch in Zukunft so viele Fälle geben. Ein erstes solches Zentrum entsteht derzeit in Zürich. Bis 2015 soll ein Team aus 4 Staatsanwälten, 15 Kantonspolizisten und 11 Informatikspezialisten bestehen, das sich ausschliesslich der Cyber-Kriminalität widmet.