Schäferstündchen

Das härteste Weihnachten

Tobit Schäfer schildet, wie er Weihnachten in diesem Jahr wahrgenommen hat.

Tobit Schäfer schildet, wie er Weihnachten in diesem Jahr wahrgenommen hat.

«Das wird wohl das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben», prophezeite Armin Laschet vor den Feiertagen ange- sichts der ungebrochen rollenden zweiten Coronawelle. Damit stimmte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ein in einen Chor aus Politikerinnen und Politikern in unseren Nachbarländern. Angela Merkel und Sebastian Kurz bezeichneten die Coronakrise als grösste Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Emmanuel Macron verkündete wiederholt: «Nous sommes en guerre!»

Dass wir dazu neigen, Katastrophen untereinander ins Verhältnis zu setzen, ist nachvollziehbar. Hilflos versuchen wir, Unbegreifliches greifbar zu machen. Für die aktuelle Situation werden jedoch Superlative bemüht, die zu unhaltbaren Vergleichen führen. Keine Frage: Die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden, die durch die Pandemie verursacht werden, sind brutal. Viele Menschen sind wortwörtlich in ihrer Existenz bedroht. Wer aber die Folgen der Coronakrise mit den Gräuel und Schrecken des Zweiten Weltkriegs in Verbindung bringt, nimmt in Kauf, dass dieser mehr und mehr relativiert wird: ein Kapitel im Geschichtsbuch, ein paar Seiten nach dem Dreissigjährigen Krieg.

Apropos Geschichtsbuch: Die Lektüre darin sei all den Coronaverharmlosern dringend empfohlen, die ihr Recht auf eine eigene Meinung mit einem Recht auf eigene Fakten verwechseln und sich bewusst oder unbewusst gemeinmachen mit Leuten, die ernsthaft Hygienemasken mit Judensternen und das Covid-19-Gesetz mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 gleichsetzen. Hier eine Parole für deren nächste Demonstration, die ihre menschenverachtende Haltung wenigstens ehrlich auf den Punkt bringt: «Maske ab! | Verbote halt! | Wer daran stirbt, | war eh zu alt.»

«Dieses Weihnachten wird anders sein als alle Weihnachten, wie wir sie kennen. Es wird Verzicht bedeuten.» So präzisierte Armin Laschet seine Prophezeiung. Dass uns Verzicht schwerfällt, wissen wir nicht erst seit der Coronakrise. Die Debatte zur Klimakrise macht seit langem deutlich, wie empfindlich wir auf tatsächlichen oder drohenden Verzicht reagieren. Erschwerend kommt hinzu, dass von Verzicht oft in Kombination mit dem anderen V-Wort, Verbot, die Rede ist. Ob die Mehrheit von uns in den vergangenen Tagen tatsächlich ihr «härtestes Weihnachten» verbringen musste, sei dahingestellt. Denn die Frage, worauf wir verzichten können, müssen, wollen, wird uns weit über die Feiertage hinaus beschäftigen.

Das zeigt sich auch am Deutschschweizer Wort des Jahres: «systemrelevant». Wer für das Wohlergehen der Gesellschaft und das Funktionieren der Wirtschaft unabdingbar ist, wird als systemrelevant bezeichnet oder als «Held des Alltags» gefeiert. Abgesehen davon, wer hier die Definitionshoheit hat, bleibt zu hoffen, dass sich die plötzliche Anerkennung gegenüber diesen Menschen nicht gemeinsam mit dem Coronavirus verflüchtigen wird.

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