Der klimaneutrale Goldesel

Wie Basel-Stadt mit einem Einsatz von 31 Millionen Franken 43 Millionen Franken spart. Die Erfolgsgeschichte eines Rahmenkredits.

Christian Mensch
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Die teure Sanierung des Theater Basel wurde zu 10 Millionen als Klimamassnahme verrechnet.

Die teure Sanierung des Theater Basel wurde zu 10 Millionen als Klimamassnahme verrechnet.

Bild: Drohnenbild bz ( 15. April 2021)

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der 33,5-Millionen-Franken Rahmenkredit, den Basel-Stadt vor 13 Jahren für eine «klimaneutrale Verwaltung» geschaffen hatte, war ein Flop – und er war doch top. Die Verwaltung war mit der Umsetzung überfordert – und hat die Ziele übertroffen. Nun wird er liquidiert.

Die Geschichte lässt sich als Erfolgsstory erzählen, wonach sich nachhaltige energetische Massnahmen tatsächlich rechnen. Im Jahr 2008 bewilligte der Grosse Rat einen Rahmenkredit, der zur «klimaneutralen Verwaltung» beitragen sollte. Vorausgegangen war eine bis heute unveröffentlichte Studie, die besagte, eine solche sei innerhalb von 25 Jahren mach- und finanzierbar. Anzusetzen sei beim Gebäudepark, der vier Fünftel der Emissionen ausmache. Schon die Vorfreude zeigte Wirkung: Die Stadt erhielt die Goldmedaille des Forum European Energy Award.

Der Betrag von 33,5 Millionen hatte zwar etwas Willkürliches, da Daniel Wiener, der Öko-Vordenker der damaligen Baudirektorin Barbara Schneider, von einem Bedarf von 250 Millionen Franken ausgegangen war. Doch die Summe richtete sich auch nicht nach dem Bedarf, sondern nach den personellen Ressourcen des Departements, das Geld energetisch zu verbauen.

Das erste Pilotprojekt sollte stilbildend sein: Das Informatik-Zentrum am Steinengraben hätte mit Zusatzmitteln aus dem Rahmenkredit ein Öko-Vorzeigebau werden sollen. Der Vorteil: Die aus dem Ruder laufenden Kosten erhielten ein grünes Mäntelchen. Das Zentrum wurde jedoch nie gebaut, Finanzdirektorin Eva Herzog zog 2010 den Stecker. Das Nachhaltigkeitsgeld blieb im Topf.

56000 Tonnen weniger CO2 für die Umwelt

Das Pilotprojekt war zumindest darin stilbildend, dass die Verwaltung weiterhin Mühe bekundete, das Geld auszugeben. Bereits 2013 meldete die Regierung in einem Zwischenbericht, der Kredit werde nicht wie geplant bis 2015 ausgeschöpft sein. Nach einer dreijährigen Verlängerung waren weiterhin erst 27 Millionen Franken ausgegeben. Auf Druck der Finanzkontrolle wurde das Programm Ende 2020 offiziell gestoppt. Noch immer hatten sich für nun 2,5 Millionen Franken keine Verwendung finden lassen.

Das Resultat lässt sich dennoch sehen: Mit den eingesetzten rund 31 Millionen Franken konnten 245000 Megawatt Energie gespart werden und wurde die Umwelt um 56000 Tonnen CO2 entlastet. Dies sei so viel, wie für die Beheizung von 16000 Einfamilienhäusern während eines Jahres verbraucht wird. Anschaulicher noch: Der Barwert der gesparten Energie über die gesamte Lebensdauer der Massnahmen beträgt gut 43 Millionen Franken. Anders gesagt: Der Rahmenkredit erzielte einen Nutzen von 12 Millionen Franken.

Der Erfolg gibt allerdings auch jenen Grossräten recht, die in der vorberatenden Kommission monierten, das Projekt sei überflüssig: Wenn sich die Investition rechne, gebe es keine Notwendigkeit, diese über einen Sondertopf zu finanzieren. Ein Blick in die Liste realisierter Projekte zeigt jedoch, wie unterschiedlich diese gelagert sind.

Die wohl unsinnigste Klima-Investition wurde bei der Sanierung des Schulhauses Hirzbrunnen geleistet. Um den Minergie-P-Standard zu erreichen, wurde mit 2,6 Millionen Franken aus dem Rahmenkredit die Lüftungsanlage erneuert, was einen Barwert von lediglich 210000 Franken ergab. Verlust: 2,4 Millionen.

Für die Galerie war der Einbau ästhetischer Solar-Module beim AUE-Neubau an der Schifflände. Die 750000 Franken Mehrausgaben wurden aus dem Rahmenkredit finanziert, wodurch ein Gegenwert von 53000 Franken erzielt wurde. Verlust: 700000 Franken.

Der effizienteste Mitteleinsatz erfolgte beim Untersuchungsgefängnis Waaghof. Die Umrüstung auf LED-Beleuchtung wurde mit 80000 Franken aus dem Kredit finanziert, was half, eine Million Franken zu sparen. Der Einsatz hat sich verdreizehnfacht.

Effizient war auch der Ersatz der Lüftungszentrale bei der Bezirkswache Clarastrasse. Aus dem Einsatz von 200000 Franken errechnet sich einen Nutzen von gut einer Million Franken.

Ein Drittel wurde ins Theater Basel gesteckt

Damit der Kreditrahmen doch noch einigermassen ausgeschöpft werden konnte, bediente sich die Verwaltung zuletzt kräftig daraus. Mit drei Millionen Franken wurde die 105-Millionen-Franken teure Sanierung der St.Jakobshalle mitfinanziert. Mit 2,1 Millionen Franken wurde zudem die 50-Millionen-Franken-Sanierung der Spiegelhof, dem Sitz des Justiz- und Polizeidepartements, alimentiert. Bei beiden Projekten, so die Prognose, werden sich die Investitionen rechnen.

Die Sanierung des Theater Basel war schliesslich das grösste Projekt für eine «klimaneutrale Verwaltung» – und sie entpuppte sich als Glücksfall. Zum einen konnte die Verwaltung die Gesamtkosten von 72 Millionen Franken buchhalterisch um 10 Millionen Franken reduzieren, die als Rückstellung mit dem Rahmenkredit gesprochen worden waren. Dass damit ein Drittel dieses Kredits in eine Sanierung gesteckt wird, war zwar nicht im Sinne der Erfinder, doch es erleichterte wesentlich die Leerung des Topfes. Zum anderen machte sich die Investition auch auf der Nettoseite gut: Der 10-Millionen-Franken-Ersatz für die veraltete Lüftung spart Energie im Wert von 17,6 Millionen Franken. Nutzen: 7,6 Millionen Franken.