«Für einen alten Sack wie mich ist es schön, dass die Jungen von meinen Erfahrungen profitieren wollen», sagt der 53-jährige Reto Spinas, der seit zwölf Jahren in der Elektrobranche arbeitet: vom Elektriker bis zum bauleitenden Monteur, mal mit Festanstellung mal nur temporär. Beim Gespräch mit der bz sitzt er vor dem Basler Volkshaus, gegenüber dem Gewerkschaftshaus. Bei Kaffee und Zigarette schwelgt der Büezer in Erinnerungen an ehemalige Lehrlinge: «Da kam einmal ein Projektleiter auf die Baustelle und stellte Behauptungen auf, wie dieses und jenes gemacht werden sollte. Und da entgegnete ihm der Lehrling: ‹Dann machs doch selbst!›» Der Projektleiter habe darauf nichts erwidert, doch selber Hand angelegt und gemerkt, dass seine Behauptungen falsch waren. Spinas hätte seinem Schützling nicht so viel Mut zugetraut. «Das hat mich schwer beeindruckt», resümiert Spinas mit einem breiten Grinsen.

«Sie fanden es toll, dass ich mich geopfert habe»

Gleich darauf drückt der Gewerkschafter in ihm hervor: «Die Jungen werden heute verheizt.» Das Unia-Mitglied habe bei seinem letzten Job alleine mit sieben Stiften 16 Wohnungen verkabeln müssen. Obwohl Lehrlinge eigentlich keine Überstunden machen dürften, hätten sie teilweise bis zwei Uhr morgens schuften müssen, nur um am nächsten Tag wieder um sieben Uhr auf der Baustelle zu erscheinen. «Die Betriebe wollen heute bereits nach eineinhalb Lehrjahren an den Lehrlingen verdienen», ärgert sich Spinas, der sich auch als Motivator sieht: «Man muss die Jungen auf der persönlichen Ebene abholen.» Dazu gehört für ihn, dass er letztes Jahr am Sonntag vor dem Morgestraich zusammen mit den Lehrlingen in den Ausgang ging. Diese schleppten den bodenständigen Elektriker in einen Nachtklub, in dem sie bis zum Morgestraich feierten: «Sie fanden es toll, dass ich mich geopfert habe.»

Im Moment ist er temporär bei der IWB und leitet den Ausbau des Glasfasernetzes im Gundeldingerquartier und im Kleinbasel. Bis 2017 sollen die Arbeiten beendet sein. «Der Zeitdruck wird immer auf die Mitarbeiter abgewälzt, was nebst den Überstunden auch zu stressbedingten Unfällen führen kann.» Der Vater einer 16-jährigen Tochter lässt sich aber nicht mehr stressen: «Wenn mir die Arbeitsbelastung zu gross wird, dann mache ich eine Pause oder suche mir einen neuen Arbeitsort.» Heute kann er es sich leisten, nicht mehr alles mitmachen zu müssen. «Der junge Familienvater muss dagegen oft kuschen. Da heisst es, Ende Monat einen Fünfziger mehr haben oder nicht.»

Gegenpol zur SVP

Gerade im Temporärbereich bestehe verstecktes Lohndumping: «Der Lohn sieht zuerst gut aus, doch dann stellt er sich oft als Brutto-Brutto-Lohn heraus.» Spinas meint damit, dass nebst den üblichen Abzügen auch noch der 13.Monatslohn und die Ferienentschädigung abgezogen werden: «Dann bleibt netto nicht viel übrig.» Auf der Baustelle wird über Gott und die Welt gesprochen: «Wir reden über das Fernsehprogramm oder über den GAV, der 2012 ausläuft. «Die Unia ist für mich ein Gegenpol zur SVP und den Arbeitgebern, weil die das Geld haben.» Bereits mit 27 Jahren, als er noch im Telekombereich tätig war, trat er in die Gewerkschaft VPOD ein: «Ich habe einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn.» Dieser hat aber nichts mit dem Parteiprogramm der SP zu tun: «Der normale Büezer hat keine Partei.» Das heisst für ihn, nur die Unia setzt sich für den Arbeiter ein.

Sein 1.Mai beginnt heute um 10 Uhr auf dem Messeplatz und endet kurz vor 18 Uhr mit dem Abräumen am Barfüsserplatz. Passend zum Tag der Arbeit stellt er sich zum Schluss eine Frage, die ihn schon lange verfolgt: «Bin eigentlich nicht ich der wahre Arbeitgeber? Schliesslich gebe ich meine Arbeit, und mein Chef nimmt sie.»