Feldreben-Areal

Der Altlastenexperte warnt: «Die Gutachter haben vorschnell geurteilt»

Altlastenexperte Martin Forter: "Wenn alles angeblich so unbedenklich ist, warum empfehlen die Gutachter dann eine Lüftung?"

Altlastenexperte Martin Forter: "Wenn alles angeblich so unbedenklich ist, warum empfehlen die Gutachter dann eine Lüftung?"

Das Luftqualitäts-Gutachten für das ehemalige Deponiegelände in Muttenz, auf dem ein Bundesasylzentrum geplant ist, fällt positiv aus. Doch der Altlastenexperte Martin Forter zweifelt am Gutachten, dass der Kanton Baselland präsentiert.

Es ist das Urteil, das sich der Kanton Baselland erhofft hat: «Es liegt keine Gefährdung für die geplante temporäre Wohnnutzung vor», schreibt das Oltner Ingenieurbüro Sieber Cassina und Partner (SCP) im Schlussbericht ihres Luftqualitäts-Gutachtens zum Muttenzer Feldreben-Areal, auf dem der Bund ein grosses Registrierungszentrum für Flüchtlinge plant. Der Bericht, den die bz vor zwei Wochen publik machte, ist gestern auf der Kantons-Website veröffentlicht worden. Für Altlastenexperte Martin Forter, der sich seit Jahren für eine Totalsanierung der ehemaligen Chemiemülldeponie einsetzt, weist er aber diverse Schwächen auf.

Herr Forter, liest man als Laie die Schlussfolgerungen des Gutachtens, so scheint alles bestens...

Martin Forter: Ja, aber aus meiner Sicht wurde es schlicht von der falschen Firma, einem Geologiebüro, erarbeitet. Um zu wissen, wie gesundheitsschädigend die Deponiestoffe auf dem Areal sind, braucht es Toxikologen. Wenn ich ein Problem mit meinem Wasserhahn habe, lasse ich schliesslich auch keinen Zimmermann kommen.

Der Kanton hat ja ein toxikologisches Folgegutachten beim Kantonsarzt in Auftrag gegeben. Zerstreut das Ihre Bedenken?

Ein toxikologisches Gutachten ist das einzig richtige. Allerdings wird es auf den Messungen von SCP und deren methodischen Schwächen basieren. Nun zahlt der Kanton also zwei Gutachten, die nicht über alle Zweifel erhaben sind. Besser wäre es gewesen, SCP wären von Anfang an von Toxikologen unterstützt worden.

Was für Schwächen meinen Sie genau?

Die Raumluft etwa wurde soweit ersichtlich mittels der sogenannten «Headspace»-Methode untersucht. Diese eignet sich aber eher für Wasser- denn für Luftmessungen. Und die Aktivkohle-Passivsammler, die in den Gebäuden verteilt wurden, um die Schadstoff-Emissionen neun Tage lang zu messen, reichen als Analyse-Grundlage ebenfalls nicht aus. Man hätte die Luft aktiv ansaugen und die Konzentration der Proben so anreichern müssen, damit vorhandene Schadstoffe eher sichtbar werden. Mir fallen sofort rund 20 Substanzen ein, die in der Deponie Feldreben vorkommen, aber nicht im Gutachten.

Das Gutachten hält durchaus fest, dass typische Deponiegase wie Tri- oder Tetrachlorethen gefunden wurden. Aber in einer Konzentration, die weit unter den Grenzwerten liege.

Ja, es wurden eindeutig Deponiegase nachgewiesen, die aus dem Chemiemüll von BASF, Novartis und Syngenta stammen. Um die Belastung in den zukünftigen Wohnräumen zu beurteilen, bezieht sich SCP aber auf die Maximalen Arbeitsplatzkonzentrationswerte (MAK) sowie auf die Grenzwerte der Altlastenverordnung. Das Wohnen in einem Asylzentrum – und dauert es auch nur zwei Wochen – ist aber nicht mit einem Arbeitsplatz zu vergleichen. Und die Altlastenverordnung regelt die Schadstoffe in erster Linie aus Umweltsicht. Das ist der falsche Massstab, um die Wohnsituationen auch von Kindern zu beurteilen. Ausserdem können 20 Substanzen einzeln allesamt unbedenklich sein, in Kombination miteinander dann aber doch gesundheitsschädigend wirken.

Aber ist es nicht so, dass in der Schweiz gar keine Grenzwerte für Wohnen definiert sind?

Schon, aber man hätte wenigstens zum Vergleich die Innenraumbelastungswerte nehmen können, die es zum Beispiel in Frankreich für einzelne Substanzen gibt. Eine Passivsammler-Probe im Untergeschoss wies beispielsweise 17 Mikrogramm pro Kubikmeter vom krebsauslösenden Trichlorethen auf. Das Gutachten tut dies als weitgehend vernachlässigbar ab. In Frankreich gelten im Wohnbereich bereits Werte ab 10 Mikrogramm als bedenklich und sollten reduziert werden. Würden Sie ihre Kinder an so einen Ort schicken?

Die Gutachter empfehlen ja, «bei intensivem Personenaufenthalt in den Untergeschossen allenfalls eine Lüftung einzurichten»...

Das ist es ja: Wenn alles angeblich so unbedenklich ist, warum empfehlen sie dann eine Lüftung? Das müssen jetzt unbedingt die Toxikologen beurteilen.

Was halten Sie von der Erklärung, dass die meisten der nachgewiesenen Substanzen auf die neuen Farbanstriche oder den Strassenverkehr zurückzuführen seien?

So einfach ist es nicht, schliesslich hat die Basler Chemie unter anderem auch Farben hergestellt. Praktisch alle Substanzen, die jetzt in der Luft nachgewiesen wurden, kommen auch in der Deponie unter den Bauten vor. Die Belastung könnte also auch von dort stammen. SCP haben ein vorschnelles Urteil gefällt.

Sie lassen an dem Ingenieurbüro kein gutes Haar.

Ich staune einfach darüber, dass der Kanton wieder genau jenes Büro beauftragt hat, das sich bei ihrem letzten positiven Gutachten im November auf Messungen von 2007 gestützt hatte und deshalb in die Kritik geriet. Ich will keine Absicht unterstellen, aber es passt einfach dazu, wie der Kanton in den letzten zehn Jahren mit der Feldreben-Deponie umgegangen ist.

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