Basel
Der Basler Stadtentwickler weiss sich in Szene zu setzen wie kein Zweiter

Anfang Woche hatte er wieder Aufwind. Thomas Kessler. Am Wochenende fanden Party-Demos statt. Junge Menschen, die sich freitanzten. Rasch musste eine Erklärung her. Kessler war sogleich zur Stelle.

Aline Wanner
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Ob «Magazin», «Weltwoche», «Tages-Anzeiger» oder «Cash»: Thomas Kessler weiss stets etwas Schlaues zu sagen.

Ob «Magazin», «Weltwoche», «Tages-Anzeiger» oder «Cash»: Thomas Kessler weiss stets etwas Schlaues zu sagen.

Im «Tages-Anzeiger» vom Dienstag, 5. Juni 2012, sagte er: «Wir stehen am Übergang von der alemannisch-ruralen zur urban-mediterranen Lebensweise Wir deutschsprachigen Bauern merken nun also, dass unsere Mitmenschen am Meer es eigentlich ganz nett haben draussen am Wasser und tun es ihnen gleich.

Ausser wir halten uns gerade in einer staatlich geförderten 3,5-Zimmer-Wohnung auf. Diese, sagte Thomas Kessler vor zwei Wochen am Rande einer Pressekonferenz zum St. Johann, seien nämlich in Zukunft besonders wichtig. Ein klares Bedürfnis von getrennten und wieder neuvereinten Einzel-Eltern. Die Debatte über Sinn und Unsinn von
3,5-Zimmer-Wohnungen nimmt derzeit eine ähnliche Dimension an, wie diejenige über Sinn und Unsinn der Grillmeile am Rhein. Auslöser: Thomas Kessler wünschte sich im «Regionaljournal» im Sommer 2009 «mehr gehobene Gastronomie» anstelle von Würsten. Sofort spaltete sich die Stadt in Pro- und Kontra-Grilleure. Diskussions-Input à la Kessler.

Kafkaeske Asylverfahren

Einen interessanten Denkanstoss lieferte Kessler auch am 23. Januar im «Blick» mit seiner Einordnung zu den jungen Männern aus dem Maghreb, die der Arabische Frühling im vergangenen Jahr in den europäischen Sommer getrieben hatte: «Meine Erkenntnisse beruhen auf Gesprächen mit Verantwortlichen der Grenzwache, von Asylberatungsstellen bis zum Arbeiterhilfswerk und dem Bundesamt für Migration. Zur aktuellen Situation direkt befragt, schätzen alle aktuell mehr als 90 Prozent Wirtschafts- und Abenteuermigranten.» Zwei Tage zuvor sagte Kessler zum «Tages-Anzeiger»: «Die Asylverfahren sind kafkaesk.» Kritik à la Kessler.

Sein Vorgesetzter, der grüne Basler Regierungspräsident Guy Morin, zeigte sich erfreut über einen Chefbeamten, der seine Meinung sagt. Ganz im Gegensatz zum Gesamtregierungsrat, der das Thema wie die Medien kurzfristig auf seine Traktandenliste setzte. Regierungssprecher Marco Greiner bezeichnete Kesslers Vorgehen gegenüber der «Basler Zeitung» als «ungewöhnlich». Das, obwohl die Regierung über zwanzig Jahre Zeit gehabt hatte, sich an die Kessler’sche Vorgehensweise zu gewöhnen.

Klimawechsel am Rheinknie

Der Journalist Daniel Gerny konstatierte bereits 1999 für das «Cash»: «Nicht verzagen, Kessler fragen!». Im Text wird der ehemalige grüne Zürcher Kantonsrat Kessler als wundersamer Drogendelegierter beschrieben, der es geschafft hatte, bereits kurze Zeit nach seinem Amtsantritt 1991 in Basel einen «Klimawechsel» am Rheinknie zu bewirken. Kesslers Strategie wird von einem seiner Weggefährten so beschrieben: «Jeder darf sagen was er will, am Schluss wird gemacht, was Kessler von Anfang an wollte.» In diesem Falle war es «Regulation anstelle des historischen Irrtums der Drogenprohibition» wie Kessler selbst in der gleichen Zeitung vier Jahre zuvor darlegte.

Kessler bewies auch als Integrationsbeauftragter, einen guten Riecher für das richtige Konzept zu haben. Es heisst «Fördern und Fordern». In der «NZZ am Sonntag» führte er am 9. März 2008 seine Ideen aus: «Am Beispiel der Integrationspolitik testet Basel-Stadt seit genau zehn Jahren den Umbau des staatlichen Handelns vom reparierenden Defizit-Ansatz hin zum innovativen Potenzial-Ansatz.» Problemlösung à la Kessler.

«Das Magazin» kürte den umtriebigen Ideengenerator im August 2010 zu einem der «agilsten und unkonventionellsten politischen Denker im Land». Kessler, schrieb Martin Beglinger, habe in der Schweiz eine einmalige Position. Der Stadtentwickler nutzte wie immer die Gunst der Stunde. Und beurteilte die Lage des Landes: «Zürich, Bern, Basel und Genf sind aus der Sicht von China Quartiere, und dazwischen gibt es grosszügige Stadtparks, wo man sich sogar das Aufstellen von Kühen und Bergbahnen leisten kann.» Analyse à la Kessler.

Kessler nutzt jede Plattform geschickt

Dass der Kessler-Effekt funktioniert, haben längst alle erkannt. Ob in der «Basler Zeitung», im «Tages-Anzeiger», in der «SonntagsZeitung», im «Blick» oder in der «Weltwoche»: Kessler nutzt jede Plattform geschickt, um sich und seine Ideen national in Szene zu setzen. Mit nachhaltiger Präsenz. Das Modell Kessler, sagt der Zürcher Soziologie-Professor Kurt Imhof, dem Basler Stadtentwickler zumindest in Bezug auf die Anzahl öffentlicher Auftritte nicht ganz unähnlich, funktioniere nicht zuletzt deswegen, weil Kessler nationale wie regionale Reputation miteinander verknüpfe.

Regional mag man sich über ihn ärgern, man sei dennoch stolz, wenn er «Basler Ideen» in die Schweiz hinaustrage. Sie mögen ihn deshalb ganz gut, diesen Kessler. Der Basler Regierung bleiben indes noch zehn Jahre, um sich an das «ungewöhnliche» Vorgehen zu gewöhnen.