Kunstraum Riehen
Das neue Leben der albanischen Bunker

Die Ausstellung «Concrete in Common»präsentiert eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Bunkern in Albanien. Diese liess der Dikator Enver Hoxha zwischen 1945 und 1985 gegen imaginäre Feinde errichten.

Tumasch Clalüna
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Die Bunker sind immer noch allgegenwärtig als Ruinen. zvg

Die Bunker sind immer noch allgegenwärtig als Ruinen. zvg

Am Anfang waren die Bunker, kleine Betonkuppeln, die über die Berge, Strände und Felder Albaniens verstreut sind. Rund 750 000 dieser wie Pilze anmutenden Bauten liess der Diktator Enver Hoxha zwischen 1945 und 1985 errichten: gegen imaginäre Feinde, die nie kamen und um die Bevölkerung in dauernder Alarmbereitschaft zu halten.

Nach der Wende blieben sie übrig, als Mahnmal an die Schrecken der Diktatur und als tägliches Ärgernis, denn sie verschandeln die schönsten Strände, behindern die Feldarbeit oder müssen aufwändig versetzt werden, um neuen Gebäuden Platz zu machen. Theoretisch gehören sie immer noch dem Verteidigungsministerium, doch da niemand sich mit diesen Überresten einer unrühmlichen Vergangenheit beschäftigen wollte, begann die Bevölkerung, die Bunker selbst zu nutzen. Als Weinkeller, Fundament für ein Restaurant oder als Unterstand für Hirten und Herden .

In letzter Zeit haben auch junge Künstler und Architekten angefangen sich für diese Überreste des Systems zu interessieren und hinterfragen mit zahlreichen Interventionen deren Rolle im paranoiden Weltbild der Diktatur und wie eine Auseinandersetzung damit für die zukünftige albanische Gesellschaft nützlich sein kann.

Drei umgedrehte Kuppeln

So auch Niku Alex Muçaj, der für sein Diplom am Hyperwerk Basel drei Bunkerkuppeln umgedreht und in eine Bühne verwandelt hat. «Ich verstehe diese Bühne als neue Form der antiken Agora», erklärt er. «Ein offener Ort, an dem künstlerische und politische Ideen präsentiert und diskutiert werden können.» Sein Projekt Konverscene/Konverskëne stellt er mit anderen bunker-bezogenen Kunstwerken bis zum 7. September im Kunstraum Riehen aus. Zwar nicht die Bühne selbst – die steht im Kunstraum Tirana Ekspres in der albanischen Hauptstadt – aber eine Dokumentation der Umgestaltung zur Bühne, sowie ein Konzert des albanischen Violinisten Ethen Qerimi, das dort stattgefunden hat.

Für den anderen Teil der Ausstellung zeichnet Elian Stefa von Concrete Mushrooms verantwortlich. Concrete Mushrooms entstand 2009 am Politecnico di Milano als Internetplattform, die Forschungsbeiträge und künstlerische Interventionen rund um die albanischen Bunker versammelt. «Ich habe sehr von ihrer Vorarbeit profitiert, deshalb war klar, dass ich diese Ausstellung mit Elian zusammen machen will», sagt Muçaj.

Bunker als Hostel nutzen

Eine Idee, die als Modell in der Ausstellung gezeigt wird, war beispielsweise die Nutzung der Bunker als Hostel. Weitere Beiträge sind eine Fotoserie der polnischen Fotografin Alicja Dobrucka, die Bunker in den verschiedensten Landschaften dokumentiert und so ihre Allgegenwart demonstriert, ein Video von Leonard Qylafi, das den gesellschaftlichen Wandel und Umbau, symbolisiert durch einen Bagger, mit Aristoteles’ Politeia zusammenbringt, und ein typisch albanisches Wohnzimmer, bestückt mit Einheitsmöbeln der grössten Möbelfabrik des Landes; im Bücherregal finden sich (fast) sämtliche Werke Enver Hoxhas.

Das ärmste Land Europas nach 40 Jahren Isolation. Concrete in Common erinnert an die dunkle Geschichte des Totalitarismus und lässt zugleich hoffen, dass deren Aufarbeitung durch die Kunst mithelfen wird, das Land zu öffnen und für eine bessere Zukunft zu rüsten.

Kunstraum Riehen Concrete in Common, bis 7. September