Rotstab-Cabaret

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Närrische Party die Pfeifer und Drummler vom Stamm als «Fasnachtsinfluencer»

Närrische Party die Pfeifer und Drummler vom Stamm als «Fasnachtsinfluencer»

Das Rotstab-Cabaret gefällt mit einem Mix aus lockerem Humor und starker Musik.

Der Unterhaltungswert dieses grössten Liestaler Vorfasnacht-Happenings ist ungebrochen. Mit allerlei Komik und Klamauk und einem reichhaltigen Musikprogramm wird so ziemlich für jeden Geschmack etwas Passendes serviert. Die Ausgabe 2020 kann sich qualitativ sehen und hören lassen und gehört nach wie vor zu den Grand-Slams der Baselbieter Vorfasnachtsveranstaltungen.

Wo aber endet der feinsinnige Witz mit funkelnden Wortspielen, und ab wann gehts über in deftigen und brachialen Humor, der eher an den Stammtisch passt? Wie viel und welcher Stil von Pfeifen, Trommeln und Guggenmusik ist erträglich, um auch die Puristen von traditioneller Fasnachtsmusik bei Laune zu halten? Solche Fragen und Betrachtungen sind bei den Fasnachts-Habituées und dem allgemein verwöhnten Publikum alljährlich die Basis für die Bewertung dieses so beliebten Cabarets.

Der persönliche Geschmack ist aber so individuell und unterschiedlich, dass die Grenzen immer fliessend verlaufen. Und es ist ja niemand gezwungen, sich vor lauter Lachen ständig zu krümmen oder sich die Hände wund zu klatschen. Als Fasnachts-Gourmet sucht man sich die wirklichen Häppchen eben à la carte heraus, und von denen gab‘s an der Vorpremiere reichhaltig zu naschen.

Von Carl Spitteler bis Klima-Greta

Vorhang auf, die närrische Party beginnt. Und das mit den gastgebenden Pfeifern und Tambouren, die als Artisten mit dem Zirkusmarsch «Monty» ein erstes Ausrufezeichen setzten. Mit einer würdigen Hommage an die beiden grossen Baselbieter Carl Spitteler und Oskar Bider erteilten zwei perfekt nostalgisch gekleidete Cabarettisten im Prolog dann dem Publikum etwas Geschichtsunterricht. Spittelers Bestseller «Olympischer Frühling» kam dabei genau so witzig zur Sprache wie die Sicht des Flugpioniers Bider von oben herab auf Liestal. Ein starker Auftritt! Carl Spitteler, alias Thomas von Arx, machte sich indes 100 Jahre nach seiner Nobelpreisverleihung so seine Gedanken über die Gesellschaft und lästerte etwa über den alten KV-Saal wie auch über das neue Logo der Kantonalbank.
Auch die junge Garde der Rotstab-Clique ist musikalisch gut unterwegs. Das haben sie mit dem perfekt gespielten Klassiker «Arabi» eindrücklich unter Beweis gestellt und angedeutet, dass auch dem traditionellen Trommeln und Pfeifen in Liestal nach wie vor gehuldigt wird. Derweil trumpften die Tambouren akustisch und optisch mit einer Trommelshow auf, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss. Auf dunkler Bühne wurden da mit Leuchtschlegeln Lichteffekte auf die Trommeln gezaubert – besser bringt es keiner aufs Fell.

OK-Chef Dieter Epple hat zusammen mit den Regisseuren Thomas von Arx, Maik van Epple und Barbara Kleiner seit Jahren ein gutes Gespür für den Humor der Leute auf der Strasse. Das kam in den Rahmenstücken thematisch gut zum Ausdruck. Mit dem Sketch «Wo hesch s Gebiss?» wurde sodann topaktuell die Eröffnung der Altersresidenz Tertianum aufs Korn genommen. Das taten die Cabarettisten wie immer in ständigem Klamauk mit viel schauspielerischer Komik und Klasse. Dabei kam das Veralbern der alten Leute eigentlich lustig und witzig daher. Wenn aber der 90-jährigen Rosa zum Geburtstag ein Vibrator geschenkt wird, mag das eine Männerrunde am Biertisch vielleicht lustig finden, an einem öffentlichen Anlass sind solche Anzüglichkeiten aber unter der Gürtellinie einzuordnen.

Von einer ganz anderen Seite zeigten sich diese sieben Witzbolde im Stück «Dr neu Leu» dann in der Wüste als wilde Tiere, die unter dem Klimawandel zu leiden haben. Im etwas zu langen und holprigen Ablauf mit wenig Pointen wurde sehnlichst die Öko-Queen Greta heraufbeschworen. Sie erschien dann auch mit einer Horde von Protestlern und gab wuchtig singend zusammen mit den Wüstentieren ein prächtiges Bühnenbild ab. Gut gebrüllt Löwe!

Zoff im Netz und ein Bänggler von der Rolle

Trotz einigen Durchhängern mit sprachlichen Aussetzern und dem typischen Premieren-Groove kommt der Auftakt in die Liestaler Bühnenfasnacht gut an und sorgt für viele Lacher. Allen voran die Schnitzelbänke vom «Spitzig Ryssblei». Souverän, pointiert und spritzig mit viel Lokalkolorit bringt er seine Verse auf die Bühne. Einen schweren Unfall in Liestal beschreibt er so: «Uf der Intensivstation aber füehl i mi halber bsoffe, derby hani nur e Schluck Lieschtler Wasser gsoffe».

Souverän «Spitzig Ryssblei».

Souverän «Spitzig Ryssblei».

Völlig von der Rolle präsentierte sich dagegen der zweite Bänggler «Papageno», der für seinen Auftritt in Liestal schlicht nicht bereit war. Umso erfrischender dafür der Vortrag der Rotstab-Pfeiferinnen. Vor dem schönen Bild eines Ziegelhof-Bierwagens, in Pferdekostümen gekleidet, gaben sie unter dem Dirigat des englischen Instruktors Paul Wilman den «Rossbolle zum Besten – ein Ohrenschmaus! Genauso wie der «Lord Of The Dance» bei dem der Stamm die Bühne pfeifend, trommelnd und tanzend in eine irische Szenerie verzauberte.

Das Rotstab-Cabaret hält sich zwar ans Bewährte, mit dem Rahmenstück «Zoff im Netz» wurde nun aber sowohl inhaltlich, choreografisch und mit Filmeinspielungen Neuland betreten. Vor dem Hintergrund der Suche nach dem diesjährigen Rotstab-Fasnachtssujet haben die Cabarettisten als Verteter von Google, Wikipedia, Instagram und Facebook die digitalen Medien in ein Riesenchaos gestürzt und alles durch den Kakao gezogen, was irgendwie mit Internet zu tun hat. Sackstark!

Die digitalen Medien in ein Riesenchaos gestürzt: die Cabarettisten mit der Nummer «Zoff im Netz».

Die digitalen Medien in ein Riesenchaos gestürzt: die Cabarettisten mit der Nummer «Zoff im Netz».

Für den ultimativen finalen Rausch sorgten wie immer die Stedtlisingers in ihrem allmählich ausgeleierten, aber immer noch eleganten Frack-Outfit. Das ulkige Septett, allesamt begnadete Sänger und Schauspieler mit dem Gespür für witzige Choreografien, hat die Gabe, sich über allerlei Ungereimtheiten in pfiffigen Pointen lustig zu machen, und das verpackt in bekannte Songmelodien. Dabei haben sie über die Patrouille Suisse und das gendergerechte Verbot der «Maitlibei»genauso gelästert wie über die Posse mit der Fahne an der weissen Fluh. «Johrelang hängt si dört – kei Sau het die Fahne jemols gschtört!»

Das Rotstab-Cabaret findet noch täglich bis Samstag 29. Februar im KV-Saal statt. Vorstellungsbeginn ist um 19.30 Uhr.

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